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Sportgerichtshof bestätigt Sperre: Pechstein kann's nicht fassen

Der Internationale Sportgerichtshof CAS bestätigt in seinem 63-seitigen Urteil die Zwei-Jahres-Sperre von Claudia Pechstein. Die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin steht damit vor dem Ende ihrer Karriere. "Das zu akzeptieren, ist für mich unglaublich hart. Nach dem wochenlangen, unwürdigen Hin und Her war das Urteil aber abzusehen", sagt Pechstein.

Niederlage vor Gericht: Claudia Pechstein.
Niederlage vor Gericht: Claudia Pechstein.(Foto: dpa)

Sie sei "nicht mehr über das Ergebnis geschockt, sehr wohl aber darüber, wie es zustande gekommen ist. Erst die ISU, jetzt der CAS. Ich habe lernen müssen, dass es ausgerechnet vor Sportgerichten offenbar keinen Platz für das im Sport so oft beschworene Fairplay gibt." Der 37-Jährigen droht nun die Kündigung ihrer Stelle bei der Bundespolizei. Auch finanziell steht sie beim erwarteten Rückzug von Sponsoren vor einem Scherbenhaufen.

Der Eislauf-Weltverband ISU hatte die Berlinerin am 3. Juli wegen auffälliger Blutwerte für zwei Jahre gesperrt, dagegen war sie vor dem obersten Sportgericht in Berufung gegangen. Pechstein, die jegliches Doping bestreitet, hatte bereits zuvor angekündigt, nun vor das Schweizer Bundesgericht ziehen zu wollen. Erst in der vergangenen Woche hatte das Zivilgericht einer Beschwerde des ehemaligen deutschen Eishockey-Nationalspielers Florian Busch gegen ein CAS-Urteil nach drei Monaten Wartezeit stattgegeben.

Bach: "Es ist eine große Enttäuschung"

"Wir akzeptieren das CAS-Urteil, aber es ist eine große Enttäuschung. Jeder Dopingfall ist eine große Enttäuschung", erklärte DOSB-Präsident Thomas Bach, "sie wird sich neue Ziele suchen." Das Urteil werde aber den Kampf gegen Doping nach vorne bringen, so der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes, weil "die Bedingungen für eine indirekte Beweisführung konkretisiert wurden".

In jedem Fall wird die CAS-Entscheidung in dem Präzedenzfall die Tür für weitere Sperren mit indirektem Beweis öffnen. Zahlreiche internationale Sportverbänden haben Listen von Athleten, deren Blutbilder Abnormalitäten aufweisen. Pechstein sieht sich als Opfer dieser Strategie der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, die am 1. Januar 2009 mit ihrem neuen Code den indirekten Beweis ohne positiven Befund möglich gemacht hatte.

Teamchef bangt um die Medaillen

"Wie man mich ohne Beweis, aufgrund eines einzigen Indizes, das zudem in der Wissenschaft noch sehr umstritten ist, sperren kann, wird mir für immer unbegreiflich bleiben", sagte Pechstein. Ihr Anwalt Simon Bergmann kündigte an, schnellstmöglich ein Verfahren vor dem Schweizerischen Bundesgericht in Lausanne anzustrengen und sprach von einem "schwarzen Tag für die Sportrechtssprechung". Der Teamchef der deutschen Eisschnellläufer, Helge Jasch, reagierte bestürzt: "Ich bin platt, mir verschlägt es die Sprache. Wir sind damit sportlich geschwächt, schließlich können nicht 20 Leute in unserem Team zu Medaillen laufen."

Für den Nürnberger Pharmakologen Fritz Sörgel war der Fall dagegen "von Anfang an" klar: "Ich hatte nicht an die Blutkrankeit geglaubt. Für alle, die es an indirekten Beweisen forschen, ist das Urteil ermutigend. Es ist immer eine gewisse Unsicherheit mit drin, aber diese ist im Fall Pechstein sehr klein." Pechstein war lange Zeit fest von einem Freispruch ausgegangen. Erste Zweifel waren ihr vor gut zwei Wochen gekommen, als der CAS das ursprünglich für den 5. November angekündigte Urteil am Abend davor um gut 14 Tage verschoben hatte. "Seitdem wurde ich das Gefühl nicht los, dass mein Fall nicht sportjuristisch, sondern sportpolitisch entschieden wird. Als dann die nächste Verschiebung kam, war mir mehr denn je klar, was passieren wird", erklärte Pechstein.

Pechstein wittert eine Verschwörung

"Ich bin fest davon überzeugt, dass ich verurteilt wurde, weil hinter den Kulissen Kräfte gewirkt haben, die den indirekten Beweis in diesem Präzedenzfall nicht scheitern sehen wollten", schimpfte Deutschlands erfolgreichste Winter-Olympionikin, die für die eigene Verteidigung knapp 250 000 Euro ausgegeben haben soll. "Wenn die Umkehr der Beweislast im Anti-Dopingkampf Schule macht, dann kann man ja zukünftig keinem talentierten Kind oder Jugendlichen mehr mit gutem Gewissen empfehlen, Leistungssport zu treiben. Denn am Ende steht man womöglich, so wie ich jetzt, unverschuldet vor den Trümmern seiner Karriere. Das ist alles einfach unbegreiflich."

Sportrechts-Experte Michael Lehner bezeichnete die CAS- Entscheidung als "sportpolitisches Urteil, ein Schnellschuss-Urteil". Es gebe bisher "kein Anwendungsprotokoll, das genau beschreibt, wie der indirekte Nachweis zu führen ist", sagte der Heidelberger Jurist. Es stehe "auf sehr dünnem Eis, ohne saubere juristische Vorbereitung. Da hat Claudia Pechstein richtig Pech gehabt. Ich wünsche mir, dass sie jetzt als Vorreiter anderer betroffener Athleten weitergeht vor das Schweizer Bundesgericht."

David Howman, der Generaldirektor der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, hatte bereits am Dienstag beim Anti-Doping-Forum in Berlin versucht, die Bedeutung des Falls herunterzuspielen: "Der Fall ist wichtig für Deutschland und die ISU. Aber wir betrachten den Fall wie jeden anderen auch."

Hintergrund: Retikulozyten

Retikulozyten braucht jeder Mensch. Sie sind eine Vorstufe der ausgewachsenen roten Blutkörperchen, die Sauerstoff von der Lunge zu den Muskeln transportieren. Nach großen Blutverlusten - wenn viel neues Blut gebildet wird - erhöht sich im Körper der Anteil der Retikulozyten.
Auch beim Training in großen Höhen, wo die Luft relativ wenig Sauerstoff enthält, oder bei besonders kalten Temperaturen bildet der Körper auf natürliche Weise mehr Retikulozyten. Sportler können die Bildung der Retikulozyten auch durch das Dopingmittel Erythropoetin (EPO) erhöhen. Der Eislauf-Weltverband ISU sieht einen Anteil von 2,4 Prozent Retikulozyten an der Gesamtmenge roter Blutkörperchen als Grenzwert an. "Man muss aber etwa ein Höhentraining in die Bewertung einfließen lassen", sagt Detlef Thieme, Leiter des Instituts für Dopinganalytik und Sportbiochemie in Kreischa.
Andere Dopingverfahren verringern den Retikulozyten-Wert. Wenn Sportler eine Eigenblut-Konserve verwenden, bildet der Körper nicht mehr so viele Retikulozyten. Einige Verbände gehen daher laut Thieme ab einem Wert unter 0,2 Prozent von einem Verdacht auf Blutdoping aus.

 

Quelle: n-tv.de

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