Mitgliederversammlung bei Hertha

Chaos, aber kein Putsch

01.12.2009 | 08:00 Uhr
Vor der Versammlung auf dem Messegelände in Berlin wurde spekuliert: Lassen die Mitglieder ihre Wut über den sportlichen Tauchgang am Präsidium aus? Oder entlasten die Führungsspitze des in der Fußball-Bundesliga abgeschlagenen Tabellenletzten? Es geschieht beides: Anträge zur Abwahl werden gestellt, jedoch alle abgelehnt.
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Die Revolte bei der "Alten Dame" bleibt aus. (Foto: dpa)

Präsident Werner Gegenbauer hatte den frustrierten 1924 Hertha-Fans im ICC Berlin vorher zugerufen: "Wir sind kein Schönwetter-Präsidium. Wir laufen hier nicht weg." Dennoch zeigte sich auch der Clubchef erschüttert über die schwere Krise des Hauptstadt-Vereins. "Wir könnten heulen über das, was wir derzeit bei Hertha BSC haben", bekannte Gegenbauer.

Am Ende lehnten die Mitglieder von Hertha BSC bei ihrer Versammlung mit großer Mehrheit auch den letzten verbliebenen Abwahlantrag gegen das Präsidium ab und verhinderten damit noch größeres Chaos beim Tabellenletzten. Nur 277 von 1477 stimmberechtigten Mitgliedern stimmten für die Abwahl der Clubspitze, 1073 votierten dagegen. Auch der Abwahlantrag gegen den Aufsichtsrat fiel deutlich durch.

"Zweite Liga ist Mist"

Die sportliche Misere beim Vierten der Vorsaison lieferte den Grundton für den emotionalen Abend. Sport-Geschäftsführer Michael Preetz forderte von der zuletzt beim 1:3 gegen Frankfurt wie gelähmt wirkenden Mannschaft schnelle Erfolge. "Wer das nicht verstanden hat, der hat bei Hertha nichts zu suchen", warnte Preetz das im Saal sitzende Team um Trainer Friedhelm Funkel. "Nichts ist derzeit wichtiger als der Kampf gegen den Abstieg", meinte Aufsichtsratschef Bernd Schiphorst. "Natürlich dürfen wir nicht absteigen. Zweite Liga ist Mist, das ist sogar ganz großer Mist", fügte der Ex-Präsident hinzu.

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Präsident Gegenbauer - kommende Saison wohl in der Zweiten Liga. (Foto: dpa)

Bis tief in die Nacht hatten die Bosse des schwer angeschlagenen Clubs zuvor an der Strategie für die Sitzung gebastelt, um den drohenden Sturm zu überstehen. "Es macht keinen Sinn, dass wir uns hier zerfleischen und auseinanderdividieren lassen", rief Preetz den enttäuschten Hertha-Mitgliedern zu, die ihrer Wut in einer Aussprache freien Lauf ließen und Konsequenzen forderten. Am Ende der Debatte aber zogen fast alle Antragsteller ihren Wunsch nach einem Sturz der Clubspitze zurück.

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Bei seiner Analyse erntete Preetz zuvor immer wieder Buhrufe, Pfiffe und wütende Zwischenrufe. Vor allem Lob für die Mannschaft und den inzwischen entlassenen Trainer Lucien Favre wollte in der hitzigen Atmosphäre niemand hören. Der glücklose Rückkehrer Artur Wichniarek wurde mit "Artur raus"-Sprechchören bedacht. "Es ist nicht sehr einfach, hier zu sitzen und diese Äußerungen anzuhören", gestand Kapitän Arne Friedrich bei einer kurzen Rede auf dem Podium.

Verlust trotz Rekordumsatz

Mühsam versuchte Dieter-Hoeneß-Nachfolger Preetz bei seinem ersten Auftritt dieser Art, die Transferpolitik zu rechtfertigen. Doch angesichts der Talfahrt in der Liga fehlten ihm die Argumente, seine langen Erklärungen brachten die Menge nur noch mehr auf. "Wir Herthaner stehen immer wieder auf und werden es auch diesmal tun", versprach Preetz dennoch trotzig.

Doch auch wirtschaftlich drohen dem Verein wieder schwere Zeiten. Finanz-Geschäftsführer Ingo Schiller musste einen Verlust von 1,9 Millionen Euro in der vergangenen Saison vermelden. Trotz eines Rekord-Umsatzes von 85,9 Millionen Euro wuchs der Schuldenberg von 29 Millionen auf rund 33 Millionen Euro. "Wir müssen um das Geld kämpfen", bekannte Aufsichtsratschef Schiphorst. Bis zu 3,5 Millionen Euro wollen die Berliner bei Geldgebern auftreiben, um in der Winterpause Neuzugänge an die Spree zu locken und doch noch den drohenden Absturz in die Zweitklassigkeit zu verhindern.

Verwendete Quellen: Christian Hollmann und Jens Mende, dpa