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Jaja, irgendwas stimmt derzeit nicht bei RB Leipzig. Das bemerkt auch Trainer Ralf Rangnick.
Jaja, irgendwas stimmt derzeit nicht bei RB Leipzig. Das bemerkt auch Trainer Ralf Rangnick.(Foto: dpa)

Grippewelle, Ackerplätze, Torchancen: RB Leipzig verliert den Aufstiegsrhythmus

Von Ullrich Kroemer, Leipzig

Dass RB Leipzig ab Spätsommer die Fußball-Bundesliga aufmischt - für viele Experten gilt das bereits Monate vor Saisonende als ausgemacht. Nach in Serie vergeigten Spitzenspielen ist das Projekt "Bundesliga" allerdings gefährdet.

Ralf Rangnick ist schmal geworden. Durch das gewaltige Pensum, das der 57-Jährige in seiner Doppelfunktion als Trainer und Sportdirektor bei RB Leipzig abspult, hatte er bereits seit Saisonbeginn einige Kilogramm verloren. In den vergangenen Tagen plagte Rangnick zudem wie beinahe das gesamte Team ein heftiger Grippevirus, der noch immer nicht überstanden ist und ebenfalls zehrte. Noch immer sind neben Rangnick auch zehn Spieler davon betroffen. "Ich kann mich nicht erinnern, dass es mich in den vergangenen 30 Jahren schon einmal so erwischt hat, mit so vielen Nachwirkungen", sagt Rangnick. "Da kann ich mir bildhaft vorstellen, wie es den Spielern gehen muss, die auch noch auf dem Platz Leistung bringen müssen."

Es ist der Tag nach dem 1:3 der Leipziger beim 1. FC Nürnberg im Spitzenspiel der 2. Liga – die wohl herbste Niederlage des Aufstiegsfavoriten in dieser Spielzeit. Der einst beruhigende Neun-Punkte-Vorsprung der Leipziger auf Relegationsrang drei hat sich ebenso reduziert wie Rangnicks Gewicht. Nach dem montäglichen Vormittagstraining steht der Chefentwickler von Rasenballsport auf dem Trainingsgelände und muss Ursachenforschung betreiben.

"Alles andere als match-fit"

Davie Selke von RB Leipzig ärgert sich über eine vergebene Chance.
Davie Selke von RB Leipzig ärgert sich über eine vergebene Chance.(Foto: dpa)

Der polarisierende Fußballlehrer kann durchaus ungemütlich werden, wenn er genervt ist. Doch bereits direkt nach dem Spiel war Rangnick ebenso gefasst aufgetreten wie tags darauf. Grund: "Man konnte aufgrund der Umstände gestern nicht von Chancengleichheit sprechen", argumentiert Rangnick. "Die Jungs lagen teilweise wegen der Grippeerkrankung noch bis Mittwoch, Donnerstag im Bett, waren zwar spielfähig, aber alles andere als Match-fit." Angesichts der Influenza habe Rangnick sogar mit dem Gedanken gespielt, eine Verlegung der Toppartie zu beantragen. "Doch da es dafür keine Handhabe gibt, haben wir beschlossen, dass wir antreten."

Das Ergebnis ist nun, dass der von vielen schon sicher geglaubte direkte Aufstieg von RBL wieder in Gefahr geraten ist. Denn nicht nur in Nürnberg, auch in den beiden vorausgegangenen Spitzenspielen auf St. Pauli und beim SC Freiburg hatte sich die Rangnick-Elf jeweils auswärts geschlagen geben müssen, durch Freiburgs 1:0 gegen Karlsruhe am Montagabend ist Leipzig erstmals seit dem 18. Spieltag von der Tabellenspitze gerutscht.

Wie auch aktuell hatte sich Rangnick nach jeder der Niederlagen schützend vor seine Spieler gestellt und äußere Faktoren für die Pleiten verantwortlich gemacht: Erst war Rasenballsport im tiefen Rasen am Millerntor stecken geblieben und auch aufgrund des holprigen Platzes an der Chancenverwertung gescheitert. Danach rutschte der Tabellenführer beim plötzlichen Wintereinbruch im Freiburger Schnee aus. Nun lähmte die Grippe die Beine der "Roten Bullen".

Das sind zwar allesamt triftige und nachvollziehbare Gründe, die den Ausgang eines Fußballspiels beeinflussen können. Doch da RB in der Summe in keinem dieser Spiele in der Lage war, den wenig optimalen Bedingungen zu trotzen, ist der einstige Auswärtsnimbus gebrochen. Bis zur Winterpause war gerade die Stärke auf fremden Plätzen der Schlüssel für die Vormachtstellung von Rangnicks Rasenballern in der Liga gewesen. Nun spüren auch die Konkurrenten wieder, dass RB schlagbar ist.

Nicht vorbereitet fürs Unvorhergesehene

Pascal Stenzel (l.) von Freiburg und Diego Demme (r.) von Leipzig kämpfen um den Ball.
Pascal Stenzel (l.) von Freiburg und Diego Demme (r.) von Leipzig kämpfen um den Ball.(Foto: dpa)

So bleibt der Eindruck, dass Leipzig aktuell nur dann gewinnen kann, wenn alle Faktoren so optimal sind, wie es die RB-Perfektionisten gewohnt sind. Doch das ist in der 2. Liga nicht immer der Fall. Kommen unvorhergesehene Einflüsse hinzu oder befinden sich einige Kicker nicht in Best-Verfassung, ließ sich die Mannschaft zuletzt zu leicht aus dem Konzept bringen. Gerade im Endspurt um den Bundesligaaufstieg befindet sich eine Reihe von entscheidenden Stammspielern nicht in Topform. Die "Zehner" Emil Forsberg und Marcel Sabitzer oder Mittelfeldmotor Stefan Ilsanker hatten auch schon vor der Grippewelle Probleme, an das hohe Niveau der Spiele zuvor anzuknüpfen.

Wenn Leistungsträger wie die zuletzt starken Dominik Kaiser (Grippe) und Diego Demme (Gelb-Sperre) ausfallen, kann das derzeit nicht adäquat ersetzt werden. Zwar preisen Spieler und Trainer bei jeder Gelegenheit Qualität und Homogenität des Kaders. Doch die zweite Reihe entwickelt bisweilen zu wenig Durchschlagskraft. Von Akteuren wie Anthony Jung, Massimo Bruno, Nils Quaschner, Atinc Nukan oder Georg Teigl kommt aktuell zu wenig, um die angeschlagenen Stars zu ersetzen. Immerhin hat sich Startalent Davie Selke nach seiner monatelangen Formkrise mit zwei Toren zurückgemeldet.

"Akzeptieren, ausblenden und wegstecken"

Dass auch der Druck eine Rolle spielt, verhehlt keiner der Fußballer und ist dem Spiel phasenweise auch auf dem Feld anzusehen. "Druck ist bei uns immer da", sagte etwa Selke in Nürnberg. Doch anders als in vielen Partien zuvor konnte sich RB in Hamburg, Freiburg und Nürnberg nicht wirklich von den Fesseln befreien. Die Bürde des Aufsteigen-Müssens spielt immer mit. So ist Rangnick dieser Tage auch als Motivator und Mahner gefragt, "dass wir uns weiterhin auf die relevanten Dinge konzentrieren und von Nebenkriegsschauplätzen nicht ablenken lassen." Die Mannschaft müsse die vergangenen zwei Wochen mit den Enttäuschungen "akzeptieren, ausblenden und wegstecken", hatte Rangnick bereits vor dem Nürnberg-Auftritt gefordert. "Wir denken immer in Lösungen, auch in der jetzigen Situation."

Trotz der durchwachsenen Phase (nur durchschnittlich 1,85 Punkte im Jahr 2016) mag Rangnick jedoch keinen allgemeinen Trend aus den verloren gegangenen Spitzenpartien ablesen. Stattdessen verbreitet er Zuversicht für die sieben Spiele bis zum Saisonende. "Wenn die Mannschaft wieder komplett und bei Kräften ist, sind wir stark genug, da mache ich mir keine Sorgen", sagt er. Die Länderspielpause will Rangnick nutzen, um "die Jungs wieder aufzupäppeln, dass sie ihre Energiespeicher füllen und gegen Bochum drei Punkte holen." Der bisweilen heißblütige Schwabe gibt sich cool: "Wir haben immer gewusst, dass der Aufstiegskampf bis zum Schluss eine ganz enge Kiste sein kann. Nun kommt es wohl tatsächlich so, das wird wahrscheinlich bis zum letzten Spieltag gehen", prognostizierte Rangnick. "Darauf sind wir absolut vorbereitet."

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Quelle: n-tv.de

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