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Die eingewechselten Kingsley Coman und Thiago Alcántara machten mit ihren Toren in der Verlängerung gegen Juve den Einzug der Bayern ins Champions-League-Viertelfinale perfekt.
Die eingewechselten Kingsley Coman und Thiago Alcántara machten mit ihren Toren in der Verlängerung gegen Juve den Einzug der Bayern ins Champions-League-Viertelfinale perfekt.(Foto: AP)

"Wow!" Auferstehung gegen Juve: Der FC Bayern etabliert sich als Drama-Queen

Von Stefan Giannakoulis, München

Um die Nachlässigkeiten der ersten Stunde gegen Juventus wettzumachen, zwingt sich der FC Bayern zu einem späten Kraftakt und erreicht spektakulär das Champions-League-Viertelfinale - mit einer gehörigen Portion Glück.

Josep Guardiola hatte es ja vorher gesagt: "In der Abwehr sind wir vielleicht schlechter, im Angriff aber besser." Damit lag der Trainer des FC Bayern durchaus richtig. Zu bestaunen war das an diesem Mittwochabend im Achtelfinalrückspiel der Champions League, als Münchens Fußballer gegen Juventus Turin erst kein Land sahen und zur Halbzeit mit zwei Toren zurücklagen - und am Ende dann doch noch mit 4:2 nach Verlängerung gewannen und nun im Viertelfinale des wichtigsten europäischen Klubwettbewerbs stehen. Und Guardiola? Machte hinterher einen glücklichen Eindruck, strahlte und sagte: "Vier Tore gegen eine italienische Mannschaft - wow! Und das nach einem 0:2." Wow - das fasst das Spektakel eigentlich ganz gut zusammen. Auch wenn das niemand so geplant haben kann.

FC Bayern - Juventus 4:2 (2:2, 0:2) n.V.

Tore: 0:1 Pogba (6.), 0:2 Cuadrado (28.), 1:2 Lewandowski (73.), 2:2 Müller (90.+1), 3:2 Thiago (108.), 4:2 Coman (110.)

München: Neuer - Lahm, Kimmich, Benatia (46.  Bernat), Alaba - Alonso (60. Coman) - Thomas Müller, Vidal - Costa,  Ribery (101. Thiago) - Lewandowski
Turin: Buffon - Lichtsteiner, Barzagli, Bonucci, Evra - Khedira  (68. Sturaro), Pogba - Cuadrado (89. Pereyra), Alex Sandro - Morata  (72. Mandzukic), Hernanes

Referee: Eriksson (Schweden) Zus: 70.000 (av)
Schüsse: 27:16 Ecken: 5:2 Ballbes: 70:30

Wenig überraschend hatte aber keiner der Beteiligten allzu große Lust, darüber zu sprechen, was alles schiefgelaufen war. Der italienische Meister hatte die Bayern offenbar mit seinem aggressiven Pressing überrascht, eine Stunde lang die Begegnung dominiert, der Franzose Paul Pogba hatte nach fünf Minuten ein Geschenk des Münchners David Alaba ohne Pardon angenommen und das erste Tor erzielt, der Kolumbianer Juan Cuadrado Kapitän Philipp Lahm ausgetanzt, ins Leere grätschen lassen und nachgelegt (28.). Die Münchner schienen unaufhaltsam auf ein Debakel zuzusteuern, sie wirkten fast ein wenig verzweifelt, klare Chancen erspielten sie sich kaum. Wenig bis nichts deutete darauf hin, dass sie das Spiel noch drehen würden, nach 72 Minuten stand es immer noch 0:2. Doch weil Robert Lewandowski doch sehr unvermittelt der Anschlusstreffer gelang (73.) und Thomas Müller in der 91. Minute zum 2:2 vor den treusten Fans auf der Südtribüne mit einem wuchtigen Kopfball traf, konnte der hinterher ungestraft behaupten: "Wir wussten die ganze Zeit: Selbst wenn es in der 80. Minute noch 0:2 steht, geht noch was. Blind nach vorne rennen war nicht angesagt."

Andererseits: Wenn einer seine Mannschaft und seinen Trainer vor dem fast sicheren und sehr bitteren Aus in der europäischen Königsklasse bewahrt, dann darf er hinterher dem Ganzen auch den Anschein eines planvollen Handelns geben und muss zumindest nicht explizit erwähnen, dass die Münchner auch eine gehörige Portion Glück hatten. Allerdings kann es kein Zufall sein, dass es Müller war, der seiner Mannschaft den Weg in die Verlängerung ebnete, in der der kurz zuvor eingewechselte Thiago Alcántara (108.) und der etwas länger zuvor eingewechselte Kingsley Coman (110.) mit einem Doppelschlag die Angelegenheit zugunsten des FC Bayern klärten. Müller ist mit 44 Treffern der erfolgreichste Münchner Torschütze in der Champions League und auch der erfolgreichste deutsche Spieler in der Geschichte dieses Wettbewerbs. Da ist es nicht weit zu der wenig originellen These, dass es genau solche Spieler braucht, um eine fast schon verlorene Partie doch noch zu gewinnen. Das Publikum dankte es ihm und seinen Kollegen mit einer stimmungsvollen und schlichtweg ohrenbetäubenden Atmosphäre, wie sie in München nicht immer zu bestaunen ist.

Planvolles Handeln? Wohl eher Glück

Müller hat dann übrigens doch noch eingeräumt: "Das war so nicht geplant, es war ein verrücktes, ein komisches Spiel." Im Grunde war es das Spiegelbild des Hinspiels vor drei Wochen, als die Bayern eine Stunde lang besser waren, mit 2:0 führten und dann doch noch zwei Treffer kassierten. Und Müller gab auch zu, was nicht nur jeder der 70.000 Zuschauer im Stadion zu Fröttmaning gesehen hatte: "Wir haben bei den Toren nicht optimal verteidigt."

Womit wir wieder beim Trainer sind, der ebenfalls berichtete, er habe seine Mannschaft in der Halbzeit dazu ermahnt, erst einmal die Kontrolle über das Spiel zu bekommen und dann die Tore zu schießen. "Juventus war stark, sehr, sehr stark. Da kann so etwas passieren. Aber wir haben den Kopf nicht verloren. Und in der Verlängerung hat nur der FC Bayern gespielt", sagte Guardiola. Er brauche nun erst einmal "zwei oder drei Tage, um das zu analysieren". Immerhin dürfen die Bayern für sich reklamieren, dass sie auf gutem Wege sind, sich als Drama-Queen des deutschen Fußballs zu etablieren - neben dem BVB natürlich, der spätestens seit dem 3:2 gegen Malaga am 9. April 2013 als Spezialist für solche Fälle gilt. Seinerzeit gelangen den Dortmundern in der Nachspielzeit innerhalb von 69 Sekunden zwei Tore und damit der Einzug ins Halbfinale der Champions League.

"So ist das auf diesem Niveau"

Die Münchner jedenfalls haben gegen ein famoses Juve eine nahezu historische Wende geschafft, zumindest gemessen an der eigenen Geschichte: Zuvor hatten sie in der Königsklasse am 5. Dezember 2000 in London einen Rückstand von zwei Toren aufgeholt. Beim 2:2 im Gruppenspiel beim FC Arsenal hießen die Torschützen Michael Tarnat und Mehmet Scholl. Einen Sieg gar gab es im Achtelfinale des Europapokals der Landesmeister gegen den 1. FC Magdeburg. Am 23. Oktober 1974 führte der Meister der DDR im Münchner Olympiastadion durch ein Eigentor und einen Treffer Jürgen Sparwassers zur Pause mit 2:0, ehe Gerd Müller zweimal traf und Detlef Enge ebenfalls ein Eigentor unterlief.

Und nun das Drama gegen Juventus. Dessen Trainer Massimiliano Allegri war bemüht, keinen allzu geknickten Eindruck zu vermitteln. "Wir dürfen nicht allzu enttäuscht sein, schließlich haben wir einen hervorragenden Charakter gezeigt." Aber natürlich sei er traurig. Und dann sagte er einen schönen Satz, der zeigte, worauf es im Fußball letztlich ankommt: "So ist das auf diesem Niveau: Du kannst weiterkommen, du kannst aber auch ausscheiden."

Nicht nur der Münchner Kapitän Lahm hatte also einen "unglaublichen Abend" gesehen. So eng könne es zugehen, "wenn zwei Spitzenmannschaften aufeinandertreffen. Wir wussten, dass es bei einem dritten Gegentor aus gewesen wäre". Torhüter Manuel Neuer merkte an: "Wir haben dem Gegner Geschenke gemacht. Erst danach hat man gesehen, zu welchem Fußball wir fähig sind." Stimmt, im Angriff sind sie ja ganz gut. Und so hat Guardiola nicht nur Recht behalten. Er kann auch weiter davon träumen, im Sommer mit der Reputation eines Mannes den FC Bayern zu verlassen und bei Manchester City anzuheuern, der als Trainer dreimal die Champions League gewonnen hat.

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Quelle: n-tv.de

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