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Er beißt sich durch, wenn die anderen die Regeln brechen: Sebastian Vettel.
Er beißt sich durch, wenn die anderen die Regeln brechen: Sebastian Vettel.(Foto: AP)

Hat Vettel es verdient?: Warum er ein würdiger Weltmeister ist

Von Holger Preiss und Stefan Giannakoulis

Er hat Nerven wie Drahtseile, fährt wie ein Champion, kann es auch von hinten und setzt in der Formel 1 neue Maßstäbe. Sebastian Vettel ist ohne Zweifel ein würdiger Weltmeister - und einfach der coolste unter den Fahrern.

Nun ist er also Weltmeister in der Formel 1, wieder einmal. Denkbar knapp mit nur drei Punkten vor seinem großen Rivalen Fernando Alonso, aber Sebastian Vettel hat es in Sao Paulo geschafft und ist mit seinem Red Bull allen davongefahren. Abgesehen davon, dass auch im Motorsport derjenige den Titel holt, der am Ende die meisten Zähler sammelt: Hat der Deutsche sich seinen Triumph auch verdient? Die Antwort fällt ebenso knapp wie eindeutig aus: Unbestritten! Sieben Gründe, warum Sebastian Vettel ein würdiger Weltmeister ist:

1. Er setzt neue Maßstäbe. Vettel hat mit seinem dritten WM-Sieg hintereinander die Grenzen in der Formel 1 verschoben. Und bereits mit 25 Jahren eine kleine Ära begründet. Ein Ende ist nicht in Sicht. Nicht nur, dass er mit 23 Jahren 2010 der jüngste Weltmeister der Formel-1-Geschichte wurde. Jetzt ist er auch noch der jüngste Weltmeister mit drei Titeln in Folge. Selbst Legenden wie Ayrton Senna und Michael Schumacher waren sechs Jahre älter bevor sie in der Königsklasse ganz oben waren.

2. Er hat Nerven wie Drahtseile - oder gar keine. Vettel ist in den 20 Rennen von März bis November nicht nur kaltblütig, entschlossen und fokussiert gefahren, er glänzte auch durch sein enormes fahrerisches Können. Wer in dieser Saison tatsächlich noch daran zweifelte, musste oder durfte sich spätestens bei den letzten drei Läufen in Abu Dhabi, Austin und nun in Interlagos eines Besseren belehren lassen.

3. Er kann es auch von hinten. Der Standardvorwurf in den vergangenen Jahren lautete: Vettel ist nur erfolgreich, wenn er das Rennen von der Spitze aus kontrollieren kann. Und dann kam der Große Preis von Abu Dhabi am 4. November. Weil der Weltmeister bei der Qualifikation einen Schluck Benzin zu wenig im Tank seines Red Bulls hatte, musste er statt von Rang drei den Regeln entsprechend vom letzten Platz aus starten. Rollte das Feld auf leicht feuchter Strecke von hinten auf, fuhr letztlich auf Rang drei hinter Alonso. Der auf Startplatz 24 geführte Vettel machte 21 Plätze gut, mehr schaffte zuletzt nur Christian Danner. Der hatte 1989 in den USA allerdings in einem größeren Feld von Startplatz 26 Rang vier belegt. Selbst Rekordchampion Schumacher machte in seiner Laufbahn maximal 19 Plätze gut, die Bestmarke schaffte er aber erst in seiner sonst unglücklich verlaufenen "zweiten Karriere". 2011 in Spa arbeitet er sich vom letzten Startplatz auf Rang fünf vor.

4. Er bleibt cool, wenn die anderen tricksen. Beim Rennen im texanischen Austin am 18. November, dem vorletzten der Saison, griff die Konkurrenz von Ferrari in die, nun ja, Trickkiste. Die Scuderia provozierte eine Strafe für ihren Fahrer Felipe Massa, um Alonso am Start einen Platz nach vorne zu bringen. Eiskalt, skrupellos, gerissen, aber legitim - und irgendwie auch clever. Am Ende erwies sich der ebenso dreiste wie professionelle Schachzug, mit dem Ferrari die komplette Startaufstellung eigenmächtig veränderte, als der entscheidende Faktor: Der mutwillige Siegelbruch am Getriebe von Massas Auto und die Strafversetzung des Brasilianers um fünf Plätze ermöglichten Alonso eine bessere Startposition. Doch der Spanier wurde in den USA nur Dritter, Vettel fuhr auf Rang zwei.

5. Er beißt sich durch, wenn die anderen die Regeln brechen. In der Königsklasse gilt Alonso als einer der Besten seines Fachs. Aber auch als einer, der nicht immer mit fairen Mitteln arbeitet. So fuhr im Jahr 2008 Nelson Piquet mit seinem Renault beim Singapur-Grand-Prix aus scheinbar völlig unerfindlichen Gründen gegen die Wand - sein damaliger Teamkollege Alonso, der bis dahin nicht einmal auf dem Treppchen gestanden hatte, feierte einen spektakulären Sieg. Hinterher stellte sich heraus: Der Unfall war fingiert. Konsequenzen? Keine! Auch in einen Spionagefall war Alonso während seiner Karriere verwickelt. Hier sollen geheime Unterlagen von Ferrari den Ingenieuren von McLaren in die Hände gespielt worden sein. Was nichts daran ändert, dass er ein hervorragender Fahrer ist. 2005 und 2006 holte er den Titel. Zuletzt aber war Vettel einfach besser.

6. Er fährt wie ein Champion - trotz Pleiten, Pech und Pannen. Vettel hat auch und gerade im letzten WM-Rennen in Sao Paulo - dem wohl spannendsten Lauf der Saison - sein Können unter Beweis gestellt. Eine irre Achterbahnfahrt mit ständig neue Wendungen: Unfälle, Dreher und dann auch noch Regen, machten den 4,309 Kilometer langen Kurs im Autodromo Carlos Pace zur Rutschbahn. Doch Vettel ließ sich nicht beirren. Nicht, als sein Funk ausfiel und er keinen Kontakt mehr zu seinem Team hatte. Nicht, als Kamui Kobayashi in seinem Sauber an ihm vorbeizog. Nicht, als Williams-Pilot Bruno Senna in den Red-Bull-Rennwagen krachte. Und auch nicht, als seine Crew quälend lang in der Box am Vorderrad seines Autos schraubte. Nach 309,505 Kilometern hatte Vettel es geschafft. Trotz Pleiten, Pech und Pannen.

7. Er muss sich keiner Ausreden bedienen. Nach dem Rennen in Sao Paulo entschuldigt sich die Ferrari-Teamführung bei Alonso für den erneut verpassten Titel. "Wir können den Fakt nicht ignorieren, dass wir nicht in der Lage waren, ihm ein schnelleres Auto zu geben. Das ist uns teuer zu stehen gekommen", bekannte Teamchef Stefano Domenicali. Alonso, dem in der Endabrechnung besagte drei Punkte auf Vettel fehlten, darf seine Hände also wieder in Unschuld waschen. Ferraris Chef Luca di Montezemolo will ein erneutes Scheitern im kommenden Jahr nicht dulden. "Wir müssen vom Start weg ein Auto haben, das im höchsten Maß konkurrenzfähig ist." Aber auch das Red-Bull-Team und Vettel werden im kommenden Jahr erneut angreifen. Jammern gilt nicht.

Quelle: n-tv.de

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