Die Beine schwer, die Blicke leer - das abrupte Ende zweier glanzvoller Serien bereitete den Profis des FC Schalke 04 sichtlich großes Unbehagen. Der Gang Richtung Tribüne, um sich dort bei den königsblauen Fans für die Unterstützung zu bedanken, wirkte genauso schleppend und undynamisch wie die 90-minütige Präsentation zuvor auf dem Rasen des Kölner WM-Stadions. Das enttäuschende 0:1 (0:1) des Titelanwärters beim ehrgeizigen Aufsteiger 1. FC Köln machte nicht nur Schalke-Trainer Fred Rutten endgültig klar, dass die Gelsenkirchener Fußballer keineswegs schon auf gleicher Ebene mit dem FC Bayern München stehen: "Wir sind noch nicht so groß, solche Spiele zu gewinnen", musste der Niederländer konstatieren.
Der Bundesliga-Premierentreffer des Kölner Verteidigers Youssef Mohamad in der 43. Minute machte Schalkes Kapitän Marcelo Bordon sprachlos. Ohne Kommentar eilte der Brasilianer an den wartenden Fragestellern vorbei. Kein Wunder: Seit Mirko Slomkas Entlassung im April war das Wort Bundesliga-Niederlage "auf Schalke" nicht mehr gefallen. Und in Köln hatte es seit dem 26. Oktober 1996 (1:3) keine Schlappe mehr gegeben.
Günstige Ausgangsposition verspielt
"Ich habe unsere Mannschaft so noch nicht gesehen. Wir haben sehr viele Fehler gemacht und die Kölner regelrecht eingeladen", kommentierte Schalke-Manager Andreas Müller die unerwartete Pleite vor 50.000 Zuschauern in ausverkaufter Arena.
Rutten tat das 0:1 durch Mohamads Kopfballtreffer "natürlich weh". Dabei war die Ausgangsposition so günstig. Schalke trat mit drei Pflichtspielsiegen und der Tabellenführung an, Christoph Daums Kölner waren nach drei Niederlagen nacheinander klarer Außenseiter. Doch es kam anders: Mit Aggressivität, viel Mut und riesigem Engagement hauchten sich die Gastgeber selbst wieder Leben ein.
Wie das Kaninchen vor der Schlange
Schalkes Ersatzkeeper Ralf Fährmann musste am Abend vor seinem 20. Geburtstag zweimal (16./28.) sein ganzes Können aufbieten, um einen vorzeitigen Rückstand zu verhindern. Bei Roda Antars Kopfball an die Unterkante der Latte (29.) wäre aber auch der Youngster im Tor machtlos gewesen.
Jermaine Jones hatte hinterher eine simple Erklärung für die erste Saison-Pleite im Oberhaus: "Wir haben versucht, nur Fußball zu spielen. Wir haben es versäumt, auch mal hinzulangen." Die Gastgeber machten es völlig anders. Motivator Daum hatte ihnen nach dem 1:3 im Pokal beim Zweitligisten Mainz in vielen Gesprächen so viel Selbstbewusstsein vermittelt, dass sich die Angst des Kaninchens vor der Schlange in das Gegenteil verkehrte. "Endlich war wieder Leben im Team, das war der Grund für unseren Sieg", hielt Kölns erleichterter Spielführer Milivoje Novakovic fest.
Stille Freude bei "Gärtner" Daum
Daum selbst genoss den Erfolg im Stillen. Der 54-Jährige riss nach dem Schlusspfiff nicht einmal die Arme hoch. Dabei hatte er alles richtig gemacht. Seine Maßnahme, Fabrice Ehret, Kevin Pezzoni und Nemanja Vucicevic in die Startelf zu beordern, beflügelte die zuletzt wie blutleer wirkenden Rheinländer. "Einfach super, hier zu spielen. Und es ist geil, zu gewinnen", meinte Antar, dem in der Nachspielzeit bei einem Pfosten-Kopfball des eingewechselten Halil Altintop allerdings der Atem stockte.
Doch das Fußball-Glück war diesmal auf Kölner Seite - und Daum sieht seine "Gärtner"-Tätigkeit langsam fruchten: "Das ist wie ein Samenkorn, das du in den Boden tust und dann schaust, wann kommt das Ding raus."