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Freitag, 11. August 2017

So läuft der Pokal-Wahnsinn: BVB droht Härte, Dynamo propagiert Liebe

Von Anja Rau und Christoph Wolf

32 Duelle, fünf Debütanten - und im Mai siegt Borussia Dortmund? Der DFB-Pokal startet in seine erste Runde 2017/2018. Es warten historische Blamagen, glanzvolle Paraden, siegestrunkene Dörfer - und ein TV-Aufreger.

Wem droht das größte Pokal-Debakel?

Klare Sache: dem Titelverteidiger. Nun gut, zumindest ist das Blamagepotenzial denkbar groß, wenn die Dortmunder Borussia in dieser ersten Hauptrunde des DFB-Pokals am Samstag (ab 15.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) gegen den badischen Sechstligisten FC Rielasingen-Arlen antritt. Das gilt auch für die Rasenballsportler aus Leipzig, die am Sonntag ebenfalls ab 15.30 Uhr bei den ebenfalls sechstklassigen Sportfreunden Dorfmerkingen spielen. Bei den Pokalzwergen sorgt das für gigantische Vorfreude. An einen Sieg glauben sie in Rielasingen-Arlen zwar nicht. Aber an weltweiten Ruhm: "Durch dieses Spiel wird unser Verein europaweit bekannt", schwärmt der zweite Vereinsvorstand Erwin Gräble. Und Oliver Hennemann, der sportliche Leiter, sagte den Kollegen von t-online: "Wir werden in den Zweikämpfen nicht zurückziehen, denn das wird der BVB auch nicht. Wir spielen mit der ganz normalen Härte, aber sicher nicht unfair." Vollbracht werden muss die Pokalsensation, wenn es denn eine wird, im 99 Kilometer entfernt Freiburg. Mit bis zu 30 Fanbussen soll aber Rielasinger Heimspielflair ins Schwarzwaldstadion rollen. Bürgermeister Ralf Baumert frohlockt schon seit der Auslosung: "Das ist ein absolutes Traumlos, spitzenmäßig, ein richtiger Glückstag."

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Den erleben auch die Feierabendkicker aus dem 1000-Einwohner-Örtchen Dorfmerkingen. Die Blaskapelle spielt sich seit Tagen ein, die Spieler schieben abendliche Extraschichten, und Coach Helmut Dietterle lässt sich von Leipzigs Vizemeistertitel nicht entmutigen: "Ich müsste sofort als Trainer aufhören, wenn ich nicht einen kleinen Funken Hoffnung hätte." Er gibt freilich zu: "Aber der ist in diesem Fall sehr, sehr klein." Allerdings: Mit Pokalsensationen kennen sich die Sportfreunde aus. Noch als Siebtligist spektakelten sie Viertligist Stuttgarter Kickers im Finale des Landespokals im Württembergischen Verband mit 3:1 weg. Für noch mehr Schlagzeilen sorgten die Dorfmerkinger allerdings, als ihnen der Pokal dann auf Mallorca zwischenzeitlich abhanden kam. Ob es wieder ein Pokal-Happy-End gibt?

Welche Klubs feiern ihr Pokal-Debüt?

FC Rielasingen-Arlen: Kickt in der Verbandsliga Südbaden - verlor zum Saisonauftakt beim FV Lörrach-Brombach - und darf Titelverteidiger Dortmund blamieren. "Wir haben auch eine Verantwortung der Region gegenüber", sagt der 31-jährige Trainer Jürgen Rittenauer - wohl mit einem Augenzwinkern.

Leher TS Bremerhaven: Die Klubverantwortlichen sagen es selbst: Bremen ist das Bundesland, in dem es am leichtesten ist, den DFB-Pokal zu erreichen. Doch der Bremer SV ist jedes Jahr erneut schier übermächtig - außer im Elfmeterschießen. Das entschied Ende Mai die Leher TS für sich. Als Krönung kommt nun der 1. FC Köln in den Norden (Samstag, 15.30 Uhr). "Ein Superlos für uns. Unsere Abschlussfahrt ging nach Köln, die Kneipen kennen wir da schon", jubelte Kapitän Stephan Zander.

VfB Germania Halberstadt: Petersen trifft auf Petersen - Vater Andreas als Trainer des Regionalliga-Aufsteigers auf Sohn Nils als Stürmer vom SC Freiburg (Samstag, 15.30 Uhr). "Ich habe vorher immer gesagt, dass nicht Bayern München oder Borussia Dortmund mein Wunschlos wäre, sondern der SC Freiburg", sagte der ältere Petersen nach der Auslosung. In den Topf war Halberstadt überhaupt erst gerutscht, weil sie das Finale des Landespokals von Sachsen-Anhalt erreichten.

SV Morlautern: Kaiserslautern hat etwas mit Hamburg, München und Berlin gemeinsam: Mehr als ein ortsansässiger Verein spielt im DFB-Pokal. Neben dem FCK auch der Oberligist aus dem Stadtteil Morlautern. Der drehte im Verbandspokalfinale gegen den favorisierten VfR Wormatia Worms auf - und siegte 2:1. Seit 2010 sind die Morlauterer von der Kreisliga in die Bezirksklasse, die Bezirksliga, die Landesliga, die Verbandsliga und die Oberliga aufgestiegen. Als Prämie wartet nun in der ersten DFB-Pokal-Runde der Zweitligist SpVgg Greuther Fürth (Sonntag, 15.30 Uhr).

SV Eichede: Mindestens 848 Fans hat der Oberligist SV Eichede ganz sicher, wenn sie am Samstag gegen den 1. FC Kaiserslautern spielen (15.30 Uhr). Denn so wenige Einwohner hat das Dorf, das zwischen Hamburg und Lübeck liegt. Weil der Gegner im Schleswig-Holstein-Pokalendspiel Holstein Kiel lautete, konnte der Einzug in den DFB-Pokal schon beim Halbfinalsieg gefeiert werden, der Zweitliga-Aufsteiger war schließlich gesetzt.

Was ist der größte Aufreger?

Regionalligist TuS Koblenz spielt gegen Zweitligist Dynamo Dresden. Ein Heimspiel gegen einen starken Gegner, der viele Fans mitbringen wird. Kleiner Haken: Das Spiel wird in Zwickau ausgetragen. Also in Sachsen - 427 Kilometer von der eigentlichen Koblenzer Heimspielstätte entfernt, aber nur 118 Kilometer vom Dresdener Stadion. Grund dafür ist die Koblenzer Arena, an der sich Bauarbeiten verzögern. Es begann eine Suche, die größer angelegt war, als die nach der geklauten 100-Kilo-Goldmünze in Berlin. "Trotz größter Bemühungen der TuS Koblenz, der intensiven Unterstützung des DFB und der Koblenzer Stadtspitze" konnte kein Stadion in der Nähe von Koblenz gefunden werden. Mehr als 50 Absagen hat der Klub kassiert - Stadien sind bereits belegt, die nötige Sicherheitsinfrastruktur fehlt, bei einem Stadion wird derzeit die Zufahrt erneuert, ganz Nordrhein-Westfalen fällt aus, weil die Polizei bereits sechs Pokalspiele absichern muss. Und dann heißt der Gegner eben Dynamo Dresden und die Fans sind nicht gerade als einfach einzustufen - die festgelegten Sicherheitsstandards sind entsprechend hoch.

Das Spiel findet am Freitag um 19 Uhr statt, viele Koblenzer Berufstätige werden die mehr als vierstündige Fahrt nicht bewältigen können. Ganz billig ist sie auch nicht. Neben dem Verein, der die Anreise für seine Fans subventioniert, haben sich nun weitere Spender gefunden: Dresden-Anhänger. Wie das Portal Faszination Fankurve berichtet, sind bereits mehr als 3300 Euro zusammengekommen. Nicht nur spendabel sind die Dynamo-Fans, sondern auch gastfreundlich: "Uns erreichen auch bereits diverse Übernachtungsangebote. Wer etwas entsprechendes benötigt, kann sich bei uns melden und wir stellen dann den Kontakt her", heißt es vom Dachverband der Koblenzer Fanclubs. Da könnte durch den ganzen Schlamassel ja noch eine Fanfreundschaft entstehen!

Was ist der zweitgrößte Aufreger?

32 Duelle gibt es mit schönen Partien wie VfL Osnabrück gegen den Hamburger SV, 1860 München gegen den FC Ingolstadt oder Chemnitzer FC gegen den FC Bayern München. Und was ist das einzige Spiel, das im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu verfolgen sein wird? Hansa Rostock gegen Hertha BSC (Montag, 20.45 Uhr). Sind da noch weitere Worte nötig? Nein!

Der n-tv.de Geheimtipp

Wer einem Erstligisten beim Scheitern zusehen möchte, sollte das Spiel Würzburger Kickers gegen Werder Bremen (Samstag, 20.45 Uhr) verfolgen. Seit 2011 flogen die Hanseaten viermal in der ersten Runde raus - Rekord. Ruhmreiche Ausnahme war die Saison 2015/16. Da konnten sie erst im Halbfinale bezwungen werden - vom schwalbenden FC Bayern, der ein paar Wochen später wieder einmal den Pokal in den Berliner Himmel recken durfte. Doch die Niederlage gegen die Bayern zählt für die Bremer sicherlich als gutes Omen, denn wer war damals der Gegner in der ersten Runde? Richtig, die Würzburger Kickers. Dass die Bremer dabei eine Ehrenrunde einlegen mussten und erst in der Verlängerung 2:0 siegten, geschenkt. Trainer Alexander Nouri geht selbstbewusst in die Neuauflage: "Wir sind Werder, wir wollen gewinnen." Wenn er da mal nicht über seine großen Worte stolpert.

Quelle: n-tv.de

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