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So geht das: Vertrauen und Freude machen diese Mannschaft so erfolgreich.
So geht das: Vertrauen und Freude machen diese Mannschaft so erfolgreich.(Foto: AP)

Bewahren wir uns die Freude!: Was wir von den Handballern lernen sollten

Ein Kommentar von Tobias Nordmann

Deutschlands Handball-Jugendbande wird sensationell Europameister. Sie spielt mitreißend, führt eine ganze Sportnation zu kollektiver Euphorie. Und sie vermittelt eine Botschaft, die weit über den Sport hinaus geht.

Europameister! Was für eine großartige Geschichte haben diese jungen deutschen Handballer bei der EM in Polen geschrieben. Einfach nur unglaublich. Europameister, das kann ihnen keiner mehr nehmen. Aber was bleibt? Was bleibt, wenn die Euphorie verpufft ist? Morgen, übermorgen, vielleicht auch erst Ende der Woche? Vermutlich nicht mehr als ein paar lobende Kommentare, als ein paar begeisternde Tweets aus aller Welt, von allerlei prominenten und nicht-prominenten Menschen - aber dann? Dann kommt der Alltag. Für die Handballer, für uns alle. Das ist normal. So ist es immer. Aber gut ist das nicht!

Der Inbegriff der deutschen Teamloyalität: Keeper Carsten Lichtlein (r., neben Trainer Dagur Sigurdsson).
Der Inbegriff der deutschen Teamloyalität: Keeper Carsten Lichtlein (r., neben Trainer Dagur Sigurdsson).(Foto: imago/Camera 4)

Warum nicht? Weil diese junge Mannschaft Leichtigkeit und Freude vermittelt, Zusammenhalt gelebt und geschaffen hat. Familien trafen sich pünktlich zum Anwurf vor dem Fernseher. Handballverrückte, Sportmuffel oder gar Fußball-Nerds veranstalteten kleine Public Viewings und Sportgrößen wie NBA-Legende Dirk Nowitzki und die Fußballweltmeister Jérôme Boateng und Mario Götze teilten der Welt ihre Begeisterung via Twitter mit. Und das in einer Zeit, in der gute Nachrichten selten sind und fast alles negativ kommentiert und diskutiert wird. Handball taugte Deutschland in diesen Tagen als willkommener Stimmungsaufheller. Es gibt viele Gründe, warum das so ist. Gründe, die man sich über den Sport hinaus bewahren sollte.

Begeisterung, Bescheidenheit, Elan und Teamgeist

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Das DHB-Team hat Tugenden gelebt, die in den letzten Tagen und Wochen vielerorts vergessen schienen. Mit Begeisterung und Bescheidenheit, mit Elan und Willen, mit Geduld, Gelassenheit und Teamgeist hat die Mannschaft um Kapitän Steffen Weinhold diese Europameisterschaft bestritten. Sie haben nicht lamentiert. Nicht vorher, als mit Uwe Gensheimer, Patrick Groetzki und Patrick Wienczek drei wichtige Säulen des DHB-Spiels ausfielen. Nicht während des Turniers, als auch Weinhold und Christian Dissinger verletzt passen mussten. Und auch nicht in Spielen wie gegen Russland, als die Schiedsrichter alles andere als unparteiisch schienen.

Diese Mannschaft hat gezeigt, was möglich ist, wenn man an sich glaubt. Wenn man sich nicht zu viel Stress macht, den Druck nicht zu groß werden lässt. Diese Mannschaft hat das gemacht, worauf sie am meisten Lust hatte: Sie hat alles gegeben, Handball gespielt und gearbeitet. Sie hat den Blick nicht auf irrwitzige Ziele gerichtet, sondern sich auf den nächsten Schritt konzentriert. Kleine Ziele, große Erfolge - so wächst das Selbstvertrauen, so wächst die Freude. Freude, die Spieler wie der junge Rune Dahmke, Polen-Legionär Tobias Reichmann oder auch der so sensible Steffen Fäth für jeden sichtbar machten. Freude, die ansteckend ist.

Vertrauen - das ist die wichtigste Botschaft

Und noch etwas hat dieses Team ausgezeichnet. Etwas, was zuletzt in Deutschland in vielen Diskussion mit einer großer Hysterie behandelt wurde: Vertrauen. Die jüngste Mannschaft im Turnier hat ihrem Trainer vertraut. Mit seinen Assistenten Alexander Haase und Axel Kromer hat Dagur Sigurdsson der Mannschaft einen Plan mitgegeben - stets ruhig und sachlich, nie hektisch und wütend. Vor den Spielen, während der Spiele. Das Team hat ihnen und sich selbst vertraut. Egoismen wurden hinten angestellt. Bedingungslos.

Zum Beispiel Carsten Lichtlein. Im Auftaktspiel gegen Spanien noch die Nummer eins zwischen den Pfosten, wurde der Torhüter in der Partie gegen Schweden von Andreas Wolff abgelöst. Der parierte bravourös. Und Lichtlein? Akzeptierte die Entscheidung ohne Murren, fand seine Rolle im Team als exzessiver Motivator. Wohl kein deutscher Spieler hat die Leidenschaft, die Begeisterung, das Feuer mehr gelebt als der Routinier.

Diese Mannschaft hat gute Nachrichten produziert. Sie hat uns allen gezeigt, was möglich ist, wenn man zusammenhält, sich vertraut und stets positiv bleibt. Zwei Wochen hat sie eine Nation begeistert, die gerade sehr mit sich selbst beschäftigt ist und zu oft vergisst, was das Leben lebenswert macht: die Freude. Eine echte Wohltat. Es wäre schade, wenn wir das sofort wieder vergessen würden.

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Quelle: n-tv.de

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