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Jens Lehmann, Experte.
Jens Lehmann, Experte.(Foto: picture alliance / dpa)

"Experten" und die DFB-Elf: Es ist eine Unverschämtheit

Ein Kommentar von Roland Peters

Die deutsche Nationalmannschaft hat bei dieser EM solide bis berauschend gespielt. Nebenbei hat sie einen Weltrekord aufgestellt und ein neues Bild des deutschen Fußballs in die Welt getragen. Experten wie Michael Ballack, Jens Lehmann oder Oliver Kahn treten nun nach. Das ist unverschämt. Lukas Podolski darf sich bestätigt fühlen.

Jeder, der bereits mehrmals live bei einem Bundesligaspiel war, kennt eine solche Szene: Die eigene Mannschaft liegt zurück, eine Stunde Spielzeit ist vorbei, Besserung scheint nicht in Sicht. Etwa in Köln-Müngersdorf, wo das in der abgelaufenen Saison häufiger der Fall war. Ein Fehlpass des Heimteams, plötzlich reißt es zwei Reihen weiter vorne jemanden brüllend vom Sitz: "Wechsel' den Tuppes doch endlich aus, der kann nix!" Die Sehnen am geröteten Hals sind sichtbar, die Stimme heiser. Wer nicht selbst auf dem Platz steht, hat gut reden.

Zehn Minuten später kommen tatsächlich zwei neue Spieler. Am Ende steht eine Niederlage. Der Rothals wird später tönen: "Ich hätte viel früher gewechselt, dann ..."

Michael Ballack (l.) war während der EM bei ESPN aktiv.
Michael Ballack (l.) war während der EM bei ESPN aktiv.(Foto: picture alliance / dpa)

Nun hat Bundestrainer Joachim Löw die Startaufstellung während der Fußball-EM zweimal verändert. Einmal ging es gut, einmal nicht. Bei der Nationalmannschaft ist es extremer als in der Liga, jeder will hier ein bisschen Trainer sein, weiß es besser, falls das Ergebnis nicht stimmt. Experten und Pseudo-Experten werden durch die Medienmühle gedreht, heraus kommen alte Geschichten und Halbwahrheiten. Bekannte Köpfe wie Michael Ballack, Jens Lehmann oder Oliver Kahn stellen sich vor die Interessierten und verkaufen ihre Meinungen. Die stoßen auch in der Mannschaft nicht immer auf Gegenliebe: Nach der Vorrunde hatte sich etwa Thomas Müller verärgert gezeigt und moniert, sogar für den Titel müsse sich das Team entschuldigen.

Kein Respekt vor Leistung

Die Experten, die jetzt populistisch daher quatschen, alles, aber wirklich alles müsse auf den Prüfstand (Lehmann), die Nationalspieler seien zu stromlinienförmig und zudem total verunsichert gewesen (Ballack), und überhaupt, die "deutschen Tugenden Disziplin, Zweikampfhärte und Einsatzbereitschaft" seien nicht vorhanden gewesen (Kahn) – sind keine. Ihre Meinungen zeigen eine Respektlosigkeit vor der Leistung der DFB-Elf bei dieser EM. Mehr noch. Im Grunde genommen sind sie schlicht unverschämt.

Doch was qualifiziert einen Experten? Dass er etwas nachweisen kann, was die anderen nicht erreicht haben.

Michael Ballack war über Jahre der Fixpunkt im Spiel der DFB-Elf. Er verlor das Finale bei der WM 2002. Er schied bei der EM 2004 in der Vorrunde aus. Er flog 2006 bei der WM in Dortmund aus dem Turnier, Jens Lehmann stand im Tor. Es war im Halbfinale, gegen Italien. 2008 hatten die beiden im EM-Finale gegen Spanien keine Chance. Oliver Kahn flog als Stammtorwart mit der deutschen Mannschaft bei der EM 2000 und 2004 in der Vorrunde raus. Bei der WM 2002 brachte er das Nationalteam ins Finale – und patzte. Kurzum: Einen Titel mit der Nationalmannschaft gewann niemand von ihnen.

Im Gegensatz dazu schlagen Ex-Nationalspieler und Titelgewinner wie Toni Schumacher (EM 1980), Karlheinz Förster (EM 1980) oder Wolfgang Overath (WM 1974) sehr versöhnliche Töne an und loben die deutsche Mannschaft. Wegen ihrer Spielweise, ihrer Perspektive. Sie haben vollkommen Recht. Klar, es ist ärgerlich, als Favorit auszuscheiden. Doch es gibt keine Garantie für Siege. Das sagte auch Jürgen Klinsmann nach dem deutschen EM-Aus lapidar, aber vollkommen richtig. 15 Pflichtspiele in Folge hatte Löws Mannschaft vor der Niederlage gegen Italien gewonnen, das ist Weltrekord.

Elegant und offensiv

Deutschlands Elf spielt teilweise eleganten, zwischen den Mannschaftsteilen ausgewogenen Fußball, der offensiv ausgerichtet ist und vertikale Pässe bevorzugt. Sie dominiert Partien spielerisch, nicht kämpferisch. Wohl kaum jemand möchte die "deutschen Panzer" zurück, fixiert auf Körperlichkeiten.

Wie sagte doch Lukas Podolski bei einer der DFB-Pressekonferenzen während der EM? "Wäre die Nationalmannschaft ein Klub, wäre sie ein Klub wie der FC". Damals haben die meisten Journalisten vor Ort gelacht. Jedoch: Lehmann, Kahn und Co. klingen zwar meist anders als der Krakeeler auf der Tribüne in Köln-Müngersdorf. Der Inhalt ihrer Äußerungen ist verblüffend ähnlich.

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Quelle: n-tv.de