Sport
Alkohol im Trainingslager? Nein, Besprechung in Leverkusen: Josep Guardiola und Arturo Vidal.
Alkohol im Trainingslager? Nein, Besprechung in Leverkusen: Josep Guardiola und Arturo Vidal.(Foto: AP)

6 Dinge, gelernt am 20. Spieltag: Auf Guardiola wartet Arbeit, BVB in Zeitlupe

Von Christian Bartlau

Die Unruhe unter der Woche hat davon abgelenkt, aber die Bayern haben auf dem Feld einige Baustellen. Das wird am 20. Spieltag der Fußball-Bundesliga deutlich. Der BVB kämpft mit dem Rasen, Huub Stevens knurrt, José Mourinho langweilt sich.

1. Auf dem Platz wird’s auch nicht leicht für den FC Bayern

Samstag, 18.30 Uhr, Leverkusen. Der Ball rollt. Josep Guardiola kann durchschnaufen. Für 90 Minuten dreht sich alles nur um Fußball, nicht um Maulwürfe, Alkohol im Trainingslager oder herumliegende Gehaltszettel. Aber auch nur für 90 Minuten. Davor und danach geht es nur um eins: Wie schlecht genau ist die Stimmung denn nun beim Rekordmeister? Und warum? Ex-Bayern-Spieler Dietmar Hamann mutmaßt bei "Sky", im Verein rumore es aus verschmähter Liebe. Eine Version, die auch Guardiola selbst ins Spiel gebracht hatte: "Noch nie hat ein Trainer Bayern München verlassen, normalerweise verlässt Bayern München den Trainer." Wir können es uns lebhaft vorstellen: Die Mitarbeiter an der Säbener Straße werden alle zwei Minuten von einem Heulkrampf geschüttelt, kraftlos schluchzen sie in ihre FC-Bayern-Seidentaschentücher: "Das kann er doch nicht machen! Niemand verlässt unseren Verein! Dem werd‘ ich‘s zeigen!" Und schon weiß der "Kicker"-Schreiber mehr als üblich.

"Ich sehe keine Anzeichen dafür, dass es in der Mannschaft schlecht aussieht": Thomas Müller.
"Ich sehe keine Anzeichen dafür, dass es in der Mannschaft schlecht aussieht": Thomas Müller.(Foto: dpa)

Wie auch immer die Gerüchte in die Welt gekommen sind: Nach dem 0:0 in Leverkusen gaben sich die Bayern alle Mühe, sie zu zerstreuen. "Ich sehe keine Anzeichen dafür, dass es in der Mannschaft schlecht aussieht", sagte Weltmeister Thomas Müller. "Wir kämpfen auf dem Platz füreinander", und da liegt ja bekanntlich auch die Wahrheit. Die aber lautet: Selbst, wenn es neben dem Spielfeld ruhiger werden sollte; auf dem Platz wartet genug Arbeit. In der ersten Halbzeit brachten die Bayern nur einen einzigen Torschuss zustande, erst mit der Einwechslung von Thiago Alcantara und Thomas Müller bot der Rekordmeister Angriffsfußball. In der Abwehr wirkt Joshua Kimmich nervös und ganz und gar nicht wie die Lösung der Verletzungsprobleme, Xabi Alonso bremst zu oft das Spiel und leistet sich zu häufig gefährliche Ballverluste. Die Form der Bayern reicht, um in Leverkusen einen Punkt mitzunehmen und in der Liga vorweg zu marschieren. Aber spätestens in zwei Wochen in der Champions League bei Juventus Turin muss sich der Rekordmeister anders präsentieren. Sonst hat Guardiola bald viel mehr Zeit als ihm lieb sein kann, um über andere Dinge als Fußball zu reden.

2. Auch der BVB geht mal leer aus

Apropos Maulwürfe: Von denen scheint es in Berlin einige zu geben. Nicht in der Mannschaft, sondern im Olympiastadion. Der Rasen war ungefähr so englisch wie William Wallace, was Thomas Tuchel arg nervte: "Das macht einfach keinen Spaß", sagte der 42-Jährige nach dem 0:0 im Topspiel. Ganz Laptoptrainer, hatte er blitzschnell analysiert, was der schlechte Rasen für das Spiel seines BVB bedeutet: "Das kostet dich bei jeder Angriffsaktion eine Zehntelsekunde oder gar halbe Sekunde."

Eine Frechheit, das verwandelt die besten Hochgeschwindigkeitsfußballer in Uwe-Seeler-Traditionsmannschaftskicker. Wir haben mal genau nachgerechnet und kommen nach Adam "Tim" Riese am Ende auf 9,58 Sekunden, die Dortmund geklaut wurden. In dieser Zeit kann ein schneller Sprinter vom Schlage eines Pierre-Emerick Aubameyang im Olympiastadion locker von Grundlinie zu Grundlinie rennen, wie ein gewisser Usain Bolt 2009 bewies. Aber was hätte es genutzt an diesem Tag, an dem den hochgelobten Offensivkräften der Schwarzgelben so gar nichts einfiel gegen die, Pardon, Berliner Maurer? Keinen einzigen Torschuss gab Aubameyang am Ende ab, und so endete in Berlin eine beeindruckende Serie: Der BVB blieb zum ersten Mal in dieser Saison ohne Treffer.

3. Julian Draxler spielt Champions League - auf PS4

Kleiner Scherz unserseits, den der Weltmeister bestimmt verschmerzen kann. Schließlich war er auch abgebrüht genug, die Schmähungen der Schalker Fans bei seiner Rückkehr nach Gelsenkirchen an sich abprallen zu lassen: "Es war alles im Rahmen", sagte der 22-Jährige nach dem Spießrutenlauf in der Veltins-Arena.

In Gent am 17. Februar spielt er dann mit Wolfsburg im Achtelfinale auch in der richtigen Champions League: Julian Draxler.
In Gent am 17. Februar spielt er dann mit Wolfsburg im Achtelfinale auch in der richtigen Champions League: Julian Draxler.(Foto: REUTERS)

Vielleicht half es ja sogar, dass die Leistung seiner Mannschaft schon genug Grund zum Ärgern bot. "Wir tun uns im Moment in allen Belangen schwer", fasste Draxler treffend zusammen. Den soliden Schalkern ermöglichte das Wolfsburger Unvermögen einen lockeren 3:0-Sieg, und plötzlich finden sich die Königsblauen auf Rang vier wieder - schneller als André Breitenreiter kann man eine Trainerdiskussion wohl kaum beenden. Beim Kollegen Dieter Hecking wächst derzeit der Abstand von Augenbraue zu Mundwinkel von Spiel zu Spiel - genauso wie die Distanz zu den Europapokalplätzen. Sieben Spiele ohne Sieg, diese Zwischenbilanz wäre selbst für einen Trainer ohne zwei Weltmeister im Team alarmierend. Offiziell genießt der 51-Jährige die Rückendeckung von Manager Klaus Allofs. Und Hecking selbst sagt, er wisse, welche Hebel er in Bewegung setzen muss, was für seine Spieler auf Muskelkater hinausläuft. Am Sonntag setzte es statt lockerem Auslaufen ein paar verschärfte Sprints.

4. Die alten Hasen lahmen

Thomas Schaaf hat 262 Bundesliga-Spiele als Spieler und 683 als Trainer bestritten, und man sollte meinen, dass diesen Mann nichts mehr überraschen kann. Das 0:1 seiner Hannoveraner gegen Mainz brachte den erfahrenen Coach aber mächtig ins Grübeln: Mit viel habe er gerechnet, doch nicht mit dieser "brutalen Verunsicherung", sagte Schaaf nach dem spielerischen Offenbarungseid, an dem das beste noch das Ergebnis war, weil die Gäste mit ihren Chancen arg fahrlässig umgingen. Seine Rettungsmission beginnt mit drei Niederlagen in Folge, nächste Woche geht es nach Dortmund – Hoffnung macht eigentlich nur ein Blick in die Historie: 2010 übernahm Mirko Slomka den Verein auf Rang 16, verlor die ersten sechs Spiele, um ihn dann in einem dramatischen Saisonfinale vor dem Abstieg zu retten.

Als Retter gekommen ist auch Huub Stevens nach Hoffenheim, doch nach dem 0:2 am Sonntag gegen Darmstadt schwinden im Kraichgau die Hoffnungen auf den Klassenerhalt. In zehn Spielen unter dem Niederländer hat die TSG nur einen Sieg gefeiert und mickrige sechs Tore erzielt. Immerhin hat Stevens der Elan noch nicht verlassen: "Muss ich draufhauen? Oder was wollt ihr?", raunzte er nach der Niederlage Journalisten an. Die Kollegen von "Sky" hatten trotzdem noch die Chuzpe, Stevens nach seiner Zukunft zu fragen. Die Antwort: "Ich weiß es nicht, was meinen Sie damit? Ich denke, dass ich morgen wieder ein Frühstück nehme und dann hoffe ich, wieder einen guten Tag zu haben." Nächste Woche steht das Duell mit Werder Bremen bevor. Die Hanseaten, die in Gladbach mit 1:5 unter die Räder kamen, besetzen den Relegationsplatz und haben fünf Punkte Vorsprung auf die TSG - alles ist angerichtet für das erste Abstiegs-Endspiel der Saison.

Quiz Quiz-Elf zum 20. Spieltag
Bayern-Angstgegner: Quiz-Elf zum 20. Spieltag

Der FC Bayern dominiert die Fußball-Bundesliga und hat dennoch einen Angstgegner - und am 20. Spieltag auch akute Torschusspanik. Der 1. FC Köln und Karneval, das passt einfach nicht - obwohl sich die Profis zu verkleiden wissen. Claudio Pizarro feiert ein einmaliges Jubiläum.

 

5. Kramny ist gekommen, um zu bleiben

Sieben Spiele hat Jürgen Kramny als VfB-Trainer nun absolviert, und schon jetzt hat er mehr Siege eingefahren als sein Vorgänger Alex Zorniger. Das 4:2 in Frankfurt bedeutete den vierten Sieg in Serie für die Schwaben, die in dieser Form mit dem Abstiegskampf nichts mehr zu tun haben dürften. Interessant, wie der VfB das Spiel für sich entschied: Mit offensivem Fußball, der aber anders als im Vergleich zum Anfang der Saison nicht in Harakiri ausartet. Zwar rutschten die Stuttgarter immer mal wieder zurück in den "Wild-West-Fußball", wie Kapitän Christian Gentner anmerkte. "Aber wir können uns mittlerweile besser kontrollieren." Das ist der Verdienst von Jürgen Kramny, der dem Team Stabilität und sogar wieder richtig Selbstvertrauen verliehen hat. Dienstag kommt der BVB, die Kampfansage liefert natürlich der verlorene Dortmunder Sohn Kevin Großkreutz, der sich sofort einen Stammplatz beim VfB erkämpft hat: "Wir glauben an unsere Chance."

6. Der Bundesliga fehlt es immer noch an Klasse

Hans-Joachim Watzke grinste, als hätte die Gesundheitsbehörde gerade dank eines heißen Tipps einer gewissen "Susi Porc" die Fleischfabriken von Clemens Tönnies und Uli Hoeneß geschlossen. Die gute Laune des BVB-Bosses hatte wenig mit dem Spiel seiner Borussia in Berlin zu tun, sondern mit dem Gast an seiner Seite: José Mourinho, "The Special One", schaute sich mit Watzke im ausverkauften Olympiastadion das Bundesliga-Gipfeltreffen zwischen dem Zweiten und dem Dritten an.

Begeistert sah er nicht aus, kein Wunder: Der bekennende Fußball-Arbeiter Pal Dardai bezeichnete das Spiel als "genießbares Nullnull", der Hertha-Trainer hat jedes Recht dazu. Seine Defensivtaktik könnte Mourinho sogar ein anerkennendes Nicken abgerungen haben, der Ex-Chelsea-Boss hat schon so manches Match in Beton gepackt. Aber wenn der Bundesliga-Dritte zu Hause gegen den Zweiten nur mauert, was sagt das über den Zustand der Liga aus? Anders gefragt: Wie kann es sein, dass die Hertha – ein ohne Frage grundsolides, kompaktes, effektives Team – überhaupt auf Rang drei steht?

Als Josep Guardiola seinen Wechsel nach England bekannt gab, schrieb die "Zeit" vom bevorstehenden "härtesten Job" seines Lebens. Manchester City sei ein schlecht gecoachtes Team, dem der Spanier erst seine Ideen beibringen müsse. Überhaupt hinke die englische Premier League den Trends hinterher. England-Experte Raphael Honigstein nannte die Liga jüngst "taktisch unterbelichtet". Selbst wenn das stimmt, muss man die Frage stellen, wo nach diesem Maßstab die Bundesliga steht? Eine Liga, in der es reicht, nicht schlecht zu sein? In der neben Bayern und dem BVB eigentlich nur Leverkusen und Gladbach eine konsequente offensive Philosophie vertreten? In der eher fantasielose Teams wie Köln und Ingolstadt im gesicherten Mittelfeld stehen? Die DFL verkauft die Bundesliga als "Premiumprodukt". Doch hinter den Bayern und Dortmund bleibt von diesem Slogan oft nicht viel übrig.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen