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Der Bauherr des deutschen Erfolgs: Dagur Sigurdsson.
Der Bauherr des deutschen Erfolgs: Dagur Sigurdsson.(Foto: dpa)

Ein kühler Kerl mit guten Ideen: Sigurdsson hat den Plan, das Team den Titel

Von Felix Meininghaus, Krakau

Deutschlands Handballer haben vor und während der EM mehrere Rückschläge zu verkraften. Bundestrainer Sigurdsson nimmt das klaglos hin. Auf alle Herausforderungen findet er richtige Lösungen und coacht das Team zum Titel.

Dagur Sigurdsson ist kein Freund großer Worte oder großer Gesten. Der Mann kommt aus Island, da liegt die Einordnung in die Kategorie "nordisch kühl" nahe. Zwei Stunden, nachdem seine Mannschaft in Krakau mit dem Gewinn der Europameisterschaft eine Sensation perfekt gemacht hatte, saß der Trainer auf dem Sofa eines Nebenraums des Mannschafthotels auf dem Sofa, nippte an seinem Bier und tippte Texte in sein Handy. Nebenan tobte das Leben, Spieler und Fans grölten ihren Triumph heraus, doch der Baumeister des Erfolgs bevorzugte den stillen Genuss.

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Dabei hätte auch der 42-Jährige allen Grund zum Ausflippen gehabt. Dass sich Deutschland Handball-Europameister nennen darf, ist vor allem das Verdienst von Sigurdsson. Viele Nationen hatten die Experten vor Turnierbeginn auf dem Zettel, die Deutschen gehörten nicht dazu. Natürlich die Franzosen, das Team um den Jahrhundert-Handballer Karabatic, die in der vergangenen Dekade alles abräumten. Oder die physisch und nervlich so starken Dänen, die unglaublich routinierten Spanier, Gastgeber Polen mit seinem gewaltigen Rückraum und die spielstarken Kroaten. Sie alle mussten sich geschlagen geben, weil die Rasselbande aus Deutschland etwas dagegen hatte.

Ein bisschen wie der BVB

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So viel Leidenschaft, so viel ungebremster Wille, so viel Glaube in die eigene Stärke, das erinnerte frappierend an die jungen Wilden aus Dortmund, die 2011 unter Jürgen Klopp zur Deutschen Meisterschaft galoppierten und gar nicht wussten, was sie da bewegten. Nun also ein Handball-Märchen, das Deutschland in seinen Bann zieht. 12,98 Millionen Zuschauer in der Spitze sahen die Übertragung des famosen Finalauftritts gegen Spanien in der ARD, was einem Marktanteil von 42 Prozent entspricht. "Wir haben in Deutschland offenbar eine Euphorie entfacht", sagte der famose Torhüter Andreas Wolff. Eine ähnliche Begeisterung hat es für Handball zuletzt 2007 gegeben, als das Team des damaligen Bundestrainers Heiner Brand bei der WM vor heimischer Kulisse das Wintermärchen verwirklichte.

Brand stand für Bodenständigkeit und seinen mächtigen Schnauzbart. Nun heißt der Bundestrainer Dagur Sigurdsson, der Isländer hat viele Innovationen in seine Sportart gebracht. Der 42-Jährige lässt mit einer taktischen Vielfalt spielen, die alle beeindruckt, die sich näher mit Handball beschäftigen. Was auch immer an Herausforderungen an seine Mannschaft gestellt wurden, Sirgurdsson kannte eine Antwort. Auch der Umstand, dass viele Stammspieler verletzt passen mussten, beeindruckte Sigurdsson nicht. Immer wieder betonte er, es seien so viele begabte Spieler im Land, dass sämtliche Lücken zu füllen seien. Das Selbstverständnis dieser Mannschaft formulierte Lichtlein so: "Es fallen keine Spieler aus, es kommen einfach neue dazu."

Immer die richtige Idee

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Was Sigurdsson in den zurückliegenden eineinhalb Jahren geleistet hat, formuliert Teammanager Oliver Roggisch so: "Dagur hat immer die richtige Ideen, und die hat er 21-jährigen Jungs vermittelt, die nicht einmal Bartwuchs haben." Der 2,10 Meter lange Abwehrchef Finn Lemke spricht von einem "Plan, den er uns gibt, und der ist immer schlüssig. Das macht dich unheimlich selbstbewusst. Wenn der erste Block sitzt, fühlst du dich auf einmal unheimlich stark".

Ihr Meisterstück machten die Himmelsstürmer beim unglaublichen EM-Finale, als sie den Spaniern beim rauschhaften 24:17 (10:6) den letzten Nerv raubten. Eine solch fulminante Abwehrleistung hat die Handballwelt schon lange nicht mehr gesehen. Dazu kam mit Andreas Wolff ein überragender Rückhalt. Der 24-Jährige von der HSG Wetzlar machte das Spiel seines Lebens und hielt die Hälfte aller Würfe. Ein überragender Wert.

Wolff ist einer von vielen, die sich in Polen ins Rampenlicht spielten. Deutschland schickte bei der EM das jüngste Team ins Rennen und holte am Ende dennoch den Titel. Ein Umstand, der die Fantasie beflügelt. Diese neue Generation könnte im Welt-Handball durchaus eine Ära gestalten, schließlich haben Spieler wie Abwehrchef Finn Lemke, Fabian Wiede, Hendrik Pekeler, Erik Schmidt, Rune Dahmke, Julius Kühn oder Jannik Kohlbacher ihre besten Jahre noch vor sich, während sich die goldene Generation Frankreichs auf der Zielgeraden ihrer Laufbahn befindet.

"Es wird auch Rückschläge geben"

Das weiß auch Sigurdsson: "Wir können noch lange zusammenbleiben", betont der Baumeister des neuen deutschen Höhenflugs. Mehr noch: "Wir haben in Deutschland 30 bis 40 Spieler, die dieses Niveau erreichen können." Solche Aussagen beflügeln die Träume aller Handballfans im Land. Der EM-Triumph hat nämlich den willkommenen Nebeneffekt, dass die Nationalmannschaft das Ticket für die Olympischen Spiele in Rio buchte und sich damit die kraftzehrende Qualifikationsprozedur erspart. Seit die DDR 1980 in Moskau mit Gold dekoriert wurde, haben deutsche Handballer beim wichtigsten Turnier nicht mehr triumphiert.

Das könnte sich im Sommer ändern, auch wenn Bob Hanning warnt: "Vorsicht Leute, es wird auch Rückschläge geben." Der ebenso streitbare wie innovative DHB-Vizepräsident Sport denkt längerfristig. Er hat geplant, dass Deutschland bei der Heim-WM 2019 ganz oben ankommt, um im Jahr darauf in Tokio Olympiagold zu holen. Dass Dagur Sigurdsson und seine jungen Wilden, die sich "Bad Boys" nennen, den Chefstrategen in Polen mit Vollgas überholt haben, nimmt der Berliner lächelnd zur Kenntnis: "Damit kann ich sehr gut leben."

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Quelle: n-tv.de

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