Chef-Reformer statt Chef-Rücktritt

Blatter sitzt den Fifa-Skandal aus

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Der Eindruck täuscht: Fifa-Boss Joseph Blatter wurde vom Fußball-Weltverband mitnichten die Tür gewiesen. (Foto: AP)
17.07.2012 | 16:26 Uhr
Fifa-Präsident Joseph Blatter weiß nichts über Korruption im Fußball-Weltverband und ist ohnehin der große Reformmotor in der Fifa. Das ist die Botschaft, die der korrumpierte Schweizer in Zürich vermittelt. Rücktrittsforderungen ignoriert sein Fußball-Weltverband einfach - und wählt einen deutschen Richter zum neuen Chef-Ethiker.

Joseph Blatter will als Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa weitermachen: Trotz harscher Kritik an seiner Person und einer öffentlichen Rücktrittsforderung von Liga-Präsident Reinhard Rauball sieht der 76-jährige Schweizer keinen Grund, an Demission zu denken. "Wenn ich jedesmal darauf reagieren würde, wenn irgendwo auf der Welt jemand meinen Rücktritt fordert, würde ich mich blau und grün ärgern. Damit muss man einfach leben. Wenn einer meinen Rücktritt will, muss es der Kongress machen", betonte Blatter auf einer Pressekonferenz in Zürich.

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Fifa-Boss Joseph Blatter "weiß von nichts und wusste von nichts", was weitere ISL-Schmiergelder an Fifa-Funktionäre angeht. (Foto: REUTERS)

Er behauptete ferner, von keinen weiteren Schmiergeldzahlungen des 2001 kollabierten Rechtehändlers ISL/ISMM an Fifa-Funktionäre Kenntnis zu haben. In der vergangenen Woche war ein Papier veröffentlicht worden, das Fifa-Ehrenpräsident Joao Havelange und den langjährigen Fifa-Vorständler Ricardo Teixeira als Empfänger von Millionenschmiergeldern ausweist. Zudem belegt das Papier, dass Blatter von den Zahlungen Kenntnis hatte und nichts unternommen hat.

Korrupte Mitglieder weiter im Exko

Nur ein Teil der gerichtsfest belegten ISL-Schmiergelder von rund 160 Millionen Schweizer Franken konnte bisher Empfängern zugeordnet werden. Die Bestechungen des Sportrechtehändlers waren dabei nicht nur auf die Fifa beschränkt, sondern betrafen Funktionäre zahlreicher Sportgroßverbände.

Nach Recherchen mehrerer Medien zählen mit Issa Hayatou (Kamerun) und Nicolas Leoz (Paraguay) zwei aktuelle Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees zu den Empfängern von ISL-Bestechungsgeldern. Hayatou, auch Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), hatte deshalb im Dezember 2011 vom IOC einen Verweis erhalten. Der Kameruner soll 1995 rund 20.000 Dollar von der ISL erhalten haben, beteuert aber, das Geld sei für die 40-Jahr-Feier des Verbandes bestimmt gewesen. Leoz kassierte über mehrere Jahre verteilt über eine Million Schweizer Franken - "ohne erkennbaren Grund", wie der "Tagesanzeiger" 2010 berichtete. Disziplinarverfahren hat die Fifa nie eingeleitet, sie hat die Sache ausgesessen - wie auch den aktuellen Skandal. Selbst nach dem IOC-Verweis für Hayatou lobte Blatter den Fifa-Vizepräsidenten als "gutes, ständiges Mitglied".

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Dünnhäutiger Präsident

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Blatter mit dem neuen Ethik-Code des Fußball-Weltverbandes. (Foto: REUTERS)

Die Rücktrittsforderung des deutschen Liga-Chefs, die Rauball in Berlin noch einmal bekräftigte, sei kein Thema auf der Exekutivsitzung gewesen. "Nein, wir haben über das Thema nicht gesprochen", äußerte Blatter, der von großer Einmütigkeit und Geschlossenheit in der "Regierung des Weltfußballs" berichtete. Das gesamte Exko "bildet eine große Familie. Am Ende der Sitzung haben alle gesagt: Wir folgen dir, denn wir sitzen alle in einem Boot", berichtete der Fifa-Boss, der sich in Zürich als Reformer präsentierte.

Die Reform des Ethik-Komitees, die in der Fifa-Zentrale vorgestellt wurde, habe er angeschoben. Und zur wachsenden Kritik an seiner Person meinte er: "Ich bin für mich verantwortlich, nicht für die Beurteilung meiner Person durch andere. Wenn man mich nicht mehr will in der Fifa, dann werden die Verbände aufstehen: Blatter, wir wollen nicht mehr. Ich werde sagen: Danke schön und gehe dann weg. Ohne Wenn und Aber. Das ist aber der Kongress, der das macht." Der seit 1998 als Fifa-Chef amtierende Walliser wirkte keineswegs angeschlagen, aber sehr angespannt.

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(Foto: dapd)

Am vergangenen Mittwoch hatte das Schweizer Bundesgericht Recherchen mehrerer investigativer Journalisten bestätigt, wonach Fifa-Ehrenpräsident Joao Havelange (96) und sein ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixeira (65) Schmiergelder in Millionenhöhe vom inzwischen insolventen Fifa-Vermarkter ISL erhalten hatten. Blatter will erst mit der ISL-Pleite 2001 von den Zahlungen erfahren haben, unterließ es aber auch dann, Schritte gegen Havelange und Teixeira einzuleiten.

"Wenn man es mir wegnimmt ..."

Blatter relativiert Vorwürfe

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Auf die Forderung verschiedener deutscher Politiker, Blatter das 2006 verliehene Bundesverdienstkreuz zu entziehen, sagte der Fifa-Chef: "Kein Kommentar, wenn man mir es wegnimmt, dann nimmt man es mir weg." Seine in einem Interview erhobenen Vorwürfe zu möglichen Manipulationen bei der WM-Vergabe 2006 an Deutschland relativierte Blatter erneut: "Ich habe nur gesagt, dass einer aus dem Saal gegangen ist." In einem in der Bild veröffentlichten offenen Brief hatte Blatter zuvor gegenüber den Aussagen vom Sonntag eine Rolle rückwärts vollzogen.

Der Präsident machte auf der Pressekonferenz die Besetzung der beiden unabhängigen Kammern der Fifa-Ethik-Kommission publik. Die rechtsprechende Kammer steht unter dem Vorsitz des Deutschen Hans-Joachim Eckert, die ermittelnde Kammer wird vom US-Amerikaner Michael Garcia geleitet. Blatter erklärte, dass es bei Korruption keine Verjährungsfrist mehr geben wird, sodass auch Fälle aus der Vergangenheit aufgearbeitet werden können. "Alle Mitglieder waren dafür", berichtete Blatter, "sie sehen einen glücklichen Präsident. Unser Reformprozess geht weiter. Wir haben zwei neue Werkzeuge zur Verfügung."

Der Entscheid des Schweizer Bundesgerichts vom vergangenen Mittwoch sei bindend. "Wir diskutieren nur den moralischen-ethischen Aspekt", erklärte Blatter wiederholt. Der Entzug der Ehrenpräsidentschaft von Havelange sei laut Blatter auf dem Exko-Meeting nicht diskutiert worden: "Das ist ein Thema für den Kongress."

Verwendete Quellen: ntv.de, cwo/sid