Wenn die deutsche Nationalmannschaft am Donnerstag gegen den größtmöglichen Außenseiter Curacao in die Weltmeisterschaft startet (19 Uhr/ ARD, MagentaTV und im Liveticker auf ntv.de), landet mit dem Mini-Staat ein echter Exot endgültig auf der Landkarte des Welt-Fußballs. 135.000 Menschen leben auf der Insel im Karibik, nun stellt man ein Team bei der Weltmeisterschaft.
Es ist eine Sensation, die auch ganz viel mit Geopolitik und Kolonialgeschichte zu tun hat. Denn während die "Blaue Welle" am 19. November vergangenen Jahres durch ein 0:0 gegen Favorit Jamaika den Wahnsinn komplett macht, ist der 10. Oktober 2010 das Datum, an dem alles erst möglich gemacht wird.
Erst im Oktober 2010 beginnt die Geschichte Curacaos als autonomem Staat. Curacao war seit dem 17. Jahrhundert Teil der Niederländischen Antillen, einem Verband mehrerer karibischer Inseln. Schon zuvor waren Zehntausende Männer, Frauen und Kinder von der niederländischen Westindien-Kompanie über Curacaos Hauptstadt Willemstad überwiegend nach Südamerika verschifft worden.
Nach einer kurzen Phase unter englischer Herrschaft fiel die Insel 1816 wieder an die Niederlande. 2005 stimmten die Einwohner Curacaos in einem Referendum dafür, künftig als autonomes Land innerhalb des niederländischen Königreichs fortzuexistieren. Mit der Auflösung der Niederländischen Antillen wurde Curacao in die weitestgehende Autonomie entlassen.
Ein Ex-Bremer als einziger Local
Der Fußballverband Curacaos wurde wenige Tage nach dem neuen Nationalfeiertag offiziell gegründet - als Nachfolger des Verbandes der Niederländischen Antillen. Dessen Nationalmannschaft bestritt ihr letztes Länderspiel erst am 31. Oktober 2010 in der Qualifikation für die Karibikmeisterschaft, erst nach dem 5:6 i.E. gegen Suriname wurde das Team aufgelöst. Und damit acht Monate nach dem ersten inoffiziellen Länderspiel der Nationalmannschaft Curacaos gegen die Nachbarinsel Bonaire. Von der FIFA wird das Duell, das Curacao in Willemstad 4:0 gewann, wegen der noch nicht vollzogenen Autonomie nicht anerkannt.
Auf Curacao selbst ist nur ein Spieler der "Blauen Welle" geboren: Tahith Chong, einst kurz für den Bundesligisten Werder Bremen tätig. Der Rest des Kaders stammt überwiegend aus den Niederlanden und spielt dort erst- oder zweitklassig. Der historische Erfolg Curacaos, der auch, aber nicht nur durch die großzügige Aufstockung des WM-Teilnehmerfeldes auf 48 Teams ermöglicht wurde, ist maßgeblich das Ergebnis der Kolonialgeschichte. Denn talentierte Spieler mit Wurzeln auf der Karibikinsel lassen sich reichlich finden, wenn man nur nach ihnen sucht.
"Es gibt eine große Anzahl von Spielern, die hoffen, sich eines Tages für die niederländische Nationalmannschaft zu qualifizieren. Einige sind nun 23, 24, 25 Jahre alt. Sie denken nicht mehr so sehr an 'Oranje'. Die muss man ausprobieren", hatte Nationaltrainer Dick Advocaat nach seinem Amtsantritt 2024 gesagt und in der Folge ein Team zusammengestellt, dessen Wurzeln zwar karibisch sind, dessen Ausbildung und fußballerische Sozialisation aber maßgeblich in den Niederlanden stattfand.
Ganz anders als Wales
Und so sind schon im 16. Jahr ihres Bestehens erstmals dabei. Das Spiel gegen den vierfachen Weltmeister Deutschland am Sonntag in Houston wird dabei das erst zweite Spiel sein, das die junge Nationalmannschaft gegen ein europäisches Team absolviert. Gegen WM-Teilnehmer Schottland ging Advocaats Team Ende Mai nach der Halbzeit beim 1:4 (1:1) die Luft aus.
Ganz anders als bei Curacao ist der Grund gelagert, warum die Landesteile Wales, Nordirland, England und Schottland, die gemeinsam das Vereinigte Königreich bilden, im Fußball eigene Nationalmannschaften stellen: Es liegt an der großen Fußballtradition der Region.
In England wurde 1863 der erste Fußball-Verband der Welt gegründet, die übrigen Regionen zogen rund zehn Jahre später in kurzen Abständen nach. Die FIFA selbst wurde erst 1904 gegründet - und beließ den bereits bestehenden Verbänden ihren Status. Eine britische Nationalmannschaft gibt es im Fußball nicht.





