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Königsklassen-Vorfreude!
Königsklassen-Vorfreude!(Foto: imago/Michael Weber)
Montag, 14. August 2017

Bundesliga-Check: Hoffenheim: 118 Jahre Warten haben ein Ende

Von Christian Bartlau

Vorsprung durch Technik: Hoffenheim baut sein Image als innovativer Klub aus - aber kann eine Videoleinwand das abgewanderte Teamgehirn Sebastian Rudy ersetzen? Auf den Trainer des Jahres wartet seine "Nagelsprobe" in Europa.

Hand aufs Herz, woran denken Sie, wenn Sie den Hashtag #DASERSTEMAL lesen? An Dr. Sommer vielleicht? An Stefan Waggershausen und Viktor Lazlo? Oder tatsächlich an den Trainer des Jahres, Julian Nagelsmann und seine TSG Hoffenheim, die nach dem überraschenden Platz 4 in der Vorsaison das erste Mal in Europa antreten dürfen? Eine Sensation, die sie im Kraichgau offenbar noch immer nicht so recht fassen können - verständlich, mussten sie doch 118 Jahre lang auf einen solchen Erfolg warten. Jedenfalls hat die PR-Abteilung das Motto zur Sicherheit in Großbuchstaben ausgegeben: #DASERSTEMAL. Ja, es ist wirklich passiert. Weil sie der Graue-Maus-Falle entkommen sind und nach Jahren von Mittelmaß und Abstiegskampf eine neue Identität gefunden haben: als Robo-Hopp der Liga.

Was gibt's Neues?

Die Hymne der Champions League ertönt am Dienstag gegen Liverpool zum ersten Mal im Stadion in Sinsheim. Als kleiner Service für alle, die mit dem doch etwas schwer verständlichen Text noch nicht vertraut sind, hier die zentralen Zeilen:

"Die Mainzer / im Ballsaal / Der Tatort, sie kifft / The John-Björns!"

Wie oft die Hoffenheimer das ergreifende Lied noch hören dürfen, hängt von den Playoffs gegen Jürgen Klopps Reds ab. Die haben bei ihrem wilden Saisonauftakt in Watford (3:3) altbekannte Probleme in der Defensive gezeigt, aber auch auswärts mal eben drei Buden erzielt. Die Generalprobe der TSG im DFB-Pokal lief nicht gänzlich schief, das pomadige 1:0 in Erfurt schönreden wollte aber keiner. Trainer Julian Nagelsmann deutete an, dass sich einige aus der Startaufstellung herausgespielt haben, darunter vielleicht sogar Neuzugang Havard Nordtveit. Der europapokalerfahrene Norweger (für 7 Millionen Euro von West Ham gekommen) soll eigentlich den schmerzhaften Abgang von Niklas Süle kompensieren. Doch weder für den Innenverteidiger noch für Mittelfeldlenker Sebastian Rudy, der bei den Bayern noch richtig wichtig werden könnte, hat Hoffenheim Stand jetzt gleichwertigen Ersatz holen können. Für die Zentrale verpflichtete die TSG den Österreicher Florian Grillitsch (ablösefrei aus Bremen), der sich auf höchstem Niveau noch beweisen muss. Die Qualität im Kader hebt auf Anhieb eigentlich nur Serge Gnabry, Leihgabe vom FC Bayern und gemeinsam mit Jeremy Toljan und Nadiem Amiri im Sommer U-21-Europameister. Der Ex-Bremer überzeugte in den Testspielen und im Training, als Königstransfer will Nagelsmann ihn nicht verstanden wissen: "Er hat erst ein Jahr Bundesliga gespielt und noch keine 600 Tore geschossen. Wir haben auch noch andere Spieler." Allerdings eben keinen Champions-League-tauglichen Sechser, nach dem die TSG nach wie vor fahndet: "Aber wenn wir nur einen Entwicklungsspieler finden, brauchen wir den nicht, wir haben selber genug Entwicklungsspieler."

Auf wen kommt es an?

"Innovation - da sind wir Spitze", sagte Dietmar "Robo" Hopp.
"Innovation - da sind wir Spitze", sagte Dietmar "Robo" Hopp.(Foto: picture alliance / Uwe Anspach/d)

"Innovation - da sind wir Spitze", sagte Dietmar "Robo" Hopp gerade der "FAZ", und die lokale Presse berichtete im Sommer, Manager aus den amerikanischen Profiligen NFL, MLB und NHL hätten sich im hypermodernen Trainingszentrum umgeschaut. Von besonderem Interesse: "Helix" und der "Footbonaut", zwei computergestützte Trainingsapparaturen, mit denen die TSG ihren Nachwuchs zu reaktionsschnellen Edeltechnikern heranzüchtet. Außerdem, so Hopp weiter, habe seine Firma SAP eine Software entwickelt, "die den gesamten Geschäftsbetrieb umfasst und nicht nur den Sport als eine Komponente". Aus der strategischen Partnerschaft mit SAP will Hopp Geld machen, wie genau, dafür fehlt uns die Phantasie, aber deswegen sind wir ja nur Hoodie-Journalisten und Dietmar Hopp schwimmt im Geld. Jedenfalls hat die TSG mit dem neuerdings 30-jährigen Julian Nagelsmann den perfekten Trainer für das Konzept des innovativen Vereins. Der Coach hat jüngst eine Videoleinwand auf dem Trainingsplatz aufstellen lassen, so kann er während der Dehnübungen schon einmal Videos vom nächsten Gegner zeigen. Auch in der Kabine laufen ständig Spielszenen auf Bildschirmen, "beiläufiges Lernen" nennt sich das. "Die Jungs hängen eh die ganze Zeit vor Flimmerdingern, also lassen wir das einfach laufen. Da ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie es aufnehmen, als wenn sie sich vor den PC setzen und irgendwelche Ordner durchforsten", sagt Nagelsmann.

Was fehlt?

Ein neuer Geschäftsführer Sport. Dachte sich wohl Dietmar Hopp Ende der vergangenen Saison und verpflichtet Hansi Flick, seines Zeichens Co-Trainer der Weltmeister von 2014, danach Sportdirektor beim DFB - und von 2000 bis 2005 Trainer bei der TSG Hoffenheim, die er von der Verbandsliga Nordbaden in die Regionalliga Süd brachte, aber nicht in die 2. Bundesliga. Bei seiner zweiten Amtszeit in Hoffenheim soll Flick nun vor allem seine hervorragenden Kontakte spielen lassen - Gerüchten zufolge sollen die schon bei der Personalie Gnabry geholfen haben. Außerdem will er "Wenn-Dann-Strategien entwickeln, weil im Fußball immer gewisse Dinge passieren können". Konkret: Wenn der FC Bayern "nur Meister" (Uli Hoeneß) wird, Carlo Ancelotti gehen muss und der Rekordmeister ruft, könnte die TSG im Frühjahr plötzlich ohne Trainer dastehen. Vertragsverlängerung bis 2021 hin, innovativer Klub her. Dann sollte Flick einen Plan B in der Schublade haben. Bei seiner Vorstellung ließ der 52-Jährige übrigens durchblicken, dass ihm das Arbeitstempo beim DFB nicht lag. Manches sei "zäher als bei einem Verein und sehr politisch" gewesen. In Hoffenheim hat er den Macher Hopp und die innovativen Strukturen unter sich, die er dem Vernehmen nach so schätzt - was die Kollegen von der "FAZ" zu einer schönen Spitze Richtung DFB verleitete: "Anders als der DFB hat Flick seine Akademie jetzt schon."

Wie lautet das Saisonziel?

Jetzt kommt dieser Bubi auch noch mit der antiautoritären Tour! Das Saisonziel können sich die TSG-Profis selbst aussuchen. "Ich habe sehr großes Vertrauen in meine Spieler, auch wie sie miteinander umgehen, wie fokussiert sie sind, dass ich bereit war, diesen bedeutenden Teil an meine Mannschaft abzugeben", sagte Nagelsmann der "Bild". Was soll dabei bitte rauskommen? "Na ja, der Sommer mit der U21 war hart, vielleicht reicht ja in diesem Jahr Rang 12"?!

Aber halt! Erstens handelt es sich bei solchen Maßnahmen meist ohnehin nur um Taschenspielertricks aus dem Managementseminar der Initiative Neue Marktwirtschaft, Thema: "Von Flexibilität und Eigenverantwortung sprechen, die totale Unterordnung der Arbeitnehmerinteressen unter die Firmeninteressen erreichen". Und zweitens behält sich Nagelsmann ein Interventionsrecht vor. "Es kann sein, dass ich das Ziel ein bisschen anpasse, wenn es mir zu unambitioniert ist." Lupenreine Demokratie, würde der Aufsichtsratschef von Hannover 96 sagen. Andere bevorzugen den Begriff "gelenkte Demokratie", aber weil ja entscheidend ist, und da sind wir schon wieder bei den Altkanzlern, was hinten bei rauskommt: Das letzte Wort hat der Chef, basta.

Die Prognose von n-tv.de

Von den Unwägbarkeiten einer Saison unter Dreifachbelastung will der Direktor Profifußball Alexander Rosen nichts hören. "Wir wollen die Gefahr nicht über die Freude stellen", sagte er. Eine löbliche Einstellung. Die Belastungssteuerung, wie es auf Laptop-Trainer-Deutsch heißt, sollte nicht zum Problem werden, der Kader gibt genug Material her für mindestens eine Trainingsgruppe Zwei. Nur fehlen mit Süle und Rudy zwei Spieler, die auf höchstem Niveau den Unterschied ausmachen können. Nadiem Amiri, Pavel Kaderabek, Jeremy Toljan - sie und einige TSG-Profis mehr haben das Potential, sich zu Leistungsträgern internationaler Klasse zu entwickeln. Wenn das schnell genug geht, kann Hoffenheim in Europa eine Rolle spielen, ohne in der Liga in Schwierigkeiten zu geraten. Trotzdem kann es gut sein, dass Nagelsmann seine erste richtige Krise moderieren muss - eine, nun ja, "Nagelsprobe", die an der Säbener Straße sicher mit Interesse verfolgt wird. Wir tippen jedenfalls auf eine Saison mit Höhen und Tiefen, die zwischen Rang 6 und 8 endet.

Quelle: n-tv.de

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