Sport
Im Finale gegen Frankreich konnte Ronaldo ein paar Sympathiepunkte gewinnen.
Im Finale gegen Frankreich konnte Ronaldo ein paar Sympathiepunkte gewinnen.(Foto: picture alliance / dpa)
Montag, 11. Juli 2016

Weil er es kann: Jetzt lieben alle Ronaldo - oder?

Von Stefan Giannakoulis, Saint Denis

Die einen wollen ihn siegen sehen. Die anderen scheitern. Aber alle wollen den dreimaligen Weltfußballer Cristiano Ronaldo. Und jetzt ist er mit Portugal auch noch Europameister. Hauptsache, er polarisiert weiter.

Er hat alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Und nun ist er auch noch Europameister. Cristiano Ronaldo, der dreimalige Weltfußballer, hat mit Portugal Frankreich im Endspiel mit 1:0 in der Verlängerung besiegt. Hat er wirklich? Nun ja, es kam alles etwas anders, als er sich das vorgestellt haben mag. Nach der 25. Minute saß er verletzt auf dem Rasen und weinte. Das Spiel war für ihn vorbei.

Video

Und doch, das soll nicht zynisch klingen, hat ihm dieser Finalabend im Stade de France mutmaßlich mehr Sympathien eingebacht, als es eine sportliche Galavorstellung mit dem entscheidenden Tor vermocht hätte. Denn es ist so: Die einen wollen ihn siegen sehen. Die anderen wollen ihn scheitern sehen. Aber sehen wollen sie ihn alle. Ronaldo polarisiert. Und das macht ihn so interessant. An ihm scheiden sich die Geister: Ist er ein Egomane, der als zuverlässigster Torlieferant der Welt nur auf sich und seinen persönlichen Erfolg schaut? Oder ist er doch der Diener seiner Mannschaft, als den er sich gerne darstellt?

Diese Frage lässt sich nicht seriös beantworten, wer kann schon über die Motivation eines Menschen urteilen, darüber, was ihn antreibt? Aber wer gesehen hat, wie sich Portugals Kapitän und Rekordspieler bei dieser EM mit 32 Jahren für seine Seleção ins Zeug gelegt hat; wer gesehen hat, wie er kurz vor dem Nervenzusammenbruch seine Kollegen im Endspiel angefeuert hat, wie er mit ihnen gezittert hat und wie er sich mit ihnen gefreut hat, als alle gemeinsam das große Ziel erreicht hatten - der kommt schnell zu dem Schluss, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegen muss. Er ist beides. Er ist genialer Fußballer, Vollstrecker, Athlet und Mannschaftssportler. Und er ist bisweilen auch ein Großmaul und ein Gockel. Und warum? Weil er es kann. Und das besser als andere.

Die Fans aus Portugal lieben ihn

Gemeinsam mit Trainer Santos hat Ronaldo sein Team angefeuert.
Gemeinsam mit Trainer Santos hat Ronaldo sein Team angefeuert.(Foto: picture alliance / dpa)

Anders verhält sich das bei seinem zwei Jahre jüngeren Dauerrivalen im Kampf um die Krone des besten Kickers des Planeten, dem Argentinier Lionel Messi. Der erfreut sich allgemeiner Beliebtheit, auch wenn er jüngst zu 21 Monaten auf Bewährung verurteilt wurde, weil er Steuern hinterzogen hat. Manche sagen allerdings, er könne besser Fußball spielen als Ronaldo. Erfolgreicher ist er jedenfalls nicht. Und Ronaldo ist auch alles andere als unbeliebt, so sehr sie über ihn spotten, wenn er sich breitbeinig zum Freistoß aufstellt und dann wieder nicht trifft. Auf Twitter, Instagram und Facebook kommt er als erster Sportler der Welt zusammengenommen auf mehr als 200 Millionen Follower. Noch Fragen?

Bei diesem kontinentalen Kräftemessen, bei dem nach Berti Vogt'schen Credo meist die Mannschaft der Star war, ragte er neben dem Franzosen Antoine Griezmann als einer der wenigen Einzelkönner heraus. Die Fans aus Portugal lieben und feiern ihn, das war bei dieser EM in Frankreich weder zu übersehen, noch zu überhören, sie taten es ungefragt kund. Auch nach dem Finale sangen sie zuallererst seinen Namen und skandierten dann erst: "Portugal! Portugal!" Wenn einer von ihnen, wie nach dem 0:0 im Gruppenspiel gegen Österreich im Pariser Prinzenpark auf den Rasen stürmt, dann nimmt er sich die Zeit für ein gemeinsames Foto. Und nie vergaß er in diesen Wochen, die Anhänger zu loben.

Das sieht doch alles nach einer intakten Beziehung aus. Braucht so ein Mann Unterstützung? Eher nicht. Und doch mehrten sich während dieses Turniers in Frankreich Berichte, die mit einer nicht ganz haltbaren These arbeiteten. Auf Basis der Annahme, die halbe Welt lästere über Ronaldo, ging es darum, den angeblich so Verschmähten in ein günstigeres Licht zu stellen. Sein soziales Engagement wurde betont, über den Einsatz für kranke und benachteiligte Kinder berichtet. Das ist toll, wirklich. Aber die Intention war merkwürdig: Seht her, dieser Ronaldo ist doch ein netter Kerl. Ja, ist er vielleicht. Ganz ehrlich: Wir wissen es nicht. Vieles spricht dafür, manches halt dagegen. Aber er ist unbestritten ein großer Fußballer. Und jetzt ist er auch noch Europameister. Die einen wollen ihn siegen sehen. Die anderen wollen ihn leiden sehen. Aber alle wollen Cristiano Ronaldo.

Quelle: n-tv.de