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Karim Benzema war mit seinem brillanten Solo Wegbereiter für Iscos Todesstoß gegen Atlético Madrid.
Karim Benzema war mit seinem brillanten Solo Wegbereiter für Iscos Todesstoß gegen Atlético Madrid.(Foto: imago/Marca)
Donnerstag, 11. Mai 2017

"Barbarischer Benzema": Atlético schlampt, Real macht's genial

Von Tobias Nordmann

Eine Chance? Nein. Oder doch? Trotz aussichtslosem Rückstand bietet Atlético dem verhassten Rivalen Real in der Champions League einen epischen Kampf. Entschieden wird er durch eine kleine Schlamperei – oder eben Genialität.

Diego Simeone war's augenscheinlich fürchterlich egal. Es schüttete heftigst. Und dennoch flüchtete der Coach von Atlético Madrid nach dem Schlusspfiff nicht in die Katakomben des Estadio Vicente Caldéron, sondern feierte seine Mannschaft und deren Fans noch auf dem durchtränkten Rasen. Dabei hätte es eigentlich einen guten Grund für einen schnellen Abgang gegeben. Das Ausscheiden seiner Mannschaft aus der Fußball-Champions-League nämlich. Trotz eines spektakulären 2:1-Erfolgs über Real Madrid. Trotz einer großen, internationalen Abschiedsgala für die völlig euphorisierte Bruchbude Caldéron. Weil die Hypothek aus dem Hinspiel, das von Cristiano Ronaldo im Alleingang herausgeschossene 3:0 für die Königlichen, an diesem Mittwochabend einfach zu groß war. Allerdings irgendwie doch viel kleiner, als vorab vermutet.

Teams & Tore

Atlético Madrid: Oblak - Gimenez (56. Thomas), Savic, Godin, Filipe Luis - Ferreira-Carrasco, Saul Niguez, Gabi, Koke (76. Correa) - Fernando Torres (56. Gameiro), Griezmann; Trainer: Simeone.
Real Madrid: Navas - Danilo, Varane, Sergio Ramos, Marcelo - Modric, Casemiro (77. Vazquez), Kroos - Isco (88. Morata), Benzema (76. Asensio), Ronaldo; Trainer: Simeone
Tore: 1:0 Saul Niguez (12.), 2:0 Griezmann (16./FE), 2:1 Isco /42.)
Zuschauer: 53.422 (Estadio Vicente Caldéron)
Schiedsrichter: Cakir (Türkei)

Simeone aber war's egal. Er war stolz. Und glücklich. Er jubelte. Er verteilte Küsschen ans Publikum. Er dankte ihnen. Ein letztes Mal? Um den Argentinier halten sich hartnäckige Spekulationen um einen vorzeitigen Abschied im Sommer. In diesem Moment, kein Thema. Denn seine Mannschaft hatte gerade einmal mehr alles rausgehauen, was der Kader hergibt. Leidenschaft, Einsatzfreude und –härte und, ja, auch fußballerische Kraft. Mehr ging nicht. Oder doch? Vielleicht schon, hätte sich das Abwehrkollektiv der Rojiblancos in der 42. Minute nicht komplett dämlich angestellt und Reals Stürmer Karim Benezma einfach mal machen lassen. Der wiederum machte das ziemlich brillant, narrte drei Gegenspieler auf der Torauslinie und ermöglichte so den 1:2-Anschlusstreffer durch Isco.

Eine "kleine Schlamperei" nannte Simeone den Aussetzer seines sonst so beinharten und souveränen Abwehrpersonals. Eine Schlamperei mit großer Wirkung indes. Denn sie war der Todesstoß für die bis dahin famosen Rojiblancos, die durch Saul Niguez (12.) und Antoine Griezmann (16./FE) früh in Führung gegangen waren und so die gefürchtete Kraft des in ein paar Wochen von Abrissbirnen malträtierten Estadio Vicente Caldéron zumindest für eine halbe Stunde freisetzten. "Die ersten 35 Minuten werden unseren Leuten für immer in Erinnerung bleiben", sagte Simeone später. "Diese magischen Momente im Caldéron werden für immer Bestand haben. Wir waren uns sicher, dass wir es schaffen können."

"Wir haben uns nie Sorgen gemacht"

Genauso sicher waren sich auch die Königlichen, dass sie nach ihrer Hinspiel-Gala nicht mehr vom Weg nach Cardiff, vom Weg ins Endspiel am 3. Juni gegen Juventus Turin, abkommen würden. Auch wenn Trainer Zinedine Zidane nach dem Caldéron-Kampf gestehen musste: "Wir hatten es am Anfang sehr schwer, haben schnell zwei Gegentore kassiert." Aber es war eben auch so: "Wir haben uns nie Sorgen gemacht. Wir wussten, dass wir Chancen haben werden. Und wir hatten Möglichkeiten, noch mehr Tore zu erzielen."

Für Zidane, der trotz seiner Erfolge bei Madrid – unter anderem zweites Champions-League-Endspiel in Folge – nicht immer unumstritten ist, an dessen taktischer Reife es regelmäßig Zweifel gibt, war das Weiterkommen ein besonders wichtiges Erfolgserlebnis. Das er sich durch eine clevere Umstellung im Team erarbeitete. So reagierte er bereits im Hinspiel auf die Verletzung von Außenstürmer Gareth Bale mit der Hereinnahme von Isco. Doch anders als der Waliser, der auf Rechtsaußen zunehmend frustet, bekam der spanische Nationalspieler in beiden Partien gegen Atlético alle Freiheiten hinter Ronaldo und Benzema. War so für die Rojiblancos nie zu packen. Und wurde zum Spielentscheider.

"Isco war fantastisch"

"Isco", freute sich Zidane dann sicher ein wenig auch für sich persönlich, "war fantastisch. Er hat sich gut zwischen den Linien bewegt, dort, wo es Atlético wehtat. Er hat viel Schaden angerichtet und hatte mit seiner Technik einen wichtigen Einfluss auf das Spiel, vor allem in der zweiten Halbzeit." Gut 100 Ballkontakte hatte der 25-Jährige im Caldéron, viele gute Ideen, extreme Ballsicherheit und bewies dazu auch noch harte Zweikampfqualitäten – 71 Prozent seiner 21 Duelle entschied er für sich.

In den Medien wurde der Matchwinner indes deutlich weniger euphorisch gefeiert als sein Tor-Vorbereiter Benzema und Coach Zidane. "Iscos Tor nach einer Riesen-Einzelaktion von Benzema sorgt für Reals Finalteilnahme. Sie waren mal wieder grausam mit Atlético - ein tiefer Messerstich", schrieb die "Marca". Die "AS" nannte das Solo des Franzosen gar eine "barbarische Einzelaktion". Das Trainerlob kam derweil von der "Repubblica" aus Italien: "Juve steht vor einem Duell gegen einen außerordentlichen Gegner mit Zidane. Der Franzose ist zwar kein Stratege nach Guardiola-Modell, in 15 Monaten hat er seine Spieler jedoch überzeugen können, dass sie die Besten überhaupt sind." Dazu gehört manchmal eben auch ein wenig Glück. Eine kleine Schlamperei. Oder eben königliche Genialität.

Quelle: n-tv.de

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