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Ausgespielt: Sami Khedira und DFB-Debütant Jonathan Tah (Hintergrund).
Ausgespielt: Sami Khedira und DFB-Debütant Jonathan Tah (Hintergrund).(Foto: imago/Bernd König)

Wenn fröhliche Engländer feiern: DFB-Elf vermasselt es im Schlafanzug

Von Stefan Giannakoulis, Berlin

Am Ende singen und tanzen in Berlin die Engländer. Joachim Löw bemüht sich derweil, nur bedingt Ärger über seine nach 2:0-Führung plötzlich schlafmützige DFB-Elf zu zeigen. Ist ja nur ein Test - und bis zur EM noch ein wenig Zeit.

Für den Klassiker nach dem Klassiker sorgte Gary Lineker: "Fußball ist ein einfaches Spiel, bei dem 22 Spieler 90 Minuten vor den Ball treten und am Ende Deutschland einen Zwei-Tore-Vorsprung aus der Hand gibt", ließ der ehemalige englische Nationalspieler an diesem Samstagabend via Twitter verlauten. Wohl wahr. Mit 2:0 nach Toren von Toni Kroos nach 43 Minuten und Mario Gomez (57.) lag die DFB-Elf vor 71.413 Zuschauern im Berliner Olympiastadion bereits vorne. Und viel deutete darauf hin, dass der Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw der Start in dieses Jahr gelingt, in dem es darum geht, bei der Europameisterschaft im Sommer in Frankreich als amtierender Weltmeister auch den kontinentalen Titel zu erringen. Doch dann schlug England zurück. Harry Kane (61.), Jamie Vardy (74.) und Eric Dier (91.) trafen und drehten die Partie. Oder andersherum: Die deutsche Mannschaft hat's vermasselt.

Wenig entzückt: Bundestrainer Joachim Löw.
Wenig entzückt: Bundestrainer Joachim Löw.(Foto: imago/Uwe Kraft)

Am Ende stand eine 2:3-Niederlage für eine deutsche Elf, die nicht gänzlich enttäuschte, aber auch nicht überzeugte - dafür agierte sie nach der Pause gegen wild entschlossene und technisch starke Gäste schlichtweg zu nachlässig. Der Bundestrainer formulierte das hinterher so: "Auf der einen Seite ärgerlich, auf der anderen nicht ganz unverdient. Wir hatten, auch als wir 2:0 geführt haben, nicht die Kontrolle über das Spiel. Wir hatten so unsere Probleme im Spielaufbau und relativ wenige Torchancen."

Deutschland - England 2:3 (1:0)

Tore: 1:0 Kroos (43.), 2:0 Gomez (57.), 2:1 Kane (61.), 2:2 Vardy (74.)
2:3 Dier (90+1.)
Deutschland: Neuer - Can, Rüdiger, Hummels (ab 46. Tah), Hector - Kroos, Khedira - Müller (ab 75. Podolski), Özil, Reus (ab 64. Schürrle) - Gomez (ab 80. Götze). - Trainer: Löw
England: Butland (ab 45. Forster) - Clyne, Smalling, Cahill, Rose - Henderson, Dier - Alli, Lallana (ab 71. Barkley), Welbeck (ab. 71 Vardy) - Kane. - Trainer: Hodgson
Schiedsrichter: Rocchi (Italien) - Zuschauer: 71.413

In der Tat konnte seine Mannschaft, die bei diesem Heimspiel 76 Tage vor dem Beginn der EM erstmals in ihren neuen quergestreiften Schlafanzügen, genannt Auswärtstrikots, aufgelaufen war, das Spiel zunächst nur leidlich kontrollieren. Und zum Schluss dann gar nicht mehr. Sie sah sich in der ersten Halbzeit allerdings einer englischen Mannschaft gegenüber, die bemerkenswert früh angriff und mit einem durchaus fixen Umschaltspiel zu gefallen wusste. Dass die DFB-Elf dennoch noch vor der Pause in Führung ging, war eher dem Umstand geschuldet, dass Kroos den Ball kurz vor der Pause einfach mal aus 22 Metern aufs Tor schoss und Jack Butland nicht viel dafür tat, den Ruf englischer Torhüter zu verbessern.

"Always look on the bright side of life"

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Der Bundestrainer seinerseits war sichtlich bemüht, dieser Niederlage die Schärfe zu nehmen, auch, weil es am Dienstag ja schon weiter geht. Dann steht (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) in München mit Partie gegen Italien der zweite Teil dieser kleinen Testreihe an. Aber Löw hatte durchaus gesehen, was alles nicht so gut war: "Klar gibt es Erkenntnisse. Wir wissen jetzt, woran wir noch arbeiten müssen." Und dann zählte er auf: "Die Kombinationen und Laufwege waren nicht so, wie wir uns das vorstellen. Wir waren in der zweiten Halbzeit nicht kompakt genug, haben dem Gegner zu viel Raum gelassen und zu oft in der Vorwärtsbewegung den Ball verloren." Fazit: "Das darf nicht passieren." Ist es aber, die Partie war seiner Mannschaft entglitten, Freundschaftskick hin, Freundschaftskick her. Und das dürfte Löw dann doch nicht allzu sehr gefallen haben.

Dafür dürfen die Gäste sich dafür loben lassen, auch nach dem zweiten Tor keineswegs aufgesteckt zu haben. Dementsprechend zufrieden zeigte sich ihr Trainer Roy Hodgson. "Wir haben Charakter gezeigt" sagte er auf die Frage, wie es sich anfühle, mit so einem jungen Team den Weltmeister in Berlin geschlagen zu haben. "Es war einfach fantastisch." Und er kündigte an: "Wir können es noch besser", auch wenn dieser Sieg schon ein guter Schritt in seiner Arbeit mit der Mannschaft sei, die darauf abziele, bei der EM im Sommer zu reüssieren. Besonders gefallen hatte ihm, "dass wir nach dem Rückstand nicht in Panik verfallen sind".

Vardy glänzt

Und Jamie Vardys Tor per Hacke zum 2:2 sei "zweifelsohne eines der Glanzlichter dieser Partie" gewesen. Schließlich war er es gewesen, der den Angreifer von Leicester City drei Minuten zuvor eingewechselt hatte. "Das war mein bester Abend mit England bis hierhin." Aber das Allerbeste soll ja noch kommen - bei der Europameisterschaft. Kaum noch steigerungsfähig war allerdings das, was die gut 4000 Fans der Engländer geboten hatten. "Das war fantastisch, was die für eine Stimmung gemacht haben."

Am Ende gab es dann noch einen Klassiker nach dem Klassiker. Nach dem Schlusspfiff war das ansonsten eher geneigte, aber auch eher zurückhaltende deutsche Publikum dann doch leicht verärgert, die Pfiffe jedenfalls waren nicht zu überhören. Nur die Engländer auf den Rängen taten das, was sie die ganze Zeit getan hatten: Sie sangen und freuten sich wie Bolle. Und die Stadionregie spielte mit: "Always look on the bright side of life" klang es durch die Lautsprecher - sehr zur Freude der Herrschaften neben dem Marathontor. Alles in Ordnung also - zumindest für die Engländer. Halt immer auch die fröhliche Seite des Lebens betrachten. Ein wenig zumindest schloss sich auch der Bundestrainer diesem Motto an: "So eine Niederlage in einem Testspiel ist jetzt nicht so wirklich schwer zu verkraften." Aber eben nur ein wenig. Denn: "Man ärgert sich schon, wenn man verliert."

Quelle: n-tv.de

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