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DHB-Torwart Andreas Wolff ist ein Handball-Superstar. Die Frage ist: Wie lange?
DHB-Torwart Andreas Wolff ist ein Handball-Superstar. Die Frage ist: Wie lange?(Foto: imago/Annegret Hilse)

EM-Titel, Heldenverehrung - und dann?: Handballer arbeiten am nachhaltigen Rausch

Von Ullrich Kroemer, Leipzig

Spiel 1 nach der Sensations-EM wird für Deutschlands Handballer zur Party. Die Euphorie in Leipzig erinnert an den WM-Sieg 2007, doch damals folgte ein langer Kater und bitterer Niedergang. Nun zeigt sich: Der Handball hat daraus gelernt.

"Scheiß drauf, Malle ist nur einmal im Jahr", dröhnte es Sekunden vor Anpfiff aus den Boxen der Leipziger Arena. Der Fetenhit hatte zu Jahresbeginn auch bei jenen Menschen eine gewisse Prominenz erlangt, die normalerweise nicht zu Mallorca-Musik abgehen. Schuld war die deutsche Handball-Nationalmannschaft, die wenige Minuten nach dem Gewinn der Europameisterschaft zu dem Party-Titel so euphorisch in der Kabine herumgehüpft war. Knapp sechs Wochen ist der Überraschungscoup in Polen inzwischen her. Am Freitagabend nun hatte das Team des Deutsche Handball-Bundes (DHB) in Leipzig seinen ersten Auftritt nach dem Triumph. Und spätestens als der "Malle"-Song lief, war wieder alles wie bei der EM in Polen.

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Die Mannschaft des coolen Isländers Dagur Sigurdsson deklassierte den Vize-Weltmeister Katar beim 32:17 (17:9) - ähnlich wie die Spanier im EM-Finale. Keeper Andreas Wolff avancierte erneut zum Mann des Abends, hielt in der ersten Hälfte unter anderem alle drei Siebenmeter der Katarer. Jede Parade des EM-Helds wurde in der mit über 7000 Zuschauern ausverkauften Halle euphorisch gefeiert, überall leuchteten im Publikum knallgelbe Trikots mit Wolffs Nummer 33. Der Torwart ist eine jener dringend benötigten neuen Identifikationsfiguren seiner Sportart.

Obwohl gleich eine Handvoll Europameister fehlten, weil sie krank, verletzt oder mit ihren Klubs im Einsatz waren, war das Selbstvertrauen des DHB-Teams auch in Leipzig greifbar. Doch wie lange kann diese EM-Euphoriewelle tragen? Und wie nachhaltig ist der unerwartete Triumph für den deutschen Handball tatsächlich – sowohl aus sportlicher als auch aus Marketingsicht? Schließlich war die Nationalmannschaft wenige Jahre nach dem WM-Sieg 2007 in eine Krise geschlittert, die sie erst mit einem von Vize-Präsident Bob Hanning angestoßenen Modernisierungskurs sowie dem Amtsantritt von Dagur Sigurdsson im Jahr 2014 abschütteln konnte.

"EM-Titel wirkt wie ein Katalysator"

Bei einer Podiumsdiskussion der "Leipziger Volkszeitung" vor einer Woche war der Bundestrainer schon einmal in Leipzig gewesen. "Ich möchte, dass der Handball von dem aktuellen Hype so viel wie möglich profitiert", hatte Sigurdsson gesagt. Und Handball-Idol Stefan Kretzschmar hatte gefordert: "Gerade auf dem Höhepunkt muss man Akzente und Reize setzen, für Bekanntheit sorgen, dass es neue Stars gibt, die medial wahrgenommen werden und Sponsoren begeistern."

Das ist der Job von Mark Schober. "Am nachhaltigsten", sagt der Generalsekretär des DHB, "wirkt sportlicher Erfolg." Aus Erfahrung wissen die Handballer, dass sie immer dann in den Fokus rücken, wenn das Team bei Großveranstaltungen gewinnt. Dann bringt Handball Einschaltquoten im TV, Sponsoren werden aufmerksam – nach der EM hat der DHB bereits zwei neue Verträge abgeschlossen, Kinder melden sich in den Handballvereinen an. Schober sagt: "Der EM-Titel wirkt jetzt wie ein Katalysator, hilft, dass unsere vielen, bereits bestehenden Maßnahmen noch erfolgreicher sein können."

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Schober kann viele kleine und große Aktionen aufzählen, mit denen der DHB versucht, Aufmerksamkeit für den Handball zu schaffen und für die Zukunft in eine gute Ausgangsposition zu bringen. Im vergangenen Jahr etwa erreichte der DHB mit seinen Star-Trainings und Grundschul-Aktionstagen mit Schirmherr Sigurdsson 120.000 potenzielle Nachwuchshandballer in 1200 Schulen. Die Kampagne wird in diesem Jahr wiederholt, wahrscheinlich gibt es nach dem Titelgewinn weitaus mehr Bewerberschulen.

Die EM-Schale geht auf Reisen

Eine weitere Maßnahme: Ähnlich wie der WM-Pokal bei der Fußball-Nationalmannschaft geht auch die EM-Schale auf Reisen, um den Triumph auch für die Vereine greifbar zu machen. Um den Mitgliederschwund von einst 847.406 im Jahr 2009 auf aktuell 767.326 Mitglieder und 22.192 Mannschaften (2007/08: 26.743) zu stoppen, hat der DHB die brachliegenden Potenziale erkannt. Schober sagt, die Themen Migration, Inklusion oder die Gewinnung ehrenamtlicher Helfer stünden ganz oben auf der Prioritätenliste.

Um das zu forcieren, wird etwa in diesen Wochen eine neue Referentin für Mitgliedergewinnung beim DHB anfangen. Aktuell entsteht im Verband ein Konzept, das die Eigenschaften und Werte, die der Handball transportiert und die im Erfolgsfall zu solchen Sympathiewellen wie jüngst führen, greifbarer machen sollen. Bundestrainer Sigurdsson sagte: "Handball ist nicht so vom Geld gesteuert wie Fußball, da ist mehr Platz für Individualität und Nähe. Das ist die Stärke des Handballs."

Weiteres zentrales Thema ist die TV-Präsenz. Am Freitagabend übertrug die ARD live, die kommenden Test-Länderspiele werden von Sport1 und dem ZDF gezeigt. Um im Gegensatz zum vergangenen Jahr 2017 wieder Bilder von der WM im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zeigen zu können, verhandeln Schober & Co. an diesem Wochenende mit Vertretern von TV und Weltverband IHF, der die Rechte an Sender Al Jazeera verkauft hatten. "Wir müssen alles dafür tun, dass wir die WM 2017 im Free-TV platzieren können, um möglichst große Reichweite zu haben. Wir müssen den aktuellen Hype nutzen, um die Präsenz hochzuhalten", sagt Mark Schober.

Kontinuierlich fordern und fördern

Weil die deutsche Nationalmannschaft für Olympia 2016 sowie die WM 2017 in Frankreich bereits qualifiziert ist und die Weltmeisterschaft 2019 im eigenen Land stattfindet, gibt es künftig kontinuierlich weitere Höhepunkte mit garantierter DHB-Beteiligung bis zum großen Ziel Olympia 2020 in Tokio. "Da wollen wir um die Goldmedaille mitspielen", sagt Wolfgang Sommerfeld.

Der 66-Jährige ist seit einem reichlichen Jahr Sportdirektor des DHB – das sportliche Mastermind des aktuellen Erfolges. Der Bayer legte als Mentor der Eliteförderung des DHB für besonders hochveranlagte Talente und Nachwuchskoordinator – laut Sommerfeld das "Premium-Produkt" des DHB – den Grundstein für den aktuellen Aufschwung. Derzeit werden etwa je 80 Spieler bei Männern und Frauen von 16 bis maximal 25 Jahren speziell gefördert. Die Mentoren nehmen sich für jedes Talent etwa fünf Mal im Jahr drei, vier Tage Zeit, optimieren neben den sportlichen Faktoren auch Umfeld, Elternhaus, medizinische oder psychologische Betreuung, "eine Rundumbegleitung, um die Rahmenbedingungen zu schaffen, um einen Spieler perfekt zu entwickeln", sagt Sommerfeld.

(Foto: imago/Eibner)

Nationalspieler Paul Drux, der die Förderung genießt, sagte nach seinem Auftritt gegen Katar: "Das bringt uns viel, ist ein wichtiger Baustein in der Ausbildung." Aktuell stehen gleich sechs Spieler aus seinem Elitekader in der A-Auswahl. "Wir haben vor drei Jahren damit begonnen", sagt Sommerfeld. "Dass es nun so schnell bis zum Titel gegangen ist, ist sensationell." Eigentlich, sagt Sommerfeld lächelnd, war im Entwicklungsplan für die vergangene EM Platz acht vorgesehen gewesen.

Diesen Plan haben die sogenannten "Bad Boys" über den Haufen geworfen. "Der Titel pusht das ganze System." Neben der Eliteförderung veränderte Sommerfeld die Sichtungskriterien der Kaderspieler, setzt mehr auf Individualität der Sportler. Dazu arbeitet der DHB an der Umsetzung und Anpassung einer gemeinsamen Ausbildungsphilosophie bei Vereinen, Landesverbänden und DHB, Athletiktraining, die Trainerausbildung oder einer einheitlichen Torwartschule. Sommerfeld entwickelte einen 136-seitigen Strukturplan bis zu den Olympischen Spielen 2024, "unsere Fibel", sagt er.

Ernsthaftigkeit, Optimismus, Stabilität

Bundestrainer Sigurdsson, der Vater des EM-Erfolgs, denkt nicht in solch langen Perioden. Ihm ist schon die Perspektive bis Olympia zu weit. Etwas abgekämpft von all den Terminen der vergangenen Wochen sagte der 42-Jährige: "Man muss nicht immer bis Juli blicken. Ich denke aktuell nicht an Rio, sondern an jedes einzelne Spiel, jeden Lehrgang bis dahin." Sigurdsson sagt: "Wir spielen aktuell guten Handball, das wollen wir stabilisieren, jedes Mal aufs Neue bestätigen. Dann werden wir immer sicherer und routinierter. Es ist wichtig, dass wir jetzt unseren Weg einfach weitergehen."

Dass nun mit Patrick Groetzki und Uwe Gensheimer etablierte Spieler ins Team zurückkehrten, die bei der EM nicht dabei waren, sei kein Problem, sagt Sigurdsson. "Sie waren schließlich fast immer dabei, haben alles mit uns trainiert", sagt der Isländer. Mit der deutschen Denke, überall Probleme zu wittern, kann der Skandinavier nicht viel anfangen. Einigen seiner Spieler ist jedoch anzumerken, dass sie auch Druck verspüren. Abwehrchef Lemke etwa sagte ernst: "Es ist eine große Bürde, diese Leistungshöhe zu halten. Aber wir haben uns konzentriert vorbereitet, Ausfälle weggesteckt – genau wie bei der EM."

Mit dieser Mischung aus deutscher Ernsthaftigkeit und Perfektion und skandinavischem Optimismus überrollten die "Bad Boys" auch den Vize-Weltmeister Katar. Fortsetzung folgt. "Malle" ist zwar angeblich nur einmal im Jahr. Doch es ist angesichts der konzentrierten, strategischen und nachhaltigen Planung im Team und im Verband nicht ausgeschlossen, dass die deutschen Handballer in Zukunft öfter feiern dürfen.

Quelle: n-tv.de

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