Sport
Mittwoch, 25. November 2009

Urteil im Fall Pechstein: Reicht ein Blutwert aus?

Christoph Wolf

290 Tage nach Claudia Pechsteins bisher letztem Wettkampf gibt der Internationale Sportgerichtshof CAS heute bekannt, ob die gegen sie verhängte zweijährige Sperre wegen Blutdopings Bestand hat. Das Urteil gilt als wegweisend: Für die Eisschnellläuferin, die aufgrund eines einzigen auffälligen Blutparameters gesperrt wurde. Und für den Anti-Doping-Kampf der Sportverbände. Als Präzedenzfall muss die Entscheidung aber nicht unbedingt taugen, sagt Professor Jens Adolphsen im Gespräch mit n-tv.de. Der Sportrechtsexperte erwartet einen Freispruch.

Heute Nachmittag weiß sie mehr: Claudia Pechstein.
Heute Nachmittag weiß sie mehr: Claudia Pechstein.(Foto: dpa)

Gegen 15.30 Uhr will der CAS das Urteil samt Begründung auf seiner Website veröffentlichen. Zu diesem Zeitpunkt werden sowohl Pechstein als auch die Internationale Eischnelllauf-Union ISU bereits seit einigen Stunden über die Entscheidung der Lausanner Sportrichter informiert sein. Sie werden wissen, ob ein einziger auffälliger Blutparameter ausreicht, um eine Dopingsperre auf Basis des seit Jahresbeginn im Code der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA verankerten indirekten Dopingnachweises über das Blutprofil zu verhängen.

Im Fall Pechstein waren allein die Retikulozyten, eine Vorstufe der roten Blutkörperchen, mehrfach stark überhöht. Alle anderen gemessenen Blutparameter, die in direkter Abhängigkeit von den Retikolyzten stehen, waren unauffällig. Die ISU hatte daraus zwingend auf Blutdoping geschlossen, Pechstein zuletzt eine angeborene leicht kompensierte Hämolyse als Ursache angeführt. Bei einer Hämolyse handelt es sich um ein frühzeitiges Absterben der roten Blutkörperchen, das der Körper durch die Produktion jüngerer Blutkörperchen, besagte Retikulozyten, auszugleichen versucht.

Medial schwere Geschütze

Wer die Medienpolitik des Pechstein-Lagers seit Bekanntwerden der Dopingsperre im Juli verfolgt hat, kann sich nur schwer vorstellen, dass die Öffentlichkeit tatsächlich bis zum Nachmittag auf die Bekanntgabe des Urteils warten muss. Die 37-jährige Berlinerin hat in den vergangenen Monaten nicht nur juristisch um ihren Freispruch gekämpft. Sie hat auch medial schwere Geschütze aufgefahren. Dem Interview-Marathon im Juli, als sie von Fernsehsender zu Fernsehsender und Zeitung zu Zeitung tingelte und in immergleichen, wie auswendig aufgesagten Worten ihre Unschuld beteuerte, eine "öffentliche Hinrichtung" beklagte und Schadenersatzklagen ankündigte, folgte Anfang August zunächst eine denkwürdige Pressekonferenz. Zwei Fernsehsender übertrugen Pechsteins vergeblichen Versuch zeitweise live, sich öffentlich zu entlasten. Seitdem reiht sich eine Attacke an die andere, gegen die ISU, kritische Wissenschaftler, Journalisten, zuletzt auch gegen die CAS-Richter.

Letzteres führte am Wochenende zu der paradoxen Situation, dass die gesperrte Athletin zunächst öffentlich verkündete, das Urteil könne nur auf Freispruch lauten, sie ihre Anwälte parallel dazu aber eine Wiedereröffnung der Verhandlung vor dem CAS beantragen ließ. Der ISU-Experte Pierre Sottas, so die Begründung, soll angeblich nicht mehr zu seiner Expertise stehen. Diese hatte Pechstein schwer belastet und war von der ISU in der Berufungsverhandlung vor dem CAS präsentiert worden. Sottas erklärte lediglich, Pechsteins Aussage "überrasche" ihn. Kommentieren wolle er sie nicht, "da über das ganze Verfahren schon zu viele Lügen verbreitet worden sind".

Verzweiflungsschuss kurz vor Toresschluss?

Der Anwalt Michael Lehner, bekannt durch die Verteidigung mehrerer Dopingsünder und CAS-erfahren, hielt sich mit einer Bewertung des erneuten und erneut nicht mit belastbaren Fakten belegten Pechstein-Vorstoßes nicht zurück: "Das klingt wie ein Verzweiflungsschuss kurz vor Toresschluss. Solange eine Expertise vor dem CAS nicht offiziell zurückgezogen wurde, ist sie weiterhin gültig." Mit Blick auf das CAS-Urteil sagte Lehner: "Ich bleibe bei meiner Einschätzung: Es sieht nicht gut für sie aus." Sollte es zu einem Schuldspruch kommen, will die auch um die Fortsetzung ihrer Beamtenlaufbahn bei der Bundespolizei kämpfende Pechstein vor dem Schweizer Bundesgericht in Berufung gehen. Die Aussichten für eine erfolgreiche Aufhebungsklage, die eine Neuverhandlung vor dem CAS zur Folge hätte, gelten unter Rechtsexperten als äußerst gering.

Rechnet mit einem Freispruch: Sportrechtsprofessor Jens Adolphsen.
Rechnet mit einem Freispruch: Sportrechtsprofessor Jens Adolphsen.

Ob es tatsächlich zu einem Schuldspruch kommt, dazu liegen die Meinungen so weit auseinander wie Pechsteins Retikulozyten-Werte. Im Gegensatz zu Lehner rechnet der Sportrechtsprofessor Jens Adolphsen von der Universität Gießen weiterhin mit einem Freispruch. "Die Grundkonstellation des Falls ist so, dass ich erwarte, dass Frau Pechstein aus dem Verfahren frei raus geht", sagte er n-tv.de. Aus Sicht von Adolphsen sind die Variationsmöglichkeiten zur Erklärung der auffälligen Retikulozyten-Werte im Fall Pechstein relativ groß. Zu groß, um daraus zwingend Blutdoping folgern zu können. Ausschlaggebend für das Urteil in Lausanne sei allerdings nur, was die den Streitparteien bestellten Experten vor dem CAS vorgetragen hätten: "Die Richter setzen selbstverständlich nur das um, was die Sachverständigen in diesen Anhörungen sagen."

Adolphsen: "Juristisch aberwitzig"

Einfluss habe aber auch, wer in den Augen der CAS-Richter die Beweislast dafür trägt, dass die auffälligen Retikulozyten-Werte allein durch Blutdoping zustande gekommen sein können. Für Adolphsen ist der Nachweis Sache des Verbandes: "Und wenn der CAS das Problem so verortet, wie ich es für richtig halte und wie es auch die Pechstein-Anwälte vorgetragen haben, dann könnte die ISU mit dem Nachweis Schiffbruch erleiden." Das gilt vor allem dann, sollte der Eisschnelllauf-Verband in der Berufungsverhandlung vor dem CAS ähnlich argumentiert haben wie bei der Begründung seiner Dopingsperre. Die dort formulierte Aussage, für eine Sperre reiche allein die bloße Wahrscheinlichkeit, nennt Adolphsen "juristisch aberwitzig". Für die von Pechstein bei einem Freispruch angekündigte Schadenersatzklage gegen die ISU sieht er durchaus Anknüpfungspunkte: "Das Urteil der ISU ist inhaltlich so fehlerhaft, dass man sagen kann: Ihr habt schon deshalb juristisch fahrlässig gehandelt, weil ihr so ein schlechtes Urteil produziert habt."

Während andere Experten von einem Präzedenzfall sprechen und IOC-Chef Jacques Rogge das CAS-Urteil gar als "Lackmustest" dafür ansieht, ob der indirekte Dopingnachweis über Blutprofile von der wissenschaftlichen Gemeinde anerkannt wird, ist Adolphsen skeptisch hinsichtlich der Tragweite. Grund ist der Beschränkung der ISU auf die reinen Retikulozyten-Werte: "Auf den ersten Blick scheint mir das Verfahren deshalb als Modellverfahren total ungeeignet."

Signalwirkung für den Kampf gegen Doping

Unzweifelhaft ist aber, dass der Richterspruch in Lausanne Signalwirkung für den Kampf gegen Doping haben wird. Welches Signal das Urteil aussendet, hängt von dessen Begründung ab. Ein Umstand, dem der CAS dadurch Rechnung trägt, dass er den Schiedsspruch samt Erläuterung entgegen der üblichen Praxis zeitgleich veröffentlicht. Denkbar ist aber auch, dass der CAS das ISU-Urteil nur aufgrund von Verfahrensfehlern verwirft. Dann hätte der Fall Pechstein keine internationale Tragweite mehr im Kampf gegen Doping. Andere Sportverbände wären lediglich gewarnt, ihre Hausaufgaben vor Sperren besser zu erledigen als die ISU.

Kritik daran, dass sich die Richter nach der Berufungsverhandlung im Oktober gut fünf Wochen Zeit genommen haben bis zur Urteilsverkündung, ist für Adolphsen vollkommen verfehlt: "Wenn Sie ein gutes Urteil schreiben wollen, brauchen sie auch Zeit. Und wenn ich meine, eine Woche mehr Zeit zu brauchen, damit das hieb- und stichfest ist, würde ich mir die auch nehmen wollen." Gegen 15.30 Uhr wird das Warten auf das CAS Urteil ein Ende haben. 290 Tage nach Claudia Pechsteins bisher letztem Wettkampf wird spätestens dann feststehen, ob sie in Kürze wieder starten kann – oder ihre Karriere praktisch beendet ist.

Quelle: n-tv.de

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