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Zum Knutschen: Heynckes (l.) und Vogts.
Zum Knutschen: Heynckes (l.) und Vogts.
Samstag, 07. Oktober 2017

Redelings über die Saison 74/75: Als Jupp Heynckes die Bayern schlug

Von Ben Redelings

Der neue Bayern-Trainer Jupp Heynckes wird Torschützenkönig und knutscht mit Berti Vogts. Uli Hoeneß präsentiert sich von seiner schlechtesten Seite und in Bochum sitzt ein Schalker zu lange auf dem Klo. Was dann passierte, ist einfach sensationell!

Die Situation beim FC Bayern München in der Saison 1974/75 ist mit der heutigen vergleichbar: Es läuft von Anfang an einfach nicht richtig rund! Gleich am ersten Spieltag gibt es eine deutliche 0:6-Klatsche für die Bayern bei den Offenbacher Kickers. Dem drohenden Unheil einer katastrophalen Bundesligasaison begegnet der Bayern-Trainer Udo Lattek noch mit Humor: "Wir nehmen uns in diesem Jahr unsere Krise einfach früher!" Doch diese Krise hält beständig an.

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Franz Beckenbauer sagt nach einer weiteren Enttäuschung mit feinem Humor: "Heute hätte ich einen Zauberstab gebraucht, um jemanden anspielen zu können. Wir müssen künftig beantragen, dass wir mit zwölf Mann spielen dürfen, damit einer immer frei ist." Für viele hat die Krise beim FC Bayern München einen Namen: Uli Hoeneß. "Es geht nicht an, dass jeder tut, was er will. Das sind bedenkliche Zerfallserscheinungen", sagt Robert Schwan, nachdem Uli Hoeneß unentschuldigt beim Training des FC Bayern fehlt und deshalb auch am Samstag bei der Begegnung des 15. Spieltags in Bochum nicht dabei ist. Doch wo war Hoeneß stattdessen? Der Brief eines Bayern-Anhängers löst das Rätsel. Während man sich in München zum Training einfand, schrieb sich der geschäftstüchtige Bayern-Star die Finger in Frankfurt wund. Drei Autogrammstunden hintereinander, wie ein Zeitungsinserat schwarz auf weiß beweist. Beim VfL unterliegt der FC Bayern übrigens deutlich mit 3:0! Am Ende reicht es nur zu einem enttäuschenden zehnten Tabellenrang.

Rummenigge nervt Müller

Rummenigge siezt, bis Müller der Kragen platzt.
Rummenigge siezt, bis Müller der Kragen platzt.(Foto: imago/Sportfoto Rudel)

Doch es ist bei allem Negativen auch der noch holprige, leicht verzögerte Start in eine neue Ära. In München stellt sich nämlich ein junger Mann aus Lippstadt vor: Karl-Heinz Rummenigge. Nach kurzer Zeit hat er bereits seinen ersten Spitznamen weg. Trainer Udo Lattek nennt ihn "Rummelfliege", weil das Talent bei einer 0:1-Niederlage gegen den Hamburger SV Latteks Meinung nach mit offenem Mund auf dem Platz gestanden und nur zugeschaut habe, wie sein Gegenspieler das Tor schießt. Dabei sei es ein Wunder gewesen, dass ihm keine Fliegen in den Mund geflogen seien. Das schüchtert den jungen Mann aus der Provinz zusätzlich ein, denn Rummenigge siezt hartnäckig seine Mitspieler. Bis eines Tages Gerd Müller genug hat, auf den Tisch haut und die bayrische Nachwuchshoffnung anpflaumt: "Junge, hör endlich auf mit der Scheiße!"

Zum Abschied von Hennes Weisweiler, der nach Barcelona geht, schenkt die Mannschaft ihm den dritten Meistertitel seit 1970. Borussia Mönchengladbach erzielt vor allem dank des Sturmtrios Heynckes (27), Allan Simonsen (18) und Henning Jensen (13) insgesamt 86 Treffer und profitiert in der Schlussphase von der Schwäche der Meisterschaftskonkurrenten.

"Hier kommt niemand durch!"

Die Kuriosität der Saison spielt sich am vierten Spieltag bei der Partie VfL Bochum gegen den FC Schalke 04 (2:1) vor 29.800 Zuschauern auf der Baustelle Ruhrstadion ab. VfL-Torjäger Jupp Kaczor erinnert sich: "Wir hatten nach der Halbzeit Anstoß, ich krieg den Ball zugespielt, und auf einmal ein Aufschrei im Stadion, als wenn ich ein Tor gemacht hätte. Ich hab gedacht, die freuen sich, weil ich den Ball gut gestoppt hab. Ich spielte den Knicker weiter, und da sah ich aus den Augenwinkeln, wie der Nigbur aufs Feld gerannt kam und in sein Tor hetzte. Hinterher haben wir erfahren, dass sie ihn in der Toilette eingeschlossen hatten."

Aus der Sicht von Norbert Nigbur hört sich die Geschichte übrigens so an: "In der Pause ging ich auf die Toilette, wo ich mich relativ lange aufhielt. Als ich zurückkam, waren die Mannschaften schon auf dem Feld. Rolf Rüssmann stand völlig entsetzt im Tor, weil der Schiedsrichter schon angepfiffen hatte. Als ich alleine aufs Feld wollte, wurde ich von einem Polizisten angehalten: 'Hier kommt niemand durch!' Erst als ich ihm klarmachte, dass ich der Schalker Torhüter wäre, ließ er mich mit einem skeptischen Blick passieren. Die Leute haben furchtbar gelacht, und der Schiedsrichter machte sich hinterher die größten Vorwürfe." Der Mann in Schwarz ist an diesem Tage übrigens Volker Roth. Später einmal wird er das hohe Amt des DFB-Schiedsrichter-Obmanns bekleiden.

Alle Artikel unserer wöchentlichen Serie "55 Jahre Bundesliga" finden Sie hier. Unser Kolumnist Ben Redelings ist mit seinen Bühnen-Programmen republikweit unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Quelle: n-tv.de

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