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Und nun? Die deutschen Volleyballer Philipp Collin und Georg Grozer.
Und nun? Die deutschen Volleyballer Philipp Collin und Georg Grozer.(Foto: imago/Eibner)

"In den Wald und verstecken!": Toller Volleyball-Generation droht das Ende

Von Felix Meininghaus, Berlin

Georg Grozer zieht sich zurück, Bundestrainer Vital Heynen steht vor dem Absprung: Die deutschen Volleyballer trifft das Scheitern in der Qualifikation für die Olympischen Spiele schwer - vor allem, weil sie so nahe dran waren. Es ist ein Drama.

Als Ferdinand Tille in der Mixed Zone der Berliner Max-Schmeling-Halle vor das Mikrofon des ZDF trat, schämte er sich seiner Tränen nicht. Sie liefen an seiner Wange hinunter und waren sichtbare Zeichen des Schmerzes. Man wäre am liebsten auf die andere Seite der Absperrung geeilt und hätte den Libero der deutschen Volleyballer in den Arm genommen. Aber wo soll denn bitteschön Trost herkommen, wenn ein Mensch so nah dran ist, sich einen Traum zu erfüllen und er ihm dann doch entgleitet? Tille sprach von einem "schweren Moment, wenn du alles gegeben hast und dann so knapp verlierst".

Deutschland hatte vor 7200 Besuchern beim europäischen Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro das Spiel um Platz drei gegen Weltmeister Polen trotz einer großartigen kämpferischen Leistung mit 2:3 (25:20, 22:25, 25:16, 26:28, 14:16) verloren. Damit steht definitiv fest, dass das Gipfeltreffen an der Copacabana ohne das Team um Starangreifer Georg Grozer stattfinden wird. Es war ein episches Drama in fünf Sätzen, bei dem die Deutschen im vierten Satz einen Matchball vergaben.

"Habe ich meiner Frau versprochen"

Als die mitreißende Partie verloren war, sank Außenangreifer Christian Fromm auf die Knie und schlug fassungslos die Hände vors Gesicht. "Diese Niederlage ist besonders bitter, weil wir wirklich gut gespielt haben und so nah dran waren." Es hat nicht sollen sein, für den deutschen Volleyball war es ein schwarzer Sonntag. Zuvor waren bereits die Frauen bei ihrem Turnier in Ankara gescheitert, sodass die Schmettergilde nun mit leeren Händen dasteht.

"In Rio wird es kaum ein Spiel geben, das auf einem solch hohen Niveau stattfindet, wie wir es hier in Berlin gegen die Polen gezeigt haben": Lukas Kampa.
"In Rio wird es kaum ein Spiel geben, das auf einem solch hohen Niveau stattfindet, wie wir es hier in Berlin gegen die Polen gezeigt haben": Lukas Kampa.(Foto: imago/Conny Kurth)

"Unsere beiden Teams sind nicht dabei", sagte Thomas Krohne, Präsident des Deutschen Volleyball-Verbandes, "im Moment fehlen mir die Worte." Die Hoffnungen halten nun noch die Beachvolleyballer hoch, die in Rio immerhin eine Goldmedaille zu verteidigen haben. Im deutschen Lager herrschte Katerstimmung, nach dem Matchball erklärte Georg Grozer, 31 Jahre alt, seine Karriere in der Nationalmannschaft zumindest für die kommenden beiden Jahre für beendet. "So lange mache ich mindestens Pause, das habe ich meiner Frau versprochen." Es könnte eine größere Zäsur geben, auch langgediente Spieler wie Markus Böhme, Sebastian Schwarz, Christian Dünnes oder Jochen Schöps, die alle über 30 sind, werden darüber nachdenken, ob sie noch einen weiteren Olympiazyklus dranhängen.

Es wäre das Ende einer tollen Generation, die 2014 WM-Bronze holte und damit für die erste deutsche Medaille bei einer Weltmeisterschaft seit 1970 sorgte. Dass es die Deutschen mit dieser Mannschaft verdient hätten, in Brasilien dabei zu sein, steht außer Frage. Es ist ein Unding, dass die Europäer, die im Volleyball das Weltniveau bestimmen, bei Olympia jedoch lediglich vier von zwölf Startplätzen erhalten. Zuspieler Lukas Kampa vertritt die These, dass es "in Rio kaum ein Spiel geben wird, das auf einem solch hohen Niveau stattfindet, wie wir es hier in Berlin gegen die Polen gezeigt haben".

"Da laufe ich in den Wald und verstecke mich"

Nun stehen die Zeichen bei Bundestrainer Vital Heynen ebenfalls auf Abschied, auch wenn er direkt nach dem Platzen des großen Traums von Olympia sagte: "Das ist heute nicht der richtige Zeitpunkt, um darüber zu sprechen." Nach einer internen Absprache soll der exzentrische Belgier die Mannschaft noch im Frühjahr in der Weltliga betreuen, bei der EM-Qualifikation im September wird dann mit großer Wahrscheinlichkeit bereits sein Nachfolger auf der Bank sitzen.

Seit Heynen im März 2012 seine Mission auf der deutschen Bank antrat, hat er in aller Deutlichkeit kundgetan, wie negativ er die seiner Meinung nach mangelhaften Strukturen im Deutschen Volleyball-Verband einschätzt. Zuletzt weitete er seine Kritik gleich auf die Gesellschaft aus: "Das Problem von Deutschland ist, dass es kein Sportland ist, es keine Sportkultur besitzt", sagte er in einem Interview mit der Tageszeitung "Die Welt". Die Entscheidung Hamburgs, sich nicht für die Olympischen Spiele 2024 zu bewerben, habe ihn "mitten ins Herz getroffen".

Und weiter: "Deutschland hat fast nur Fußball, es fehlt die Wertschätzung für andere Sportarten." Das alles muss Heynen in Zukunft nicht mehr beschäftigen. Der Trainer hat sich auf der Bank der deutschen Nationalmannschaft eine internationale Reputation erworben, die ihm viele Türen öffnet. Doch im Moment des Scheiterns mochte der 46-Jährige daran keinen Gedanken verschwenden. Er werde den Abend mit seiner Frau verbringen, "ich habe sie wochenlang nicht gesehen, und wenn ich morgen zu meinem Klub nach Tours fahre, sehe ich sie wieder wochenlang nicht". Was er im Sommer macht, wenn in Rio das olympische Volleyballturnier läuft, weiß Heynen schon ziemlich genau: "Da laufe ich in den Wald und verstecke mich."

Quelle: n-tv.de

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