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Es geht los: Vor 50 Jahren ertönte der Anpfiff zum ersten Spieltag der Fußball-Bundesliga.
Es geht los: Vor 50 Jahren ertönte der Anpfiff zum ersten Spieltag der Fußball-Bundesliga.(Foto: imago sportfotodienst)

Abenteuerreise durch 50 Jahre Bundesliga: Als sie nachts den Strafraum vereisten

Von Stefan Giannakoulis

Vor 50 Jahren startete die Fußball-Bundesliga in ihre erste Saison. Anlass genug, alles noch einmal aufzuschreiben. Am besten gelingt das Ronald Reng, der in seinem Buch keine Lichtgestalt begleitet, sondern einfach einen, der viel erlebt hat.

Es war die Zeit, als die Männer noch Hüte trugen und die Fernsehbilder schwarz-weiß waren. Konrad Adenauer war immer noch Bundeskanzler, der amerikanische Präsident John F. Kennedy hielt vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin seine berühmte Rede, und eine englische Band namens The Rolling Stones veröffentlichte ihre erste Single. Viele Menschen in Deutschland bewegte aber noch etwas anderes. In Berlin, Bremen, Frankfurt, Karlsruhe, München, Münster, Saarbrücken und Gelsenkirchen ertönte am 24. August um 17 Uhr der Anpfiff zur Fußball-Bundesliga. 282.000 Zuschauer, die damals noch nicht Fans hießen, waren in den acht Stadien dabei, viele Männer, viele mit Hut. Vor auf den Tag genau 50 Jahren.

Als alles anfing

24. August 1963, 17 Uhr

Hertha - Nürnberg1:1 (0:1)
Bremen -Dortmund3:2 (1:1)
Frankfurt -Kaiserslautern1:1 (1:1)
Karlsruhe -Meiderich1:4 (0:3)
München -Braunschweig 1:1 (1:0)
Münster -Hamburg1:1 (0:0)
Saarbrücken -Köln0:2 (0:2)
Schalke -Stuttgart2:0 (2:0)

Ein Jubiläum also, hurra. Anlass genug, alles noch einmal zu erzählen, schließlich ist die Geschichte der höchsten deutschen Fußballklasse eine Erfolgsgeschichte, nicht so stringent, wie es bisweilen scheinen mag, aber das Ergebnis passt. Und so sind zahlreiche Bücher erschienen, die an die schönsten Tore, die spektakulärsten Spiele und die witzigsten Anekdoten erinnern. Wir haben uns einfach das Buch herausgegriffen, das uns am besten gefallen hat. Roland Reng, Journalist und Schriftsteller hat es geschrieben: "Spieltage. Die andere Geschichte der Bundesliga". Ein Geschenk für alle, die wissen wollen, wie sich die Bundesliga von innen heraus anfühlt. Und wie aus dem Kick nach Feierabend, einer anfangs biederen Veranstaltung, ein Millionenspiel wurde, das längst Teil der Unterhaltungsindustrie ist.

Dass kaum jemand schöner über Fußball schreiben kann als er, hat Ronald Reng bereits bewiesen. Nicht zuletzt mit seinen Büchern "Der Traumhüter" über den unbekannten deutschen Torhüter Lars Leese, der sich plötzlich in der wundersamen Welt der englischen Premier League wiederfindet. Und mit seiner berührenden Biographie "Ein allzu kurzes Leben" über den bekannten Torhüter Robert Enke, seinen Freund, der sich das Leben nahm, weil er es nicht mehr ausgehalten hatte. Nun "Spieltage". Das Buch verdankt seine Entstehung einem Zufall. Ganz nach dem mittlerweile arg strapazierten Aphorismus des englischen Autors Nick Hornby, der in seinem Buch "Fever pitch" über Fußballfans schrieb: "Du suchst Dir nicht Deinen Verein aus, sondern Dein Verein sucht Dich aus." Will meinen: Es ist sinnlos zu fragen, warum es so kam, wie es gekommen ist.

Das Ruhrstadion ist fertig: Heinz Höher als Trainer des VfL Bochum im Jahr 1977.
Das Ruhrstadion ist fertig: Heinz Höher als Trainer des VfL Bochum im Jahr 1977.

Auch Ronald Reng hat die Geschichte gesucht, sie kam zu ihm. Heinz Höher rief an. Er hatte "Ein allzu kurzes Leben" gelesen und wollte, dass der Autor nun auch sein Leben aufschreibt. Ein Glücksfall. Heinz Höher, heute 74 Jahre alt, Spieler der ersten Stunde beim Meidericher SV, später Trainer beim VfL Bochum, Fortuna Düsseldorf und dem 1. FC Nürnberg, ist die ideale Figur, der perfekte Zeitzeuge, um die Alltagsgeschichte der Bundesliga neu zu erzählen. Ronald Reng gelingt das in seiner präzise recherchierten, romanhaften Biographie über 471 Seiten so gut, dass es ein Vergnügen ist. Es ist kein Buch über Heinz Höher, es ist ein Buch mit Heinz Höher. Der, was kein Manko ist, vielen Lesern unbekannt sein dürfte. Er ist keine Lichtgestalt, kein Franz Beckenbauer, kein Star, aber einer, der viel erlebt hat und viel über das Erlebte nachgedacht hat.

"Heinz Höher hat sein Leben stets als Spiel begriffen"

Die Lebensgeschichte dieses kauzigen Mannes, der sich in seinen Schilderungen über seinen Alkoholismus und seine Unfähigkeit, auf andere Menschen zuzugehen, nicht schont, macht das Phänomen Bundesliga erlebbar - abseits von Toren, Rekorden und dem Glanz der scheinbar großen Fußballwelt. Aber mit wunderschönen Details und vielen abenteuerlichen Geschichten. Zum Beispiel aus dem Jahr 1976. Heinz Höher trainiert den VfL Bochum. Am Abend des 17. Februar soll es im Stadion an der Castroper Straße gegen den FC Schalke 04 gehen. Doch in der Nacht zuvor sorgt der Trainer mit einigen Helfern und unzähligen Eimern Wasser dafür, dass die Partie ausfällt. "Sie fangen am rechten Strafraum an. Heinz Höher hat keinen detaillierten Plan. Er hatte einfach gedacht, sie würden das Spielfeld vereisen. Aber nun merkt er, welche Arbeit das ist." Aber es funktioniert. "Mitternacht ist vorbei, als sie beide Strafräume vereist haben."

Aber was sollte das Ganze? Es ging ums Geld, um mehrere hunderttausend Mark. Drei Wochen später sollte das Stadion in Bochum umgebaut und für vier Monate geschlossen werden. "Wenn das Spiel gegen Schalke nun ausfiel, konnten sie es im Frühling in Dortmund austragen. Dort fasste das Westfalenstadion 54.000 Zuschauer, während an einem sibirischen Februarabend in Bochum allenfalls 20.000 kämen. Am Ende kommt alles so wie geplant. Und der VfL nimmt Anfang April 450.000 Mark ein - " so viel wie bei vier gewöhnlichen Heimspielen in Bochum zusammen."

Wer das Buch liest, wird erkennen, dass die vergangenen 50 Jahre der Bundesliga kein geradliniger Aufstieg waren, dass nicht "alles immer schneller, höher, weiter ging. Doch die Reise mit Heinz Höher durch 50 Jahre Bundesliga hat gezeigt, dass es diese Kontinuität, diesen zwangsläufigen Aufstieg der Bundesliga nicht gab". Wer das Buch liest, wird den Fußball vielleicht besser verstehen, als er bisher geglaubt hat. "Heinz Höher hat sein Leben stets als Spiel begriffen, und die Bundesliga hat ihm das Gefühl verschafft, dass die Welt tatsächlich ein Spielfeld ist."

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Quelle: n-tv.de

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