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Felix Magath holt mit dem Hamburger SV die erste Deutsche Meisterschaft.
Felix Magath holt mit dem Hamburger SV die erste Deutsche Meisterschaft.(Foto: imago sportfotodienst)
Samstag, 04. November 2017

Redelings über die Saison 78/79: HSV-Meisterfeier wird fast zur Katastrophe

Von Ben Redelings

Sirenen und Schmerzensschreie im Volksparkstadion. Die Saison 1978/79 endet dramatisch, wie durch ein Wunder gibt es keine Toten. Dabei sind auch wieder viele lustige Momente zu bestaunen. Ein Spieler kommt sogar frisch vom Frühschoppen auf den Platz!

Im Westfalenstadion steht am ersten Spieltag der Fußball-Bundesliga bei der Partie Borussia Dortmund gegen den FC Bayern München (1:0) ein Siebzehnjähriger im Tor der Schwarz-Gelben und hält glänzend. Die "Bild"-Zeitung titelt am nächsten Morgen gewohnt reimfest: "Immel flog in den Himmel". Und der junge Eike ist nicht nur ehrgeizig, sondern zeigt schnell, dass er weiß, worauf es ankommt: "Bälle halten, das kann jeder, doch die Nerven behalten …"

Immel behält die Nerven.
Immel behält die Nerven.

Das gelingt ihm und der Borussia in dieser Saison nicht immer. Dortmund schafft es am Ende nur knapp, die Klasse zu halten. Besonders glücklich darüber ist der junge Präsident Reinhard Rauball. Da er im Frühjahr entgegen der Meinung vieler Mahner bereits Willi "Ente" Lippens zu den Dallas Tornedos hat ziehen lassen, bangt er nicht nur um den Klassenerhalt, sondern auch um seine Reputation als Vorsitzender. Rauball erinnert sich: "Das war eine sentimentale Handlung, die man sich in diesem knallharten Geschäft Bundesliga nicht erlauben dürfte. Wehe, wenn wir abgestiegen wären. Ich hätte den Rest meines Lebens um jede Ente einen weiten Bogen gemacht."

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Ebenfalls dumm gelaufen: Exklusiv erfährt der scheidende Trainer Carl-Heinz Rühl in Dortmund von seinem Nachfolger, noch bevor er selbst überhaupt rausgeworfen wurde. Und das alles nur wegen eines kleinen Fauxpas, wie Rühl erzählt: "Am ersten Abend, an dem ich mit der Mannschaft im Trainingslager Schöneck war, ruft Dortmunds Schatzmeister Vogt bei meiner Frau an und sagt: 'Guten Abend, Frau Lattek. Kann ich bitte Ihren Mann sprechen?' Der Vogt hatte die Telefonnummern von Lattek und mir – wir wohnten beide in Köln – verwechselt. Jetzt war mir natürlich klar, was lief. Ich wusste nun, dass die Borussen Lattek wollten …"

"Mighty Mouse" überragt beim HSV

Den Titel holt der Hamburger SV. Es ist seine erste Deutsche Meisterschaft in der Bundesliga. Trainer Branko Zebec und Manager Günter Netzer haben eine tolle, aber nicht immer einfach zu führende Mannschaft zusammengestellt. Felix Magath, Manfred Kaltz, Horst Hrubesch und Jimmy Hartwig ragen aus diesem Team heraus, aber alles in den Schatten stellt Kevin Keegan. In seiner zweiten Saison in Hamburg spielt sich der Engländer in die Herzen der Fußballfans. Ein Jahr brauchten die HSV-Profis, um zu erkennen, dass es besser ist, mit einer überragenden "Mighty Mouse" zu gewinnen, als intern gegen den beliebten Star Keegan zu stänkern und zu verlieren. Diese Einsicht wird mit dem Titel belohnt.

Kurioses passiert am 30. Dezember in Darmstadt: Der Südkoreaner Bum-kun Cha gibt für die Lilien sein Bundesliga-Debüt. 700 begeisterte Landsleute kommen aus allen Teilen der Republik, um den "populärsten Fußballspieler Asiens" live spielen zu sehen. Am Ende steht es 3:1 für Darmstadt 98 gegen den VfL Bochum. Cha präsentiert sich bärenstark – verschwindet allerdings direkt nach der Partie spurlos. Erst kurze Zeit später wird bekannt, dass er zu Hause noch seinen Militärdienst ableisten muss und deshalb umgehend in die Heimat zurückkehrte. Er hat es so eilig, dass in Darmstadt monatelang noch ein Umschlag mit 1.500 Mark für ihn liegt – es ist die Prämie, die Cha für den Sieg gegen Bochum erhalten sollte!

Trauriger Schlusspunkt in Hamburg

Die Bundesliga klagt über einen besonderen Rekord. Aufgrund eines bitterkalten, schneereichen und lange währenden Winters fallen 46 Partien aus. Die Vereine müssen außerplanmäßig vier Wochen pausieren. Kuriosum der Saison: Der VfL Bochum gewinnt 3:1 beim FC Schalke 04 – mit einer absoluten Notelf. Erst im letzten Moment kann man den eigentlich bereits ausgemusterten Dieter Versen ausfindig machen – er sitzt mit Freunden gemütlich in einer Kneipe. Sichtlich erleichtert erzählt Trainer Höher sehr spitzfindig nach dem Sieg: "Zum Frühschoppen hatte der Dieter, in Unkenntnis dessen, dass wir ihn noch mal benötigen könnten, zwei Bier getrunken. Mit der Folge, dass er sich in gewohnter Form befand!"

Der traurige Schlusspunkt dieser Saison wird am letzten Spieltag in Hamburg gesetzt. Als nach der Partie gegen die Bayern die HSV-Profis vor der Haupttribüne die Meisterschale in Empfang nehmen wollen, zerschneiden wild gewordene Fußball-Rowdies die Drahtzäune und stürmen auf den Rasen. In den Blöcken entsteht eine Massenpanik. Es gibt Hunderte von Verletzten und sechs Zuschauer mit lebensgefährlichen Verletzungen, die von Hubschraubern und Krankenwagen in die nahe gelegenen Hospitäler gebracht werden. Felix Magath erinnert sich: "Wir nahmen gerade die Meisterschale in die Hand, als plötzlich Sirenen und Schmerzensschreie durch die Luft hallten. Die Freude war uns reichlich vergällt." Wie durch ein Wunder überleben diesen schrecklichen Tag auch die schwerverletzten Anhänger des HSV.

Alle Artikel unserer wöchentlichen Serie "55 Jahre Bundesliga" finden Sie hier. Unser Kolumnist Ben Redelings ist mit seinen Bühnen-Programmen republikweit unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Quelle: n-tv.de

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