Sport
Mittwoch, 30. Mai 2012

"Totalniy Futbol" in Polen und der Ukraine: Küssende Clowns und Politik

von Stefan Giannakoulis

Wer wissen will, wie Polen küssen, warum der politische Aufstieg des ukrainischen Präsidenten Janukowitsch eng mit dem Schicksal des Fußballvereins Schachtar Donezk verbunden ist und was die Menschen in des Gastgeberstädten der EM über den Fußball und das Leben denken, der sollte das Buch "Totalniy Futbol" lesen. Und dann unbedingt hinfahren.

Serhij Zhadan: Totalniy Futbol. Eine polnisch-ukrainische Fußballreise. Suhrkamp 2012, 242 Seiten, 18 Euro.
Serhij Zhadan: Totalniy Futbol. Eine polnisch-ukrainische Fußballreise. Suhrkamp 2012, 242 Seiten, 18 Euro.

Es mag ein wenig einfallslos sein, ein Buch in der Absicht zu lesen, es zu besprechen - und dann als Fazit das aufzuschreiben, was im Klappentext steht. Aber was der ukrainische Dichter, Romancier und Fußballfan Serhij Zhadan über das Buch sagt, das er im Suhrkamp Verlag herausgegeben hat, trifft es nun einmal: "Wenn Sie nicht nur der Fußball interessiert, sondern Fußball als Teil eines Landes, dann wird dieses Buch Sie nicht enttäuschen." Wer sich also nicht nur für die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine interessiert, die am 8. Juni in Warschau beginnt, sondern auch dafür, wie die Menschen in den beiden Ländern, die sich für Fußball interessieren, so ticken, der sollte "Totalniy Futbol. Eine polnisch-ukrainische Fußballreise" lesen. Und wird es mit großem Gewinn tun.

Vier polnische und vier ukrainische Schriftsteller widmen sich auf 242 Seiten in acht Essays ihren Heimatstädten, den acht Städten, in denen das Turnier stattfindet - Danzig, Warschau, Posen, Breslau, Lemberg, Kiew, Charkiw und Donezk. Sie tun das, und das macht das Buch so interessant und gut, extrem subjektiv, vielschichtig, selbstironisch und unterhaltsam. Eben weil es kein klassisches Fußballbuch, keine Enzyklopädie und kein Reiseführer ist. Die Autoren schildern, in unterschiedlicher Qualität, aber allesamt sympathisch entspannt, das "Schicksal von Vereinen und Stadien, Biographien von Trainern und Stürmern und - vielleicht das Wichtigste - die Gedanken und Emotionen der vielköpfigen Armee ukrainischer und polnischer Fans. Es ist ein Buch mit vielen Figuren. Ein Buch über Menschen, die Fußball lieben, die Fußball spielen, die von Fußball abhängig sind". Es geht um Gefühle und das Spiel als emotionale Heimat und fester Bestandteil der Stadtgeschichte.

"Lassen Sie sich davon nicht stören"

Aber es geht eben nicht nur um Fußball. So beschreibt Natasza Goerke in ihrem Text über Posen, was ihre Landsleute auszeichnet: "Die Polen sind nicht schlecht im Küssen, das kann ich selbst bezeugen. Und auch mit Talenten sind sie reich gesegnet. Außerdem kann niemand auf der Welt so herrlich im Schwermut versinken wie wir, die lustigen Polen – die Paradoxie des Clowns. Die Schwermut ist einer unserer Bodenschätze, von denen wir im Übermaß besitzen, und wenn die Schwermut Erdöl wäre, dann wären wir reich wie die Arabischen Emirate." Und Gäste empfangen, das können sie. "Die polnische Gastfreundschaft, die zuweilen pathologische Formen annehmen kann, äußert sich vorwiegend in dem Bedürfnis, die Gäste zu überfüttern. Kein Gast erhebt sich von einem polnischen Tisch, bevor er nicht alles aufgegessen hat, was ihm vorgesetzt wurde, und nachdem ihm mehrmals nachgelegt, nachgelegt, nachgelegt wurde."

Dichter, Romancier und Fußballfan: Serhij Zhadan.
Dichter, Romancier und Fußballfan: Serhij Zhadan.(Foto: © Getman/ Suhrkamp Verlag)

Serhij Zhadan ist es, der den zentralen Satz über seine Heimat aufgeschrieben hat: "Wer in der Ukraine vom Fußball spricht, muss auch über Politik sprechen." Wie der Herausgeber selbst in seinem Beitrag über die Industriestadt Donezk, den Verein Schachtar, den Oligarchen Rimat Achmetow, einen Multimillionär, der die Mannschaft gekauft hat, und den ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch. "Die Fußballerfolge vom Schachtar fielen mit dem Aufstieg der Donezker politischen Elite zur Macht zusammen, die in hohem Maße von besagtem Achmetow finanziert wird. Praktisch zu selben Zeit, als Schachtar den Fußballolymp erstürmte, sicherte sich die Partei der Regionen mit Viktor Janukowytsch an der Spitze (…) die politische Macht." Serhij Zhadan geht sogar so weit vorauszusagen, "dass ein Scheitern der EM (sportlich und finanziell) jener kleine Tropfen sein wird, der das Fass gesellschaftlicher Duldsamkeit zum Überlaufen bringt." Und dann, so schreibt er, "wird es niemandem mehr um Fußball gehen". Für die Besucher des Turniers aber gelte: "Lassen Sie sich davon nicht stören, das sind unsere inneren Angelegenheiten, genießen Sie das Spiel."

Perfekt ergänzt wird die Lektüre durch zahlreiche, wunderbare schwarz-weiße Bilder, die der ukrainische Fotograf Kirill Golovchenko im November und Dezember vergangenen Jahres bei seiner Reise durch die acht Austragungsstädte gemacht hat. Keine Hochglanzfotos der neuen, modernen Stadien, sondern Bilder von Menschen und vom Fußball. Anschauen, lesen, hinfahren. Oder wie Serhij Zhadan sagt. "Ich hoffe, dass Sie nach dieser EM Stereotype gegen Informationen und Vorurteile gegen Sympathie, ja Liebe eingetauscht haben."

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Quelle: n-tv.de