Sport
Slavek und Slavko heißen die beiden EM-Maskottchen.
Slavek und Slavko heißen die beiden EM-Maskottchen.(Foto: picture alliance / dpa)

Fußball-EM in Polen und der Ukraine: Nicht katastrophal, nur anders

von Christoph Wolf

Nicht alles ist so, wie es die Ausrichter versprochen haben. Und wird es bis zum Juni auch wohl nicht mehr werden, wenn in Polen und der Ukraine die Fußball-Europameisterschaft beginnt. Aber die Taktiktafel für Bundestrainer Joachim Löw steht bereit und die Stadien sind auch fertig. Eine Reise nach Warschau, Medyka, Lemberg und Kiew.

28422511.jpgDie gute Nachricht ist: Die Fußball-EM 2012 in Polen und der Ukraine wird stattfinden. Sie wird nur etwas anders sein als gewohnt, und damit so wie erwartet. Seit die Uefa ihr Premiumprodukt im April 2007 aus sportpolitischen Gründen nicht an Italien, sondern in den ehemaligen Ostblock vergeben hat, begleiten die für ungewöhnliche Gastgeberländer gewöhnlichen Horrormeldungen die Vorbereitungen. Zwischendurch musste die Uefa beide Ausrichter sogar freundlich daran erinnern, dass das Turnier 2012 stattfindet. Nicht irgendwann. Dreieinhalb Monate vor der EM schwappen immer noch keine Euphoriewellen durch das Uefa-Hauptquartier, aber die große Panik ist abgeebbt. Vieles ist weiter nicht so, wie es von den Ausrichtern versprochen wurde, und wird es auch nicht mehr werden. Aber kaum etwas ist so katastrophal wie befürchtet. Reiseeindrücke aus Warschau, Medyka, Lemberg und Kiew.

Die Stadien sind ... fertig

Ein Laminiergerät, ein Laptop, eine Kamera – mit diesem Equipment wollen die zwei jungen Frauen in ihrem Baucontainer in den verbleibenden 45 Minuten noch Dutzende Presse-Akkreditierungen für die Einweihung des Warschauer Nationalstadions ausgeben. Als die letzten Journalisten ins Stadion dürfen, ist die offizielle Pressekonferenz fast vorbei. Das achte und schönste EM-Stadion wurde ohne sie eröffnet. Bereit für Fußball wird die Arena auch drei Wochen später noch nicht sein. Schlechte Generalprobe für die EM? Kein Grund zur Panik. Während des Turniers liegt die Organisation in den Händen von Profis. Die Uefa übernimmt.

RTR2V0N9.jpgEin Drahtseil versperrt Besuchern im ukrainischen Lemberg noch den Weg zum neuen EM-Stadion, in dem die DFB-Elf zweimal spielen wird. Es ist über einen Feldweg gespannt. Die neue Zufahrtsstraße zum Stadion und den 4500 Parkplätzen ist noch nicht fertig, der Spielbetrieb ruht ja auch noch. Winterpause. Eingeweiht wurde das Stadion schon im Herbst 2011, vor zehntausenden Fans. Sie mussten eben 25 Minuten zu Fuß gehen, sagt Stadionführer Ihor Kuternoha. Immerhin: Die Taktiktafel für Bundestrainer Joachim Löw steht in der spartanisch eingerichteten Spielerkabine schon bereit. Samt Stiften.

Die Stadionvisite in Kiew entfällt kurzfristig, obwohl sie langfristig vereinbart war. Letztlich stellt sich doch noch heraus, dass der Sonntag nicht zwischen Montag und Freitag liegt und deshalb außerhalb der Stadionöffnungszeiten.

Der grüne Grenz-Fortschritt

Bei zweistelligen Minusgraden lässt sich die EU-Außengrenze zur Ukraine in 50 Minuten passieren. Im Sommer wird es länger dauern. Zwei Stunden ganz sicher, heißt es, vielleicht vier, womöglich acht. Stadtführerin Halina Stadnek hat am Übergang Medyka auch schon mehr als zwölf Stunden gewartet. Waldemar Skarbek, Kommandant des größten polnisch-ukrainischen Grenzpostens, hat andere Zahlen: eine Minute in Polen, zwei Minuten in der Ukraine und nur ein Stopp auf jeder Seite der Grenze. So soll in der Theorie die vereinfachte Abfertigung von Fußballfans ablaufen, die während der EM in Polen wohnen und im ukrainischen Lemberg die Spiele sehen wollen. Auf Skarbeks Powerpoint-Folien ist der Fortschritt eine grüne Linie.

11272663.jpgBei der EM erwartet er mehr Arbeit. Chaos erwartet er nicht. Erste Prognosen sagen, dass sich die Zahl der Grenztouristen allein in Medyka auf 25.000 pro Tag verdoppeln dürfte, mindestens. Was diese Zahlen wert sind, wird wie bei jedem Turnier erst nach dem Start feststehen. Entspannter als Waldemar Skarbek kann man über die Grenzpassage während der EM nicht Auskunft geben. Skarbek ist ein freundlicher mittelalter Herr, der sein Gesicht nur für Fotos mit der gewohnten Verkniffenheit eines Grenzschützers versieht. Was seinen Grundoptimismus nährt: Für die reibungslose polnisch-ukrainische Kommunikation gibt es eigens ein Wörterbuch mit den wichtigsten Grenzvokabeln, außerdem 100 zusätzliche Kontrolleure, 24-Stunden-Schichten und eine Urlaubssperre.

Ein mögliches Problem sieht Herr Skarbek dann aber doch, er hat vielmehr einen Wunsch: Die Fußballfans sollten an Spieltagen bitteschön nicht alle gleichzeitig über die Grenze wollen. Ansonsten könnten aus drei Minuten wieder Stunden werden.

Unsicherheitsfaktor: Sicherheit

Die "schlechten Fans" sind schon da. Mit der EM sollen endlich die guten zum Fußball kommen. Und bleiben, sagt Polens Sportministerin Joanna Mucha in Warschau. Das Turnier soll die Fanstruktur nachhaltig verändern. Polens oberster EM-Koordinator Adam Olkowicz formuliert dieselbe Hoffnung so: "Wir organisieren die EM für die echten Fußballfans."

26678494.jpgLigafußball in Polen, und auch in der Ukraine, ist bisher kein Wohlfühl-Event wie in Westeuropa. Die frustrierten und gewaltbereiten, teils rechtsextremen Fans dominieren das Bild und sind europaweit berüchtigt, viele Stadien marode. Eine Kombination, die normale Fans und Familien abschreckt. In der 2. Fußball-Bundesliga ist der Zuschauerschnitt doppelt so hoch wie in der polnischen Ekstraklasa. Allerdings: Bei Länderspielen ist das Publikum traditionell anders zusammengesetzt, friedlicher, erlebnisorientierter. Das im März 2009 mit Blick auf die EM erlassene "Gesetz über die Sicherheit von Massenveranstaltungen" zeigt erste Erfolge im Kampf gegen polnische Hooligans. Trotzdem: Die Angst vor Gewaltexzessen während der EM wiegt schwerer als alle infrastrukturellen Mängel.

Das Turnier der langen Wege

26492391-6646994773445199620 Kopie.jpgEs gibt zwar wirklich noch ein paar Probleme, sagt Michal Piotrowski von Polens EM-Infrastrukturgesellschaft PL.2012, die "Europas größte Baustelle" verwaltet. Aber, sagt Piotrowski: "Dieses Wort benutzen wir nicht. Wir sagen Herausforderung." Die größte für die Fans werden während des Turniers Polens Schnellstraßen, Autobahnen und Bahnstrecken sein, auch zu viele Hotels wird es erst nach der Euro geben.

map_poland_ukraine.jpgSeit der EM-Vergabe 2007 sind hunderte Kilometer Infrastruktur neu gebaut oder modernisiert worden, die prozentualen Zuwachsraten sind beeindruckend, dreistellig. Nur das Ausgangsniveau war dann doch zu niedrig für eine komplett chaosfreie EM, und die Zeit zu knapp. Und dann gab es auch noch Sachen wie das "chinesische Syndrom", sagt Piotrowski. Die Autobahn A2 nach Warschau wurde an einen konkurrenzlos günstigen Konzern aus China vergeben, der dann leider nicht konkurrenzfähig war. Ein 96 Kilometer langes Teilstück wird bis zur EM nicht mehr fertig, freigegeben werden soll es trotzdem. Bei der A4 von Krakau zur ukrainischen Grenze soll es ebenfalls ein kilometerlanges Loch geben. Auch die polnischen Bummelzüge werden während der EM noch auf einigen Strecken unterwegs sein, viele Verbesserungen schlicht erst nach der EM fertig. Ein Drama? Genauso wichtig wie die drei Turnierwochen sind für Piotrowski die Jahrzehnte danach.

Jenseits der polnischen Grenze gewinnen die Straßen mehr an Schlaglöchern als an Qualität. Autobahnen ins Landesinnere gibt es hier nicht. Das empfohlene Verkehrsmittel im Land der langen Wege bleiben aus Uefa-Sicht Flugzeuge. Warum, verdeutlichen die gut 80 Kilometer vom Grenzübergang Medyka nach Lemberg im Minibus, eine Rumpelei über eine einspurige Buckelpiste. Die ukrainischen Nachtzüge sind rustikal-charmant, günstig und pünktlich, aber eben auch langsam. Im März soll der erste neue Hochgeschwindigkeitszug in Betrieb genommen werden, bei der EM sollen dann 17 zwischen den vier Spielorten verkehren. Das hat Borys Kolesnikov jüngst auf der ukrainischen Turnierhomepage angekündigt. Der Vize-Premier und Minister für Infrastruktur schaut schon über die EM hinaus: "Ich bin überzeugt, dass wir komplett neue Straßen in der gesamten Ukraine versprechen können, falls wir den Zuschlag für die WM 2026 oder 2030 bekommen."

Erwünschte Versprechen

In Kiew soll Uwe Kumm im Fünf-Sterne-Ambiente des Hyatt Hotels die Frage beantworten, ob die EM-Vergabe an das Ein-Sterne-Land Ukraine richtig war. Kumm sagt: "Klares Ja!" Die Fakten, die der Roland-Berger-Manager zuvor präsentiert hat, lassen sich auch anders lesen. Der ganz große Impuls für die unterentwickelte Infrastruktur? Ausgeblieben. Wirtschaftswachstum? Stagniert. Korruption? Stagniert nicht. Maximale Imagewerbung, findet Kumm, hat die Ukraine mit den chaotischen EM-Vorbereitungen bisher nicht betrieben. Es sei ja sogar unmöglich gewesen, die auf über 40 Ministerien verteilte Turnier-Organisation zu durchschauen. Man habe es probiert, aber "nicht mal die richtigen Ansprechpartner gefunden".

Andererseits: Vieles ist besser geworden in den letzten Monaten. Vieles konnte nur besser werden und muss noch besser werden. Und viele der gebrochenen Versprechen wurden nur gemacht, weil die Uefa mit ihren überzogenen Anforderungen sie hören wollte. Die EM, findet Kumm, bleibt für den unbekannten Riesen Ukraine vor allem eines: eine Riesenchance.

Quelle: n-tv.de