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Das vom Leichtathletik-Weltverband jahrelang geduldete systematische Doping in Russland steht im Mittelpunkt des Skandals. Der zieht aber noch weitaus größere Kreise.
Das vom Leichtathletik-Weltverband jahrelang geduldete systematische Doping in Russland steht im Mittelpunkt des Skandals. Der zieht aber noch weitaus größere Kreise.(Foto: dpa)

Dopingregime der "Drecksäcke": Leichtathletik zittert vor neuen Enthüllungen

Der größte Skandal in der Geschichte der Leichtathletik, er wird noch größer. Vor Veröffentlichung des zweiten Dopingberichts kündigen die Ermittler einen "Wow-Effekt" an. Weltverbands-Boss Coe wiegelt zwar weiter ab. Der Ruf nach einem Neustart wird aber lauter.

Die Schockwellen des ersten Untersuchungsberichts zum Korruptions- und Dopingskandal im Leichtathletik-Weltverband IAAF sind noch gar nicht abgeklungen, da folgt bereits ein schweres Nachbeben. Zum Epizentrum wird diesmal der beschauliche Münchner Vorort Unterschleißheim. Dort stellt die Untersuchungskommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) ab 15 Uhr ihren zweiten Bericht zu den Zuständen in der Leichtathletik-Welt unter Ex-IAAF-Boss Lamine Diack vor. Was vorab durchsickerte, lässt den Leichtathletik-Weltverband zittern - und den Rest der Welt erschaudern. Der größte Skandal in der Geschichte der Leichtathletik, er wird immer größer.

Lamine Diack missbrauchte den Leichtathletik-Weltverband in seiner Amtszeit schamlos zur Selbstbereicherung und korrumpierte dabei seinen Sport. Sein Nachfolger Sebastian Coe will davon nichts bemerkt haben.
Lamine Diack missbrauchte den Leichtathletik-Weltverband in seiner Amtszeit schamlos zur Selbstbereicherung und korrumpierte dabei seinen Sport. Sein Nachfolger Sebastian Coe will davon nichts bemerkt haben.(Foto: AP)

Der zweite Bericht der Wada-Ermittler um Richard Pound dürfte die wahre Dimension des von Diack in seiner Amtszeit von 1999 bis 2015 installierten Korruptions- und Dopingsystems detailliert offenlegen. Schon zuvor wurde bekannt, dass die IAAF seit mindestens 2009 von der systematischen Dopingproblematik in Russland gewusst haben und sogar mitgeholfen haben soll, die Dimension vor den Olympischen Spielen 2012 in London zu vertuschen. Wenn nun weitere schmutzige Details aus dem Diack-Sumpf sowie neue Erkenntnisse über Doping in Kenia ans Licht kommen, steht die Glaubwürdigkeit der Leichtathletik mehr denn je auf dem Spiel. Die Rufe nach einem kompletten Neuanfang mehren sich.

"Wie zur Hölle konnte das passieren?"

Das IAAF-Korruptionsnetzwerk

LAMINE DIACK: Der langjährige IAAF-Präsident aus dem Senegal steht im Zentrum des Skandals um die versuchte Vertuschung positiver Dopingproben russischer Sportler. In Frankreich wird gegen den 82-Jährigen wegen Korruption und Geldwäsche ermittelt, angeblich ist er nur gegen Zahlung einer Kaution in Höhe von 500.000 Euro auf freiem Fuß. Seinen Reisepass musste Diack abgeben.

PAPA MASSATA DIACK: Der Sohn von Lamine Diack war als Marketing-Berater für die IAAF tätig und offenbar einer der Urheber des Korruptionssystems. Wurde nur nicht verhaftet, weil er sich nicht in Frankreich aufhielt. Inzwischen von der Iaaf-Ethikkommission lebenslang gesperrt. Interpol hat einen internationalen Haftbefehl für ihn ausgestellt.

WALENTIN BALACHNITSCHEW: Ehemaliger IAAF-Schatzmeister, ehemaliger russischer Leichtathletik-Präsident. Zusammen mit Papa Massata Diack tief in das Korruptionssystem verstrickt. Auch er ist inzwischen lebenslang gesperrt.

HABIB CISSE: Anwalt der Diacks. Auch er steht im Visier der französischen Justiz. Die IAAF übergab ihm 2011 das Blutpass-Management, obwohl er kein Amt im Weltverband innehatte.

GABRIEL DOLLÉ: Ehemaliger Leiter der Iaaf-Anti-Doping-Abteilung. Soll mitgeholfen haben Dopingfälle zu vertuschen, angeblich von Diack mit 140.000 Euro bestochen. Auch er wurde von der französischen Polizei festgenommen. Inzwischen von der IAAF-Ethikkommission für fünf Jahre gesperrt.

Pound, der mit Richard McLaren und dem deutschen Kriminalbeamten Günter Younger die Ermittlungen leitete, hatte schon bei der Vorstellung des schockierenden ersten Berichts zum Doping in Russland am 9. November 2015 einen "Wow-Effekt" für den zweiten Teil angekündigt. Bei dem erwarteten Paukenschlag dürfte es vor allem um die Machenschaften von Diack und seiner Entourage gehen.

"Sie werden sehen, wie es einige Drecksäcke getrieben haben", sagte der Kommissionsvorsitzende Richard Pound der englischen "Times". Die Menschen würden sagen: "Wie zur Hölle konnte das passieren? Es ist ein kompletter Verrat an all dem, was Verantwortliche im Sport eigentlich machen sollen." Es ist eine unmissverständliche Anspielung auf die Clique um den ehemaligen IAAF-Präsidenten Diack.

Die Ergebnisse ihrer Untersuchung hatte die Kommission schon im vergangenen Jahr an die französische Justiz weitergeleitet, die ermittelnde Staatsanwältin wird im Anschluss an die Vorstellung des Berichts ebenfalls ein Statement abgeben. Eliane Houlette ließ Diack und weitere Beschuldigte schon 2015 kurzzeitig festnehmen und erhob Anklage - Verdacht auf Korruption und Geldwäsche. Nun wird auch die Öffentlichkeit einen tiefen Einblick in das offenbar höchstkriminelle Geflecht aus Erpressung und Doping-Vertuschung bekommen. Gegen den amtierenden Iaaf-Chef Sebastian Coe soll aber kein belastendes Material vorliegen.

Wer wusste alles Bescheid?

Die spannende Frage ist: War es nur ein kleiner Kreis von Handlangern und Mitwissern um den Senegalesen, die positive Dopingproben gegen Bares vertuscht haben. Oder gab es doch ein verzweigtes System der Korruption unter dem IAAF-Dach? Am Montag hatte die Iaaf das in einem Bericht an die Wada noch bestritten, einen Tag später weckten der Nachrichtenagentur AP zugespielte E-Mails, Briefe und Berichte erhebliche Zweifel. Danach hätten schon 2009 Untersuchungen der IAAF anhand von exakteren Blutproben für den Athletenpass "schockierende Einsichten" in den Umfang des russischen Dopings ermöglicht.

So schrieb der damalige IAAF-Generalsekretär Pierre Weiss an den inzwischen lebenslang gesperrten russischen Verbandspräsidenten Walentin Balachnitschjow, dass wegen der auch lebensbedrohlichen Blutwerte russischer Athleten "drastische Maßnahmen" erforderlich seien. Tests bei der WM 2009 in Berlin, wo Russland 13 Medaillen gewann, hätten Hinweise auf systematisches Blutdoping erbracht. Wie aus den Iaaf-internen Dokumenten hervorgehen soll, sei vor den London-Spielen vorgeschlagen worden, unbekanntere Athleten zu sanktionieren - um das wahre Ausmaß zu verdecken und die Stars davor zu bewahren, "elf WM-Titel und einige EM-Titel", die mit Doping gewonnen wurden, wieder zu verlieren.

Neben Russland gilt auch Kenia als Hort des Dopings. Das afrikanische Land dürfte im neuen Bericht ebenfalls beleuchtet werden.
Neben Russland gilt auch Kenia als Hort des Dopings. Das afrikanische Land dürfte im neuen Bericht ebenfalls beleuchtet werden.(Foto: dpa)

"Die Wada-Kommission hat mehr herausgefunden, als wir es selber konnten", meinte Weiss. In einer Stellungnahme nannte die Welt-Anti-Doping-Agentur die neuen Enthüllungen "sehr besorgniserregend". Nach Bekanntwerden dieser weiteren Iaaf-Interna darf man noch mehr darauf gespannt sein, was die Ermittlungen des Pound-Gremiums erbracht haben. Es untersuchte Vorwürfe von ARD und der "Sunday Times", die im August 2015 eine IAAF-interne Liste mit 12.000 Bluttests von 5000 Läufern aus den Jahren 2001 bis 2012 ausgewertet und bei rund 800 Athleten dopingverdächtige Werten entdeckt hatten.

Diese IAAF-Liste wurde von dem Wada-Gremium wohl nur teilweise und mit Schwerpunkt auf die russischen Athleten geprüft. Nicht ergründet worden sein soll, warum zum Beispiel für Läufer aus Kenia, die zu den Besten der Welt gehören, seit 2006 von der IAAF keine Bluttests im Training mehr veranlasst wurden.

Kosmetik reicht nicht mehr aus

Umso eindringlicher werden nun die Forderungen nach Konsequenzen. "Was die IAAF ganz dringend braucht, ist eine Strukturreform. Die Präsidenten haben in den jetzigen Systemen der Sportverbände einfach zu viel Macht", sagte Digel: "Vielleicht muss man sich auch Hilfe von außen holen, unbelastete Leute, die Veränderungen anstoßen und schauen, dass die erforderlichen Reformen in die richtige Richtung gehen." Laut Svein Arne Hansen, Präsident des europäischen Verbandes, muss die IAAF den Reset-Knopf drücken. Die Wiederherstellung der Glaubwürdigkeit in die Leichtathletik sei wohl die "größte Aufgabe, die wir je bewältigen mussten. Symbolische und kosmetische Aktionen werden nicht ausreichen", sagte der Norweger: "Diese schwerwiegende Situation ruft nach fundamentalen Reformen."

Als Reaktion auf den ersten Wada-Bericht war Russland wie gefordert von der IAAF suspendiert worden, damit droht den russischen Leichtathleten das Olympia-Aus. Pound begrüßt diesen Schritt zwar. Den weiterhin wenig ausgeprägten Reformeifer innerhalb des Weltverbandes sieht er dennoch äußerst kritisch. "Die IAAF ist eine Organisation im 21. Jahrhundert mit einer Struktur aus dem 19. Jahrhundert", sagte der Kanadier jüngst der " Times" und attackierte Präsident Sebastian Coe und den Vizepräsidenten Sergej Bubka: "Beide hatten bereits vor Jahren als Vizepräsidenten mit ihren Erfahrungen die Möglichkeit, aus Fehlern aus der Vergangenheit zu lernen."

Coe zeigte sich derweil vor Veröffentlichung des zweiten Berichts trotzig. Die Anschuldigungen, wonach der Leichtathletik-Weltverband Dopingfälle russischer Leichtathleten vertuscht habe, wies er im Fernsehinterview mit Sky News kategorisch zurück: "Die Sache ist einfach: Wurden alle Unregelmäßigkeiten verfolgt? Die Antwort lautet: Ja. Wurden Strafen verhängt und publik gemacht? Ja. Wurde etwas vertuscht? Nein." Auf seine Person bezogen sehe Coe dem Bericht ganz gelassen entgegen, einen Rücktritt schließt er aus: "Ich habe als IAAF-Präsident in allen Untersuchungen gänzlich kooperiert." Das mag stimmen. Richtig ist aber auch: Zuvor muss Coe als IAAF-Vizepräsident unter seinem "geistigem Präsidenten" Diack acht Jahre lang weggesehen haben.

Quelle: n-tv.de

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