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Letzte Arbeiten, dann ist von der ehemaligen Favela nichts mehr zu sehen.
Letzte Arbeiten, dann ist von der ehemaligen Favela nichts mehr zu sehen.(Foto: imago/Fotoarena)

Das letzte Haus ist bald Geschichte: Vorzeige-Favela fällt Olympia zum Opfer

Die kleine Favela am Jacarepagua See in Rio ist Geschichte. Die letzte Hausbesitzerin muss trotz großer Proteste aufgeben - für ein paar Wochen Ruhm und Glanz bei den Olympischen Spielen. Dabei galt die Favela lange Zeit als soziales Leuchtturmprojekt.

Wehmütig blättert Marcia Lemos in ihrem Fotoalbum. Ausgelassene Nachbarschaftsfeste, der angrenzende Jacarepagua See bei Nacht, die Obstbäume in ihrem eigenen kleinen Garten. Es sind vergilbte Erinnerungsstücke an bessere, vorolympische Zeiten in der Vila Autodromo in Rio de Janeiro. In wenigen Tagen wird auch das letzte Haus auf dem Gelände des zukünftigen Olympia-Parks Geschichte sein. Es ist Lemos' Haus, das genau wie zuvor die ihrer Nachbarn für die Sommerspiele weichen muss. Dort, wo Lemos mit ihrer Familie 15 Jahre lang lebte, wird ein Parkplatz gebaut.

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"Ich würde mein Haus gerne wieder aufbauen. Ich habe hier so viele Dinge mitgenommen um zurückzukommen, um hier zu leben und zu sterben", sagt die 59-Jährige, inmitten ihres mitterweile fast völlig entkernten Hauses. Ein leerer und verdreckter Swimming-Pool, ein vergessener Mülleimer und ein seit langem nicht mehr benutzter Ofen sind traurig anzusehende Zeugnisse ihrer Situation. "Sie sehen auf den Fotos, wie es mal war - es ist traurig zu sehen, wie es jetzt ist", sagt Lemos. Und während sie dies sagt, wird nur wenige Meter entfernt unverdrossen weiter gewerkelt: Hinter einem meterhohen Zaun ragen die bereits fast vollständig fertigen olympischen Bauten hervor.

Vorzeigeprojekt eingedampft

Verkauf der Olympia-Tickets stockt

Gut fünf Monate vor Beginn der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro (5. bis 21. August) gibt es beim Ticketverkauf noch viel zu tun. Weniger als die Hälfte der angebotenen Eintrittskarten wurden bisher verkauft. Wie Mario Andrada, Kommunikationsdirektor von Rio 2016 erklärte, seien 47 Prozent der insgesamt 5,7 Millionen Eintrittskarten für die Wettkämpfe abgesetzt worden. Das brachte einen Umsatz von 194 Millionen US-Dollar (178 Millionen Euro). Vor allem in Brasilien selbst stockt der Ticketverkauf. Da aber vor allem die teuren Tickets nachgefragt wurden, fiel das wirtschaftliche Fazit weniger schlecht aus. "Wir haben 74 Prozent des gesamten Ticket-Umsatzes erreicht", sagte Andrada. So sind die Premium-Events sowie die Eröffnungsfeier schon "fast komplett ausverkauft".

Dabei sollte laut des ersten Entwicklungsplans die Favela Bestand haben. Doch dann teilte die Stadt den Bewohnern mit, dass sie ihre Häuser verlassen müssten und umgesiedelt würden, obwohl es sogar Pläne für eine Modernisierung gab - ausgezeichnet mit einem Preis für Stadtentwicklung.

Rund 3000 Menschen lebten hier, das ehemalige Fischerdorf war eines der sozialen Vorzeigeprojekte. Die in Rio allgegenwärtige Drogengewalt gab es hier nicht, zu klein war das Örtchen um für die kriminellen Banden interessant zu sein. Dutzende Millionen Euro gab die Stadt für die Umsiedlung der Bewohner aus, Geld, mit dem das Gebiet nach Aussagen von Kritikern auch hätte weiterentwickelt werden können. Lemos wurden umgerechnet fast 200.000 Euro angeboten, nach ihrer Aussage sei ihr Eigentum weit mehr wert. "Eine Aufwertung der Favela und die Einbindung der Bevölkerung hätten die Vila Autodromo zur Krönung der Olympischen Spiele gemacht", sagt Regina Bienenstein, Professorin an der Universidade Federal Fluminense und eine der Autorinnen des preisgekrönten Urbanisierungsprojekts, der "Neuen Zürcher Zeitung". Nun, so Bienenstein, werde sie zum Schandfleck.

Mit allen Mitteln gewehrt

Mit allen Mitteln hatten sich die Bewohner gegen das Vorhaben der Stadt gewehrt. Bürgerinitiativen und juristische Verfahren hatten keinen Erfolg. Auch Zusammenstöße mit der Polizei gab es. Lemos zog im vergangenen Oktober mit ihrer 82-jährigen Mutter in das Haus ihrer Schwester - 35 Kilometer entfernt. Im Gegensatz zu Lemos haben einige ehemalige Bewohner allerdings Frieden gemacht. Sie berichten von besseren Lebensbedingungen in den neuen Quartieren.

Bei Lemos ist der Ärger allerdings ungebrochen: "Sie können mir zu allen olympischen Veranstaltungen Karten geben. Sie können mir tausend Tickets schenken", sagt Lemos: "Ich würde sie vor dem zerreißen, der sie mir geben würde."

Quelle: n-tv.de

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