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Sebastian Vettel ist der jüngste Formel-1-Weltmeister in der Geschichte. Und dennoch: Er ist ein Talent, aber kein Wunderkind.
Sebastian Vettel ist der jüngste Formel-1-Weltmeister in der Geschichte. Und dennoch: Er ist ein Talent, aber kein Wunderkind.(Foto: picture alliance / dpa)

PS-Ritter in der Formel 1: Sebastian Vettels Weg an die Spitze

Von Holger Preiss

Sebastian Vettels Stern strahlt heller als der von Michael Schumacher. Sein Alter und der dritte WM-Titel in Folge machen Vettel schon jetzt unsterblich. Kein schlechter Zeitpunkt, ein Buch über den Heppenheimer zu schreiben. René Hofmann reiht die Geschichte Vettels in das Abenteuer Formel 1 ein, das seit Bestehen der Rennserie mit Intrigen, Spionage und einsamen Siegen gespickt ist.

Der Motorsport ist ein besonderer Sport. Auf die tausendstel Sekunde wird die Leistung der Protagonisten gemessen. Es ist ein Mannschaftssport, bei dem am Ende einer entscheidet, wie viel Erfolg das Team hat. All das schafft ein Milieu, wie es auf keinem Sportplatz zu finden ist: Hier treffen sich Egoisten, Technik-Freaks, Selbstdarsteller, Geschäftsleute, enthusiastische Fans und Politiker. In der Formel 1 wird alles auf die Spitze getrieben. Hier gibt es die freiesten Regeln, die schnellsten Autos, das meiste Geld. Letztlich ist die Königsklasse des Motorsports eine gigantische Show und ein gewaltiges Geschäft – es bewegt nicht nur Millionen von Euro, sondern ebenso viele Menschen.

Alle 14 Tage ziehen die PS-Ritter während der Saison in die Schlacht.
Alle 14 Tage ziehen die PS-Ritter während der Saison in die Schlacht.(Foto: picture alliance / dpa)

Woche für Woche kämpfen die Piloten auf fünf Kontinenten um den Sieg. Der mag auch mal Zufall sein, der Gewinn der Weltmeisterschaft ist es nie. Aus diesem Blickwinkel betrachtet René Hofmann, als stellvertretender Sportchef der Süddeutschen Zeitung ein ausgewiesener Motorsportexperte, in seinem Buch "Pole Position Sebastian Vettel – Sein Weg an die Spitze" den Aufstieg des Heppenheimers zu einem der besten Rennfahrer der Welt. Dabei verliert Hofmann nie aus den Augen, was den Aufstieg und Fall der PS-Ritter, die mit ihren Boliden regelmäßig in die Schlacht ziehen, eigentlich ausmacht. Wer jetzt Angst hat, dass das Buch eine kritiklose Hommage an Vettel ist, der kann beruhigt werden.

Ein launiger Gang durch die Formel-1-Geschichte

Die Figur Vettel ist für Hofmann lediglich der Aufhänger, den Leser launig durch die Geschichte der Formel 1 zu führen und ihre Ränke, ihre Mythen und ihre Stars auf und abseits der Piste zu beleuchten. Auf diesem Weg findet der schottische Popstar Jackie Stewart ebenso Eingang in das Werk wie der clevere Österreicher Niki Lauda, der entschlossene Brasilianer Nelson Piquet, der kalkulierende Franzose Alain Prost oder der charismatische und gottesfürchtige Brasilianer Ayrton Senna. Sie bilden einen angenehmen Kontrast zu Sebastian Vettel, dessen Entwicklung vom kleinen Jungen, der sich in ein Go Kart verliebt, bis zum zweifachen Weltmeister detailliert, aber ohne zu langweilen aufgezeichnet wird.

Typisch für Sebastian Vettel: der Zeigefinger.
Typisch für Sebastian Vettel: der Zeigefinger.(Foto: picture alliance / dpa)

Da ist nicht nur die Rede von Entbehrungen des Einzelnen, sondern vom Einsatz der ganzen Familie. Da spielt neben Talent auch eine gehörige Portion Chuzpe eine Rolle. Da entscheiden Zufälle über das Weiterkommen. Empfehlungen und Bittgänge bei Sponsoren gehören ebenso zum Alltag, wie das tägliche Training. Am Anfang wirkt der von Hofmann gezeichnete Vettel noch frisch, spontan und angenehm fehlerbehaftet. Mit zunehmendem Erfolg verliert der Autor allerdings den Draht zu seinem Protagonisten. Die von Hofmann gewählten Zitate Vettels stammen von Presseterminen und Pressemeldungen, wie man sie auch in den alltäglichen Artikeln über den Formel-1-Piloten lesen kann. So bleibt das Visier geschlossen und über die inneren Regungen erfährt man nichts mehr. Die stereotypen Phrasen lassen keinen Blick mehr auf die reale Figur Sebastian Vettel zu.

Nicht nur ein Wunderkind

Was nach dem Lesen des Buches bleibt, ist aber die Gewissheit, dass die Geschichte Vettel nicht nur die eines Wunderkindes ist, sondern auch harte Arbeit. Jedes Wochenende fährt die ganze Familie mit einem Wohnmobil und einem billig erworbenen Go-Kart zu Rennen. Erste Erfolge stellen sich ein, aber mit dem Erfolg wächst auch der finanzielle Druck. Geld muss beschafft werden, um in dem technisch teuren Spiel mithalten zu können. Neben dem nachgewiesenen Können spielt Vettel immer wieder der Zufall in die Hände. Gerhard Noack, ein einflussreicher Mann im deutschen Kart-Sport, wird auf Vettel aufmerksam. Durch Noack wird der Kontakt zu Red Bull hergestellt und die ersten 5000 Mark zur Förderung des Talents fließen.

René Hofmanns Buch ist ein launiger Spaziergang durch die Formel-1-Geschichte.
René Hofmanns Buch ist ein launiger Spaziergang durch die Formel-1-Geschichte.

Auch Michael Schumacher erkennt die Fähigkeiten von Vettel auf der Kart-Bahn. Die Wege der beiden werden sich in Zukunft noch oft kreuzen. Den Einstieg in die Formel-BMW, die das Sprungbrett in die Formel 1 sein kann, schafft Vettel nur mit der finanziellen Hilfe von Noack. 48.500 Euro schießt der Unternehmer vor, damit Vettel sich einen entsprechenden Rennwagen kaufen kann. Vettel enttäuscht seinen Mäzen nicht. Er wird Zweiter der Meisterschaft und bester Neuling - "Rookie", wie es in der Szene heißt. An dieser Stelle tritt Helmut Marko auf den Plan, der als Talentscout für Red Bull unterwegs ist. Vettel ist gerade 13 Jahre alt, als er sich den roten Bullen verschreibt. Grundlage des Vertrages und der anhaltenden Förderung durch den Hersteller von Energy-Drinks sind anhaltende Erfolge und die liefert Vettel mit einigen Tiefschlägen bis heute.

Der harte Kampf an die Spitze

Bis an die Spitze der Formel 1 war es für Sebastian Vettel kein Spaziergang, aber für ihren Traum, in der Formel 1 fahren zu können, haben andere Rennfahrer Strapazen auf sich genommen, die den Weg von Vettel im Nachhinein wie eine lustige Schlittenfahrt erscheinen lassen. Red-Bull-Teamkollege Mark Webber zum Beispiel hatte nicht das Glück, nach einer Formel-BMW-Saison mit einem Sponsor wie Red Bull ins Geschäft zu kommen und mit Summen von anfangs 200.000 und später 700.000 Euro gefördert zu werden. Webber musste, um sein Ziel zu erreichen, einiges mehr auf sich nehmen.

Nach ersten Erfolgen in Australien entscheidet er sich 1996, nach Europa zu gehen, um in der Formel 1 Fuß zu fassen. Sein Geld verdient er als Fahrlehrer in einer Rennfahrerschule. Wochenlang lauert er am Flughafen von London Heathrow, um mit Hilfe der Reputation des ehemaligen Rugby-Spielers David Campese endlich sein Ziel zu erreichen. Der Landsmann soll mit Hilfe seiner Popularität Geld organisieren, das Webber den Einstieg in die Königsklasse ermöglicht. Doch daraus wird nichts. Erst als Mercedes-Sportchef Norbert Haug eines der vielen Faxe von Webber auf den Tisch bekommt, geht der Traum in Erfüllung. 2002 darf Webber im Hinterbänkler-Team Minardi sein Debüt geben. Ein erfolgreiches, wie man heute weiß.

Andere Karrieren enden abrupt. Wie die von Robert Kubica. Der erste Pole in der Formel 1 verletzt sich 2011 bei einem Rallye-Unfall so schwer, dass er bis heute den Weg zurück in die Königsklasse nicht schaffte. Andere Wegbegleiter von Sebastian Vettel bleiben einfach auf der Strecke. Unter ihnen Maximilian Götz, der lange Zeit in der Formel-BMW vor Vettel fuhr und später gemeinsam mit Lewis Hamilton in der Formel-3-Euroserie startete.

Ein Shakespear'sches Drama

Aber das sind nur einige der vielen Geschichten, die Hofmann in seinem Buch rund um die Vettel-Story strikt. Richtig spannend wird es, wenn es um Spionage, Geheimnisverrat, Intrigen und fingierte Unfälle geht. Der spektakulärste ist wohl der, als Nelson Piquet beim Singapur-Grand-Prix im Jahr 2008 aus völlig unerfindlichen Gründen gegen die Wand knallt und sein Teamkollege Fernando Alonso, der bis dahin noch nicht einmal auf dem Treppchen stand, einen spektakulären Sieg einfährt. Auch in einen Spionagefall ist Alonso verwickelt. Hier sollen geheime Unterlagen von Ferrari den Ingenieuren von McLaren in die Hände gespielt worden sein. Ein, ob seiner Skurrilität einzigartiger Fall in der Geschichte der Formel 1, der etwas von einem Shakespear'schen Drama hat.

Wer die Formel 1 etwas besser verstehen will, wer einen Blick hinter die Kulissen werfen möchte oder wer einfach eine Sammlung von Fakten über das "Wunderkind" Sebastian Vettel sucht, der sollte sich von René Hofmann in eine außergewöhnliche Welt entführen lassen. In ihr wird der Mann aus Heppenheim immer der jüngste Weltmeister in der Geschichte der Rennserie bleiben.

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Quelle: n-tv.de

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