Grosso. Si, Grosso, Groooossoo!Italien in Ekstase
Nach dem schönsten Moment seiner Karriere drehte Fabio Grosso kopfschüttelnd und mit geballten Fäusten ab, stieß einen Schrei aus und wurde von seinen Teamkollegen förmlich erdrückt.
Nach dem schönsten Moment seiner Karriere drehte Fabio Grosso kopfschüttelnd und mit geballten Fäusten ab, stieß einen Schrei aus und wurde von seinen Teamkollegen förmlich erdrückt. Der "Schweiger aus Palermo", der vor fünf Jahren noch in der vierten Liga gekickt hatte, versetzte mit seinem Tor im WM-Halbfinale (2:0 n.V.) gegen Deutschland ganz Italien in Ekstase und bescherte seiner Heimat eine Nacht voller Emotionen und fröhlich ausgelassener Partys.
"Das ist ein Traum, der für mich in Erfüllung geht", sagte der beste Mann auf dem Platz nach seinem Treffer in der 119. Minute zum 1:0. Gut 1400 km südlich hatten 200.000 Fans in seiner Geburtsstadt Rom die alte Gladiatorenkampfstätte Circus Maximus längst in ein Tollhaus verwandelt, und Marco Civoli flippte völlig aus. "Grosso. Si, Grossso. Grosssoo! Grooossssooo! Si, Grosso, Grosso, Grooosso! ", schrie der Kommentator des staatlichen Fernsehsenders RAI Uno im Moment der Entscheidung und setzte anschließend zu einer ausufernden Lobeshymne an.
Dem linken Außenverteidiger Fabio Grosso, der laut offiziellem Bulletin des italienischen Verbandes FIGC noch seltener redet als er Tore schießt, war der Rummel aber sichtlich unangenehm. Ganz ruhig und unaufgeregt beantwortete der unumstrittene Held von Dortmund die Fragen der drängelnden Journalisten, die so gerne einen euphorischen Sieger vor sich gehabt hätten. Das feurige Temperament der Italiener ist dem technisch beschlagenen Abwehrspieler mit der Rückennummer 3 aber nun mal nicht zu eigen.
"Eines der wichtigsten Tore meiner Karriere" nannte der 29-Jährige seinen traumhaften Drehschuss nach genialem Zuspiel von Andrea Pirlo und lieferte damit eine Untertreibung, die wesentliche Charakterzüge des 22-maligen Nationalspielers widerspiegelt. "Als ich sah, wie der Ball einschlug, war ich emotional aufgewühlt und wollte das Gefühl unbedingt sofort mit meinen Teamkameraden teilen", erklärte Grosso und fügte wenig überraschend hinzu: "Mir fehlen die Worte."
Sprachlos macht auch der Blick auf die steile Karriere Grossos, dessen Jugendliebe und heutige Ehefrau Jessica Repetto im siebten Monat schwanger ist. Noch vor fünf Jahren spielte der Spätstarter mit Chieti Calcio in der vierten Liga (Serie C2) und versuchte sich dort als Außenstürmer, ehe seine wahren Qualitäten endlich erkannt wurden. Kompromisslosigkeit im Zweikampf, exzellente Übersicht und starke Dribblings brachten dem leidenschaftlichen Tennisspieler und Schwimmer einen Vertrag bei US Palermo und einen Stammplatz in der Nationalelf ein.
Dass Italien überhaupt weiter vom vierten WM-Titel nach 1934, 1938 und 1982 träumen darf, ist ebenfalls Grosso zu verdanken. Im Achtelfinale gegen Australien fädelte er in der fünften Minute der Nachspielzeit so geschickt bei Lucas Neill ein, dass Schiedsrichter Luis Medina Cantalejo auf den Elfmeterpunkt zeigte. Francesco Totti verwandelte das Geschenk und räumte den ersten Stolperstein für die Azzurri aus dem Weg.
"Als wir auf den Platz gegangen sind, haben uns viele Dinge beschäftigt. Aber jetzt können wir feiern", meinte Grosso nun, war aber in Gedanken auch bei seinem guten Freund Gianluca Pessotto. Der General-Manager von Rekordmeister Juventus Turin hatte vor sieben Tagen einen mutmaßlichen Selbstmordversuch unternommen und ringt weiter mit dem Tod. Grosso drückt seine Anteilnahme seit Tagen mit einem T-Shirt aus. "Forza Pessotto!" ist darauf zu lesen.
(von Thomas Nowag und Micaela Taroni, sid)