Sport
Der schnellste Mann der Welt: Usain Bolt will in London seine Legende weiterschreiben.
Der schnellste Mann der Welt: Usain Bolt will in London seine Legende weiterschreiben.(Foto: REUTERS)
Freitag, 04. August 2017

Usain Bolt - Abgang mit Zweifeln: Saubere Arbeit?

Von Tobias Nordmann

Gold über 100 Meter, Gold mit der jamaikanischen Staffel. Im besten Fall beides, schön souverän. So stellt sich Usain Bolt seinen Karriereabgang vor. Aber egal, ob das gelingt: Der Sprintstar geht als Legende. Als unerklärliche.

Nein, Zweifel hat er nicht. Natürlich wird er Weltmeister über 100 Meter. Was für eine Frage. Nun, eine legitime. Denn auch wenn Usain Bolt tut, als wäre Gold in London bereits ausgemachte Sache, selten galt der jamaikanische Leichtathletik-Superstar angreifbarer als im Sommer 2017. Seine drei in diesem von Rückenproblemen begleiteten Jahr gelisteten Zeiten: 10,03 Sekunden daheim in Kingston bei den Trials, 10,06 Sekunden beim Meeting im tschechischen Ostrava und dann vor zwei Wochen noch eine 9,95 in Monaco. Für den Weltrekordler Bolt in Bestform im Prinzip totaler Mist. Aber weil das schnellste menschliche Alphatier der Welt nicht mehr in Bestform ist, sagte er nach dem Rennen im Fürstentum: "Ich bewege mich in die richtige Richtung." Und dann? Die Ruhe selbst. Lächeln. Wie immer.

Usain Bolt in Zahlen
  • 2,43 Meter misst seine durchschnittliche Schrittlänge.
  • Fünf Niederlagen in 86 Finalrennen über 100 und 200 Meter hat Bolt seit 2008 kassiert, die bis dato letzte am 6. Juni 2013 in Rom. Er verliert über 100 Meter gegen Justin Gatlin.
  • Acht Olympische Goldmedaillen hat Bolt in seiner Karriere gesammelt - von 2008 in Peking bis 2016 in Rio de Janeiro.
  • Elf WM-Goldmedaillen hat er ersprintet - über 100 und 200 Meter sowie mit der 4x100-Meter-Staffel von 2009 in Berlin bis 2015 in Peking.
  • 21 Jahre und 284 Tage: Usain Bolt avanciert am 31. Mai 2008 in New York zum jüngsten 100-Meter-Weltrekordmann der Leichtathletik- Geschichte. Die 9,72 Sekunden unterbietet er danach nur noch in drei Rennen.
  • 41 Schritte braucht Bolt von Start bis Ziel über 100 Meter.
  • 44,72 km/h. Dieses Spitzentempo haben Wissenschaftler bei Bolts Berliner Weltrekord gemessen - auf dem Abschnitt zwischen 60 und 80 Metern.

In London endet am Samstagabend, um 22.45 Uhr und ein paar Sekunden, eine verdammt große Karriere. Die vielleicht größte in der Leichtathletik-Geschichte. Dann nämlich zelebriert Usain Bolt sein ritualisiertes Spektakel. Brust raus, Grimassen, Faxen und der legendäre Blitz. Dann nämlich hat der 30-Jährige - wenn alles Bolt'sch normal läuft - sein viertes WM-Gold über die mythischen 100 Meter eingesprintet. Dass er sich ein paar Tage danach auch noch die gleiche Medaillenfarbe mit der Staffel umhängen kann - geschenkt. Auf seine einstige Lieblingsstrecke, die 200 Meter, wo er selbstredend ebenfalls Weltrekordler ist, verzichtet er wegen seiner Rückenprobleme. Und so guckt die Leichtathletik-Welt nur auf morgen Abend. Nur auf den Einzelathleten Bolt. Viele, sehr viele wünschen ihm Gold. Denn der Kerl ist nicht nur eine Legende, sondern auch die wackelige Hoffnung einer seit Jahrzehnten von Doping verseuchten Sportart.

Sechs Dopingsünder - und Bolt

Sieben Männer haben die 100 Meter in ihrem Leben mindestens einmal in 9,78 Sekunden oder schneller absolviert. Sechs von ihnen wurden des Dopings überführt und gesperrt: Die US-Amerikaner Justin Gatlin (gleich zweimal), Tyson Gay und Tim Montgomery sowie Bolts jamaikanische Kumpels Asafa Powell, Nesta Carter und Yohan Blake. Nur der Beste, der Allerbeste, der Unantastbare, der, dessen Leistungen sich in einzigartigen Sphären bewegen, dessen Proben sind sauber. Zumindest offiziell. Mit unerschütterlichem Gleichmut lässt er folglich auch alle Zweifel an sich abperlen, attackiert seine Konkurrenten für deren leistungssteigernde Dummheiten. In London erklärte Bolt diese Woche: "Sie müssen verstehen, dass, wenn sie dies weitermachen, der Sport sterben wird."

Den dramatischsten Tod würde der Sprint-Sport indes sterben, würde Bolt irgendwann überführt. Anfang dieses Jahres kamen ihm die Doping-Einschläge gefährlich nah. Im Januar wurde Landsmann Carter überführt. In einer eingefrorenen Probe von den Olympischen Spielen 2008 in Peking entdeckten die Dopingfahnder bei Nachtests illegale Stimulanzen. Die Folge: Sperre plus aberkanntes Staffelgold - auch für Bolt. Zwei Monate nach diesem Schock wurde bekannt, dass das Internationale Olympische Komitee weitere verdächtige Proben von jamaikanischen Sprintern ohne Prüfung ad acta gelegt hatte. Namen wurden nicht genannt - aber sofort dachten viele natürlich auch an Bolt. Und an eine Verschwörung. Allerdings: Der ertappte Carter gehörte nicht zur Trainingsgruppe des Superstars.

Eine Legende wie Muhammad Ali

Schlimmer als der Verdacht nagte am unerschütterlichen Eitelkeitsextremisten Bolt der Verlust der Medaille. Statt der makellosen Bilanz von neun Olympiasiegen bei drei Spielen stehen jetzt "nur" noch zwei Triple und ein Double in dessen Vita. Statt 20 von 21 möglichen Goldmedaillen bei Großereignissen – bei der WM 2011 im koreanischen Daegu sprang er ein wenig zu früh aus dem Startblock und wurde disqualifiziert - verbleiben 19. Fast ein wenig patzig erklärte er nach dem schmerzhaften Verlust gegenüber der "L'Équipe": "Das ändert nichts an meinem Vermächtnis."

Das ist freilich unbestritten. Usain Bolt ist seit knapp einem Jahrzehnt das Gesicht der internationalen Leichtathletik. Er hat den Sprint länger dominiert, nein, beherrscht als jeder andere vor ihm. Er hat die Rekorde pulverisiert, die Disziplin zum allergrößten Entertainment gemacht. Er wird geliebt - wegen seiner Lockerheit, wegen seiner Extrovertiertheit, wegen seiner charmanten Arroganz auf und neben der Bahn. Er wird bewundert für seine Eleganz, für sein Spektakel. Weit über die Tartangerade hinaus. "In meinem ganzen Leben habe ich noch keinen Sportler - neben Muhammad Ali - erlebt, der die Menschen so in seinen Bann gezogen hat", sagte Leichtathletik-Weltverbandspräsident Sebastian Coe über Bolt.

Box-Legende Ali trat 1981 auf den Bahamas mit einer Punktniederlage gegen den Kanadier Trevor Berbick ab. Vielleicht würde Bolt ein ähnliches Karriereende guttun. Vielleicht würden manche Zweifel an seiner Unbesiegbarkeit abgeschwächt. Er würde auf jeden Fall menschlicher, erklärbarer. "Keine Sorge, das wird nicht passieren", sagte Bolt noch am Mittwoch - obwohl er da noch nicht wusste, dass mit dem Kanadier André de Grasse einer seiner härtesten Konkurrenten wegen einer Oberschenkelverletzung passen muss -  und erklärt den Journalisten, was er am späten Samstag nach seinem letzten Einzelrennen gerne lesen würde: "Ungeschlagen, unaufhaltbar - das würde mir gefallen." Forever the Fastest - wenn's denn saubere Arbeit war.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen