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Joachim Löw steht unter Beobachtung, und die ist nicht länger nur wohlwollend.
Joachim Löw steht unter Beobachtung, und die ist nicht länger nur wohlwollend.(Foto: dapd)

DFB-Team vor Stimmungstest: Ausflug mit Jogis Resterampe

Von Stefan Giannakoulis, Amsterdam

Die Kritik, der Fußball-Klassiker Deutschland gegen Holland verkomme angesichts des dritten Duells binnen Jahresfrist zur Ramschware, wird Joachim Löw nicht stören. Der Bundestrainer hat vor dem letzten Länderspiel 2012 andere Sorgen: wachsende Zweifel an ihm und seiner ersatzgeschwächten Mannschaft.

Fast auf den Tag genau ein Jahr ist es her, da war die Welt noch in Ordnung. Zumindest die kleine Parallelwelt der deutschen Nationalmannschaft und derer, die ihr zuschauten. Das Team von Bundestrainer Joachim Löw schlug in Hamburg die Niederlande mit 3:0, bot in diesem Freundschaftsspiel Fußball vom Feinsten und glänzende Aussichten auf die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Wann, wenn nicht jetzt, sollte es mit dem Titel was werden? Mit einer Mannschaft, die den hochkarätigen Gegner in Grund und Boden kombinierte. Thomas Müller, Miroslav Klose und Mesut Özil schossen die Tore, Deutschland war das neue Holland, alle waren glücklich und zufrieden. Dem Höhenflug des DFB-Teams schienen keine Grenzen gesetzt.

Niederlande - Deutschland
Team: Krul - van Rhijn, Heitinga, Vlaar, Martins Indi - de Jong, Emanuelson - van der Vaart - Afellay, Huntelaar, Robben
Trainer: van Gaal
Team: Neuer - Höwedes, Mertesacker, Hummels, Lahm - Lars Bender, Gündogan, Müller, Götze, Podolski - Reus
Trainer: Löw
Ab 20.30 Uhr im n-tv.de Liveticker!

Ein Jahr und eine Niederlage gegen Italien im EM-Halbfinale später sieht die Welt ganz anders aus. Ein Traum war geplatzt, und plötzlich stand die deutsche Mannschaft unter arg kritischer Beobachtung. Eine Niederlage im Testspiel gegen Argentinien, ein schmeichelhafter Sieg in Österreich und ein historisches 4:4 gegen Schweden in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien reichten, um der negativen Stimmung Nahrung zu geben. Kritiker fordern auf einmal Führungsspieler, zweifeln am Charakter der Mannschaft und an der Fähigkeit des Bundestrainers, nicht nur ein schönes Spiel zu bieten, sondern auch Titel zu gewinnen. Wenn nun die DFB-Elf an diesem Mittwoch ab 20.30 Uhr erneut zu Testzwecken gegen die Niederlande spielt, kommt dieser Partie eine Bedeutung zu, die so sicherlich nicht vorgesehen war.

Denn nachdem die Deutschen jüngst in Berlin erstmals in ihrer über 100 Jahre währenden Länderspielgeschichte einen 4:0-Vorsprung verschenkt haben, ist die Partie in Amsterdam nicht weniger als ein Stimmungstest. Der Bundestrainer und seine Mannschaft haben ein gutes Spiel und einen Sieg so nötig wie lange nicht, wollen sie die Aufgaben im kommenden Jahr mit dem Test am 6. Februar in Frankreich und den beiden WM-Qualifikationsspielen Ende März gegen Kasachstan in relativer Ruhe angehen. Dabei geht es, wie nicht nur Manager Oliver Bierhoff meint, um den Spagat zwischen spielerischer Eleganz und Effizienz. Die erste Stunde gegen Schweden war nämlich verdammt nah an der Weltklasse. Aber Bierhoff sagt auch, dass effizient zu sein alleine auch nicht reiche, "das ist uns doch auch schon vorgeworfen worden". Deshalb werde Joachim Löw sein Team weiter offensiv spielen lassen.

Eine Elf, die so nie wieder spielen wird

Auf der Suche nach der Balance stehen die Zeichen in Amsterdam allerdings nicht gut, despektierlich formuliert handelt es sich um einen dreitägigen Novemberausflug Ausflug von Jogis Resterampe. Von den elf Spielern, die gegen Schweden in der Startelf standen, fehlen sechs, weil sie krank oder verletzt sind: die vier Münchner Bastian Schweinsteiger, Holger Badstuber, Toni Kroos und Jérome Boateng sowie Mesut Özil von Real Madrid und Miroslav Klose, Lazio Rom. Da auch der Dortmunder Marcel Schmelzer passen musste und Mario Gomez nach langer Verletzungspause gerade erst sein Comeback in einem nur für ihn anberaumten Testspiel der Bayern gegen den Landesligisten FC Falke Markt Schwaben gegeben hat und beim 6:0 vier Tore schoss, läuft in der Amsterdam Arena eine Elf auf, von der es hinterher heißen wird, dass sie in dieser Formation nie wieder zusammenspielen wird.

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob sich die Akteure auch dann abgemeldet hätten, wenn es sich um ein wichtiges Spiel in der Champions League handeln würde. Auch Teammanager Bierhoff will das nicht. "Uns ärgert, dass wir die Spieler nicht hier haben, aber so viel Vertrauen haben wir zu den Vereinen." Und auch Joachim Löw will sich die Freude nicht verderben lassen und sagt das, was er stets zu diesem Thema sagt: "Wir haben vor zwei Jahren beschlossen, für Testspiele möglichst starke Gegner zu bekommen. Wir wollen uns mit den Besten messen."

Aber dass gerade der FC Bayern wenig Lust zu haben scheint, seine Besten abzustellen, fällt schon auf. Einige Vertreter aus der Bundesliga, allen voran Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler und Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, hatten ja mehr oder weniger heftig gegen diesen Termin protestiert. In einer Phase der Saison, in der die Spieler wegen der vielen Einsätze im Europapokal doch arg belastet sind. Am schönsten hatte das der Münchner Thomas Müller formuliert: "Ein klasse Länderspieltermin, auf den wir uns alle freuen. Da werden wir mit voller Leidenschaft unser Land vertreten und werden das tun, wofür wir geboren wurden - für Deutschland Fußball zu spielen." Immerhin: Er ist dabei.

Quelle: n-tv.de

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