Sport
Der Ex-Funktionär Mario Goijman kämpft seit 2002 vor und abseits von Gerichten für sein Recht.
Der Ex-Funktionär Mario Goijman kämpft seit 2002 vor und abseits von Gerichten für sein Recht.(Foto: Roland Peters)
Dienstag, 02. Mai 2017

Der Lebenskampf Mario Goijmans: Wie der Volleyball seinen Helden vernichtete

Von Roland Peters, Buenos Aires

Eine WM, eine Wirtschaftskrise, ein diktatorischer Verbandspräsident - und ein Whistleblower, der die Macht der Korruption im Sport zu spüren bekommt. Mario Goijmans Leben ist fast zerstört. Aufgeben kann er nach 15 Jahren nicht mehr.

Wird Mario Goijman wegen seiner Ideale allein sterben, betrogen um sein Geld, verlassen von seiner Familie? Im idealen Film würde seine Geschichte garantiert gut ausgehen. Dort widerführe ihm vor seinem Ende noch Gerechtigkeit, er wäre ein Held, würde in der Welt des Volleyballs rehabilitiert, seine Schulden wären passé. Weil der Bessere im Sport und auch anderswo am Ende gewinnen sollte, nicht der Hintertriebenere und Mächtigere. Weil der Argentinier aufstand gegen die Korruption in der Funktionärselite des Weltvolleyballverbands FIVB. Weil er dem herrschsüchtigen und kriminellen Ex-Präsidenten Rubén Acosta die Stirn bot.

Aber diese Geschichte ist kein Kinomärchen. Goijman kämpft seit eineinhalb Jahrzehnten. Er hat fast alle Schlachten verloren.

"Der Sport schuldet Goijman ein würdiges Leben"

Ganz allein steht Mario Goijman in seinem Kampf nicht: Die Organisation Play the Game, die sich für ethische Grundsätze und Transparenz im Profisport einsetzt, unterstützt den Argentinier seit mehr als zehn Jahren. Im vergangenen Oktober veröffentlichte die Initiative einen offenen Brief an FIVB-Präsident Ary Graça, den argentinischen Sportminister sowie den Präsidenten des Argentinischen Olympischen Komitees.

Anlass war die Generalversammlung des Weltvolleyballverbands. Der Brief drängt auf eine Lösung des Streits zugunsten Goijmans, wegen seiner Verdienste im Kampf gegen die Korruption in den Funktionärsriegen: "Der Sport schuldet dem Whistleblower Mario Goijman ein würdiges Leben" (Englisch und Spanisch)

Wenn der inzwischen 72-Jährige von dieser Zeit erzählt, muss er manchmal Pausen machen. Dann hustet er schwer. "Ich fühle mich sehr schlecht", sagt er. Wenn es um ein wichtiges Detail seines Dramas geht, schraubt sich seine Stimme hoch; nur, um zum Ende des Satzes irgendwo in seiner Kehle zu verschwinden. Zuhören will ihm außerhalb seiner psychologischen Behandlung kaum noch jemand. Seine Kinder wollen ihn nicht mehr sehen. Nur in den sozialen Netzwerken, aus der digitalen Distanz, da bekommt er Zuspruch. Kämpfe weiter, Mario. Gib nicht auf, Mario. Es ist wichtig, Mario.

Die Akten über Volleygate und ihn stapeln sich auf seinem Schreibtisch, in dieser "Hütte" außerhalb der Stadt, wo er jetzt wohnen muss, wie er klagt, bevor er wegguckt; durch seine Brillengläser, durch das Fenster des Cafés hinaus auf die Avenida Santa Fé. Dann stellt er die eine Frage, die ihm sonst die Menschen, denen er gerade seine Geschichte erzählt hat, stellen. "Was habe ich denn falsch gemacht?"

Ja, was eigentlich?

In den 1990ern ist Mario Goijman noch ein erfolgreicher und respektierter Unternehmer in seiner südamerikanischen Heimat. Er arbeitet im Pharmageschäft, stellt Generika her, Apotheken nutzen seine Vertriebs- und Bestellsoftware. Und er hat eine Leidenschaft für Sport. Im Jahr 1996 wird er Vorsitzender des nationalen Volleyballverbands FAV, der Federación Argentina de Voleibol. Zwei Jahre später vergibt der Weltverband FIVB die WM 2002 an den FAV. Als die Wirtschaftskrise am Rio de la Plata beginnt, muss Goijman sein Unternehmen unter Wert verkaufen. Argentinien schlittert in ein ökonomisches Desaster, das im Jahr 2001 seinen Tiefpunkt im offiziellen Staatsbankrott erreicht: "La crisis". Er bedeutet Hyperinflation, Plünderungen, Hunger. Goijman richtet das Turnier trotzdem aus.

Der FAV-Verbandschef findet Sponsoren, schließt einen TV-Vertrag mit ESPN für 4 Millionen US-Dollar, nimmt einen Kredit auf, mit seinem Haus als Sicherheit für die Bank. Das Geld für die Übertragungsrechte geht zuerst an den Weltverband FIVB, aber insgesamt 30 Prozent der TV-Gelder stehen Argentinien zu. Auch Goijman sitzt im FIVB-Vorstand um Präsident Ruben Acosta, der seit 1984 im Amt ist. Das vorgestreckte Geld des nationalen Ausrichters, etwa sechs Millionen Dollar, soll bei Verlust nach dem Kassensturz zurückgezahlt werden. Das Turnier ist ein organisatorischer Erfolg. Weltmeister wird erstmals Rivale Brasilien, Argentinien Sechster.

Acosta herrscht im FIVB wie ein Diktator. Eine Woche vor Turnierbeginn findet in Buenos Aires der Gesamtkongress des Weltverbands statt. Goijman nutzt die Gelegenheit und äußert öffentlich Zweifel: Einnahmen, die in den Papieren für den FIVB-Vorstand angegeben sind, fehlen auf dem Kongress in den Abrechnungen für die anwesenden 177 nationalen Verbände. Zudem prangert er einen Interessenkonflikt an. Der FIVB habe für 1,7 Millionen Franken eine Villa am Verbandssitz im schweizerischen Lausanne gekauft, die aber Acostas verstorbenem Schwiegervater gehörte. Das Geld ging an Acostas Frau. Der Präsident und der restliche Vorstand streiten alles ab, erst Jahre später wird intern ermittelt. Am Ende wird die Zahl von 33 Millionen verschwundenen Dollar stehen - Geld, das dem Sport fehlt und durch gefälschte Abrechnungen illegal in die Taschen der Funktionäre geflossen ist, vor allem in die des Ehepaars Acosta.

Ruben Acosta trat im Jahr 2004 aus dem Internationalen Olympischen Kommitee (IOC) zurück - zwei Tage, bevor die Ethikkommission einen Ausschluss wegen veruntreuter IOC-Gelder hätte vorlegen können. FIVB-Chef blieb er bis 2008.
Ruben Acosta trat im Jahr 2004 aus dem Internationalen Olympischen Kommitee (IOC) zurück - zwei Tage, bevor die Ethikkommission einen Ausschluss wegen veruntreuter IOC-Gelder hätte vorlegen können. FIVB-Chef blieb er bis 2008.(Foto: AP)

Der offene Krieg des FIVB gegen seinen Aufklärer beginnt direkt nach der WM auf der Vorstandssitzung in Lausanne, am 7. November 2002. "Sie beschuldigten mich der wildesten Dinge. Ich hätte schlecht über den Verband geredet, über Acosta gelästert, Geld verschwendet", empört sich Goijman noch heute: "Sie haben mir auch vorgeworfen, dass bei dem Kongress die Blumen am Bühnenrand nur 20 statt 30 Zentimeter hoch gewesen seien." Lächerlich, absurd, ein Theater, eine Farce; der Ex-Funktionär speit seine Meinung über das Geschehene förmlich aus.

Nun geht es Schlag auf Schlag. Goijman wird aller Ämter enthoben. Er darf keinen offiziellen Volleyballplatz der Welt mehr betreten. Der Argentinier schaltet einen Anwalt ein, sie klagen gegen den FIVB. Er setzt eine Website auf und veröffentlicht darauf alle Dokumente zu den Korruptionsvorwürfen: Volleygate. Weil Acosta auch IOC-Mitglied ist, beschwert sich Goijman bei der Ethikkommission des Internationalen Olympischen Komitees. Den Unterlagen zufolge tauchen Ausschüttungen des IOC nicht vollständig in den Büchern des FIVB auf. Das Geld ist verschwunden.

Acosta und der FIVB setzen dem argentinischen Verband FAV eine Frist zu Neuwahlen, um Goijman zu ersetzen. Nach und nach schließt der FIVB alle argentinischen Vereine und Athleten von internationalen Wettbewerben aus. Dann ersetzt der Weltverband den FAV einfach durch die zu Acosta loyale Federación Voleibol Argentino (Feva). Goijman hat nun keine Lobby mehr.

Das juristische Tauziehen endet nach einigem Hin und Her vorerst im Jahr 2008, als ein Gericht Goijman als Kläger recht gibt – bis auf einen Punkt: Es sei nicht klar, ob die 15 Millionen Dollar, um die es damals noch ging, absichtlich beiseite geschafft worden waren. Wie soll so etwas passieren? Können 15 Millionen Dollar aus Versehen verschwinden? Der Argentinier legt Berufung ein, die das Gericht ablehnt, weil der Weltverband der Geschädigte sei, nicht Goijman selbst.

Kurz vor einer Sitzung, bei der über mögliche Sanktionen gegen Acosta entschieden werden soll, tritt er 2004 zurück. Es ändert sich trotzdem nichts, denn der Anwalt des Ex-Präsidenten ist derselbe wie der des Weltverbands. "Alle hatten Angst, sanktioniert zu werden", sagt Goijman. Viele Funktionäre hätten in der Organisation Freunde und Familie.

Goijman spricht zudem von einem Deal: Acostas Anwalt habe dem IOC übermittelt, er sei bereit zurückzutreten, wenn danach nicht juristisch gegen ihn vorgegangen werde. Falls doch, werde er Informationen über Korruption im Olympischen Komitee veröffentlichen. In der Schweiz wird das dementiert. "Das IOC war nie in einen 'Deal' mit Herrn Acosta verwickelt", sagt ein Sprecher des IOC auf Anfrage von n-tv.de.

"Komplizen oder blinde Dummköpfe"

Ruben Acosta - im Jahr 2006 vor dem Schweizer Gericht, das ihn kurz zuvor im Korruptionsskandal freigesprochen hatte.
Ruben Acosta - im Jahr 2006 vor dem Schweizer Gericht, das ihn kurz zuvor im Korruptionsskandal freigesprochen hatte.(Foto: AP)

Auch heute, 15 Jahre nach der WM in Argentinien, hat der Weltverband das vom Turnier eingenommene Geld weder an den FAV noch an Goijman überwiesen, der Anspruch auf eine Million Dollar erhebt. Acostas Nachfolger Jhizong Wei und auch der aktuelle Präsident Ary Graça hatten und haben offenbar kein Interesse daran, die Angelegenheit zu lösen. Weil im Vorstand immer noch fast dieselben Leute sitzen, folgert der Whistleblower: "Entweder alle waren Acostas Komplizen, die einen Teil des verschwundenen Geldes erhalten haben, oder blinde Dummköpfe, die unter alles ihre Unterschrift gesetzt haben, was Acosta ihnen vorlegte."

Doch es ist nicht der Betrug um sein Geld, der Goijman so wütend macht, sondern die Ungerechtigkeit und ihre Folgen. "Wer bist du, Don Qijote?", fragten ihn sein 40-jähriger Sohn und seine 39-jährige Tochter, bevor sie den Kontakt abbrachen. Weil sich ihr Vater öffentlich gegen die Korruption im internationalen Profisport gestellt hat, für mehr als das kämpft, was ihm persönlich zusteht. Weil er Acosta nicht mit dessen eigenen Waffen bekämpft und ihn schlicht erpresst hat mit seinem Wissen. Sie sehen ihn nicht als den mutigen Mario, der für den Sport sein privilegiertes Leben opferte und immer noch kämpft. Goijman klagt, sie sähen nur den Vater, der sie um ihr Erbe betrogen habe.

"All mein Kämpferherz hängt am Sport", sagt der Ex-Funktionär, nun mit Augen voller Wut. "Aber ich sehe den Weg nicht." Also läuft der Argentinier blind weiter: Zu Hause sind die Schränke gefüllt mit Akten, alles ist sortiert. Noch einmal will sich Goijman aufraffen, ein Paket aus Dokumenten zusammenstellen, es in die Schweiz zu seinem Anwalt schicken und zur Ethikkommission des Internationalen Olympischen Komitees.

Viel Hoffnung sollte er sich nicht machen. "Das IOC hat keine Verantwortung für die persönliche Situation von Herrn Goijman", sagt das Komitee zu n-tv.de. Der Fall liege im Verantwortungsbereich des FIVB. Über die Widerstände in den Funktionärsriegen hinaus muss der Argentinier mit seiner Gesundheit ringen, körperlich wie psychisch: "Ich bin derzeit nicht fähig, weiterzumachen." Immer finde er etwas, was er vergessen hatte. "Ich bin zunichte gemacht, beraubt und verstoßen worden."

Der Kampf als Persönlichkeit

Hört man der Geschichte des früheren Chefs des argentinischen Volleyballverbands und Vorstandmitglieds des Weltverbands zu, stellt er sofort Nähe her. Deshalb wenden sich die Menschen vielleicht von ihm ab: weil der Kampf ein zu großer Teil seiner Persönlichkeit geworden ist. Whistleblower Goijman ist Volleygate und Volleygate ist Goijman. Ein Mann, dem seine Leidenschaft für den Sport zum Verhängnis wurde. Ein Sport, der sich in den Verbänden seine eigenen Gesetze schafft, die Korruption erleichtert und so die Gier nach Geld und Macht in den Logen fördert.

Welche moralischen Maßstäbe im Leistungssport gelten für alle? Schaut man auf Volleygate, ist die Schlussfolgerung radikal wie enttäuschend, dann gälte: Mach all das, womit du irgendwie durchkommst, dort wo die Gremien zusammensitzen, um über den größtmöglichen Profit zu reden. Einen Ausweg aus der Lüge in die nächste gibt es in dieser Welt immer. Weil Goijman anderer Ansicht war, redete er über die Korruption im internationalen Volleyballsport, ohne sich vorher genügend abzusichern. Dafür bezahlt er. Deshalb muss er auch heute noch darüber reden. Weil er trotz seiner Verdienste als Whistleblower beispielhaft ist für den Umgang des Sports mit seinen Helden abseits der Wettkämpfe.

So oft hat Mario Goijman seit diesem so entscheidenden Jahr 2002 schon sein Leben vor anderen ausgebreitet. Eineinhalb Jahrzehnte des Kampfes, ein weiteres Mal erzählt. Wie er es immer auch macht, wenn er sich mit einem Journalisten trifft. Mario, das ist doch nicht neu, sagen sie dann. Mario, das haben wir doch alles schon geschrieben. Mario, wir können dir nicht helfen.

Und dann, nach fast zwei Stunden, weicht Goijmans gesammelter Zorn, er weicht dem Schmerz. Als sei der Kern des Menschen verschüttet gewesen unter all den Fakten, Klagen und Details. Nach einer letzten Frage lehnt sich Mario vor, aber nur ein wenig, da sein Bein mit den offenen Stellen hochgelegt ist und der Bauch im Weg. Resignation und Empörung schwingen mit. "Ich gucke noch immer die ganze Zeit Volleyball. Ich mache kaum etwas anderes." Es klingt wie eine Beichte.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen