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Teambuilding: Thomas Müller und Berni.
Teambuilding: Thomas Müller und Berni.(Foto: dpa)
Montag, 25. September 2017

Lehren des sechsten Spieltags: Der FC Bayern sucht sein wahres Gesicht

Von Tobias Nordmann und Stefan Giannakoulis

Wenig Tempo, keine Leidenschaft - der FC Bayern vergeigt's gegen den VfL Wolfsburg und trifft sich zur Krisen-Wiesen. Derweil spektakelt sich der BVB durch die Fußball-Bundesliga und denkt heimlich an die Meisterschaft

1. FC Bayern auf der Krisen-Wiesen

Mit der Saisonstart-Krise war der FC Bayern am Freitagabend endgültig fertig. Mit 2:0 ging der Serienmeister beim Auftakt des sechsten Spieltags der gegen den VfL Wolfsburg in die Kabine. Neun Punkte, 9:0 Tore binnen sieben Tagen - solche Schlagzeilen produziert in der Fußball-Bundesliga ja sonst nur die Spektakeltruppe von Borussia Dortmund. Doch auf den kurzen Rausch folgte der schnelle Kater. Und der Schädel der Münchener ist so gewaltig, da hilft nicht mal eben eine Paracetamol. Denn die Mannschaft von Carlo Ancelotti vergeigte tatsächlich noch die komfortable Führung (2:2). Wegen Torwart-Bandit Sven Ulreich, der mit dem Neuer'schen Reklamierarm einen Freistoß ins eigene Tor slapstickte, mehr aber noch wegen seiner merkwürdigen fußballerischen und taktischen Performance.

Mariann Barrena McClay mit Coach Carlo.
Mariann Barrena McClay mit Coach Carlo.(Foto: dpa)

Auch wenn die Mannschaft, allen voran die Weltmeister Mats Hummels und Thomas Müller, bemüht war, sich selbst für das orientierungslose Anrennen anzuzählen, so stellt sich plötzlich doch wieder die Frage, welche Spielidee Trainer Carlo Ancelotti verfolgt. Der "Kicker" sah einmal mehr wenig Tempo, keine Leidenschaft, kaum Geschlossenheit und viele offene Räume. Für den FC Bayern eine ziemlich blöde Geschichte, klar. Aber jetzt auch kein Grund für eine Krisen-Wiesn, denn dort, wo doch eigentlich immer gute Laune herrscht, kann man sich doch herrlich befreiend den Frust aus dem Körper spülen. Als Fußballprofi freilich mit eins, zwei oder auch drei alkoholfreien (!) Mass. Ob's schmeckt? Egal.

Bestes Teambuilding findet Thomas Müller. Und Sportchef Hasan Salihamidzic verordnet: "Kopf frei" für Paris. Denn dort im Champions-League-Spiel bei Saint-Germain, am Mittwoch (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de), so drohen sie auf der Münchener Vereins-Homepage, wollen die Bayern das Wolfsburg-Spiel vergessen machen und ihr wahres Gesicht zeigen. "Da werden wir ganz anders auftreten", versprach Salihamidzic.

2. Der BVB widerspricht seinem Manager

Dieses Mal sagte BVB-Manager Michael Zorc nichts. Zumindest nichts, was die Öffentlichkeit in gleicher Intensität belastete wie sein Vizemeisterbekenntnis aus der vergangenen Woche. Dieses Mal, beim 6:1-Erfolg gegen Gladbach, genoss der schwarzgelbe Stratege die Drahtseil-Demonstration seiner Mannschaft. Die spektakelt sich mittlerweile extrem routiniert durch die Liga, sorgt mit dem einen oder anderen Wackler aber auch dafür, dass sich die anderen Mannschaften nicht so fürchterlich unterlegen fühlen wie einst in den Münchener Guardiola-Jahren. Dennoch sind die Zahlen, die die Borussia aktuell vorlegt, meisterlich beeindruckend.

"Man sieht, dass es dann keinen Leistungseinbruch gibt": Jeremy Toljan.
"Man sieht, dass es dann keinen Leistungseinbruch gibt": Jeremy Toljan.(Foto: imago/Moritz Müller)

Nie zuvor starteten die Dortmunder, die am Dienstag gegen Real Madrid antreten (20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de), besser in eine Saison, noch nie hatte ein anderer Bundesligist nach sechs Spieltagen eine Tordifferenz von Plus 18. Was das nun bedeutet? Jeremy Toljan, der als Last-Minute-Neuzugang ja noch so etwas wie einen unbelasteten Blick auf den Klub hat, sagt: "Die Qualität in der Mannschaft ist sehr hoch, deshalb können wir rotieren; wegen der vielen Spiele müssen wir rotieren. Man sieht, dass es dann keinen Leistungseinbruch gibt. Daher kann der Trainer auswählen, und die Stimmung ist gut, weil jeder spielt und seinen Teil zum Erfolg beitragen kann." Der ist, da wiederholen wir uns gerne, aktuell historisch beeindruckend. Und wegen der Schwäche des FC Bayern vielleicht doch ...? Ach was, sagt Zorc, "schreibt doch, was ihr wollt, aber wir denken extrem von Spiel zu Spiel und nicht, was irgendwann im Mai ist. Das ist ganz, ganz weit weg."

3. Die TSG Hoffenheim reift

Sind die Hoffenheimer dabei, zu einer Spitzenmannschaft zu reifen? Bei der Suche nach der Antwort auf diese Frage finden sich Indizien, die durchaus für Trainer Julian Nagelsmann und seine Spieler sprechen. Sie haben in dieser Saison noch kein Spiel verloren, Platz zwei in der Tabelle nach sechs Runden ist schon einmal nicht schlecht - zumal unter den vier Siegen einer gegen den FC Bayern ist. So gut ist die Turn- und Sportgemeinschaft noch nie gestartet. Und beim 2:0 gegen den FC Schalke 04 haben sie gezeigt, dass sie auch gewinnen können, wenn sie nicht so gut spielen. Seit 14 Heimspielen sind die Hoffenheimer ungeschlagen.

Im Mittelpunkt: Dennis Geiger.
Im Mittelpunkt: Dennis Geiger.(Foto: imago/Michael Weber)

Zudem ist Nagelsmann mutig: Gegen die Gelsenkirchener setzte er wieder auf den 19 Jahre alten Dennis Geiger, der im zentralen Mittelfeld mit Erfolg die Rolle des Nationalspielers Sebastian Rudy übernimmt, der nun in München spielt. Dass Geiger nach einer knappen Viertelstunde auch noch sein erstes Tor in der Bundesliga erzielte, war mehr als eine schöne Geschichte. "Ich schätze an ihm, dass er die Ideen des Gegners unterbindet. Zudem ist er extrem ballsicher", sagte sein Trainer: "Und er hat keine Angst, Fehler zu machen." Dass sie Schalker sehr viele Torchancen vergaben, war Hoffenheims Glück. "Es war ein sehr kompliziertes Spiel. Ich glaube nicht, dass wir heute verdient gewonnen haben", räumte Nagelsmann ein. Das zumindest klingt doch so, als sei sein Team verdammt nah an einer Spitzenmannschaft. Was das wert ist, zeigt sich dann am Donnerstag in der Europaliga beim bulgarischen Meister Ludogorez Rasgrad (ab 21 Uhr im Liveticker bei n-tv.de). Das erste Spiel bei ihrer ersten Europapokalteilnahme hatte Hoffenheim gegen Sporting Braga verloren. Es fehlte: die Reife.

4. Der Hamburger SV ruft die Krise aus

Der HSV war ja in dieser Saison nie Tabellenführer, zumindest nicht, wenn man sich an die Regel hält, erst abzurechnen, wenn alle neun Partien eines Spieltags vorbei sind. Mit zwei Siegen aber waren die Hamburger schon gestartet, das ist wahr. Ihr Problem ist nur, dass sie danach viermal hintereinander verloren haben: mit 0:2 gegen RB Leipzig, mit 0:2 bei Hannover 96, mit 0:3 gegen die Dortmunder Borussia und nun, am frühen Sonntagabend, mit 0:3 beim TSV Bayer Leverkusen. Null Punkte, 0:10 Tore - das liest sich nicht gut; und ist es auch nicht. Dementsprechend alarmiert reagieren sie beim HSV. Torhüter Christian Mathenia sagt: "Jetzt stecken wir in der Krise. Wenn man in vier Spielen zehn Buden kassiert und keine macht, ist das frustrierend." Vorstandschef Heribert Bruchhagen verweist darauf, er habe ja schon vorher gesagt, "dass es eine spannende Frage wird, wer am Ende 18., 17. und 16. wird. Das ist ein permanenter Behauptungskampf".

Und Trainer Markus Gisdol stellt gar die Qualitätsfrage: "Wir stoßen momentan mit dem Kader ab und zu an unsere Grenzen." Am nächsten Samstag (ab 18.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) kommt mit dem SV Werder eine Mannschaft in den Volkspark, die noch drei Punkte weniger auf dem Konto hat. Wenn die Spielzeit nicht noch so jung wäre, könnte man glatt von einem Abstiegsgipfel sprechen. Bruchhagen ist jetzt schon froh, wenn es vorbei ist: "Wir setzen da auf die Länderspielpause." Danach, so hofft der Klubchef, sind vielleicht einige der verletzten Spieler, unter ihnen mit Nicolai Müller, Filip Kostic und Aaron Hunt die besten Scorer der vergangenen Rückrunde, wieder dabei. Willkommen im Behauptungskampf.

5. Wir hängen an Ibisevics Lippen

Kommen wir zum Rätsel des Spieltags: Was hat Herthas Vedad Ibisevic beim 0:1 in Mainz gesagt? Wir wissen es nicht, Schiedsrichter Tobian Stieler jedenfalls schickte Berlins Kapitän kurz vor dem Ende der Partie mit der Roten Karte vom Platz. Warum? Ibisevic sollte wegen einer blutenden Wunde zur Behandlung vom Platz, weigerte sich aber - und soll Stieler beleidigt haben. "Er hat verstanden, 'Du bist scheiße', aber ich habe nur gesagt, 'Das ist doch schlecht'. Jetzt hat er recht und ich nicht", sagte Ibisevic. Im Grunde ist die Geschichte an dieser Stelle zu Ende. Doch der Bosnier gibt nicht auf. Denn: "Ich bin das Opfer und die Schiedsrichter haben immer recht, sie sind bei DFB angestellt. Ich erzähle aber die Wahrheit." Nun hofft er auf Hilfe, die "Bild"-Zeitung hat sie gefunden: Lippenleserin Judith Harter. Sie hat sich die Szene angesehen und kommt zu dem Ergebnis, dass Ibisevic zu Stieler gesagt habe: "Ja, das war schlecht." Weil: "Wenn er 'Du bist scheiße' gesagt hätte, würde die Wange dünner aussehen. Insgesamt ergibt sich dann ein ganz anderes Lippenbild einschließlich Wangenhaltung." Das klingt, ähm, interessant. Wir aber sind raus. Schweigen ist Gold.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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