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Von oben sieht's ja ganz idyllisch aus: Olympische Golfanlage in Rio de Janeiro.
Von oben sieht's ja ganz idyllisch aus: Olympische Golfanlage in Rio de Janeiro.(Foto: REUTERS)

Nach 112 Jahren wieder olympisch: Golfturnier in Rio - es regiert das Chaos

Von Malte van Oven

Korruptionsvorwürfe, Ärger mit Umweltschützern, unübersichtliche Qualifikationskriterien: Vor dem Olympischen Golfturnier in Rio de Janeiro im Sommer nächsten Jahres ist mächtig Dampf auf dem Kessel. Eine Standortbestimmung.

Es sind nur noch zehn Monate, bis die Vorfreude der Fans gestillt wird. Die Sportart Golf wird 2016 erstmals nach 112 Jahren wieder olympisch vertreten sein, wenn vom 5. bis zum 21. August in Rio de Janeiro die Sommerspiele stattfinden. Dass die kleinen weißen Kugeln über die Grüns rollten, ist tatsächlich eine Weile her: 1900 zur Weltausstellung in Paris und 1904 bei den olympischen Spielen in St. Louis wurde letztmals auf Fairways und Grüns um olympisches Edelmetall gespielt. De facto hat olympisches Golf also eine lange Tradition, die allerdings bereits 1908 abrupt abbrach - und das aus Mangel an interessierten Teilnehmern.

Vor dem ersten Abschlag könnte die Vorfreude bei allen Beteiligten am Platz in Barra di Tijuca nicht größer sein. Eigentlich. Denn zuletzt gab es in den brasilianischen Medien fast nur Negativschlagzeilen rund um Olympia. Die Segler müssen Ihre Trainingswettkämpfe in verunreinigtem Wasser austragen - und auch um den olympischen Golfplatz, der teilweise in das Naturschutzgebiet "Reserva de Marapendi" gepflanzt wurde, herrscht seit Monaten Stunk.

Korruption, Umweltschutz, Verzögerungen

Besonders bei der brasilianischen Bevölkerung und Umweltaktivisten ist Bürgermeister Eduardo Paes in Ungnade gefallen. Es dreht es sich eigentlich immer nur um die eine Frage: Warum wurde dieser Golfplatz überhaupt errichtet? In Rio gibt es bereits zwei vorzeigbare Golfplätze - und die Sportart gilt im Lande als keineswegs populär. Die Antwort scheint einfach: Um das Golfareal entstehen Luxuswohnungen, gebaut von riesigen Baukonsortien. Sie sollen das Land von der Stadt angeblich für einen Spottpreis erworben haben - und zudem den Wahlkampf von Paes entscheidend protegiert haben.

Protest: Und der richtet sich auch direkt gegen den deutschen Präsidenten des IOC.
Protest: Und der richtet sich auch direkt gegen den deutschen Präsidenten des IOC.(Foto: REUTERS)

Für die Umweltgruppe mit dem Namen "Ocupa Golfe" ist dagegen das Bebauungsland ein Dorn im Auge: Über Monate kämpften sie gegen das rund 20 Millionen Dollar teure Projekt und campierten in Barra da Tijuca - was eine empfindliche Verzögerung des Bauplans nach sich zog. "Man hält sich hier nicht lange mit der Umsiedlung der Tiere auf, die werden einfach erschossen", zitiert die "Süddeutsche Zeitung" den Ocupa-Golfe-Aktivisten Marcello Mello.

Doch was erwartet das Starterfeld mit seinen 60 Teilnehmern abseits der Kritik am 16. August? Der mit dem Design beauftragte amerikanische Architekt Gil Hanse beschreibt den Olympia-Kurs im US-Fernsehen als "extrem anspruchsvoll und herausfordernd". Die 18 Löcher sollen in einem möglichst hartem und schnellem Zustand präsentiert werden. Vorbild sind für Hanse und seine Kollegen die britischen Linkskurse mit dem typischen "Bump-and-Run-Spiel."

Kaymer und Siem relativ sorgenfrei nach Rio

Das IOC einigte sich für Rio auf reines Einzel-Zählspiel über 72 Löcher und jeweils vier Tage für Damen und Herren. Gold, Silber und Bronze wird an die Spielerinnen und Spieler mit den drei niedrigsten Schlagzahlen gehen, bei Gleichstand entscheidet ein Stechen. Mit der Wahl der Zählspiel-Modi orientiert man sich an den etablierten Turnierserien der European und PGA Tour. Dadurch verpasst man allerdings durchaus die Chance, den Teamgedanken der Spiele zu stärken und die ganz eigenen Mechanismen des Matchplays, das alle zwei Jahre beim Ryder Cup für Begeisterung sorgt, für die Präsentation des Golfsports auf globaler Bühne zu nutzen.

Die Qualifikationskriterien sorgen nicht überall für Begeisterung. So i st die Grundlage für die Sommerspiele die Golf-Weltrangliste: So werden voraussichtlich die bestplatzierten 15 des Official World Golf Rankings (OWGR) zunächst unabhängig von ihrer Nationalität direkt qualifiziert sein. Weitere 45 Startplätze des Teilnehmerfeldes werden dann ebenfalls über die Weltranglistenposition vergeben werden, beschränkt jeweils auf zwei Spieler pro Land, welches sein erweitertes Kontingent aus den Top 15 noch nicht ausgeschöpft hat. Allerdings könnten die Qualifikationskriterien noch vom IOC modifiziert werden, so dass aus den Top 15 nur vier Golfer jeweils ein Land vertreten dürften.

Die beiden Deutschen unter den Top 60 der Welt würde das nicht direkt tangieren: Martin Kaymer und Marcel Siem können sich daher schon einmal auf die Medaillenjagd einstellen. Für den zweifachen Major-Sieger Kaymer hat das olympische Turnier 2016 absolute Priorität: "Für mich hat eine Goldmedaille in diesem Jahr mehr Wert, als ein Major. Ich möchte diese Gelegenheit nicht verpassen." Vor 115 Jahren war das Prozedere noch deutlich unkomplizierter: Anno 1900 zur Pariser Weltausstellung bekam schon jeder Golfer eine Startberechtigung für das Championnat d'amateurs, der in einem Golfklub organisiert war und die Gebühr von 10 Francs aufbringen konnte. Wenn in diesem Sport doch immer alles so einfach wäre.

Quelle: n-tv.de

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