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Mit der Nummer 14 wurde Johan Cruyff zur Legende.
Mit der Nummer 14 wurde Johan Cruyff zur Legende.

Cruyff, Guardiolas Vater im Geiste: Der König, der den Fußball revolutionierte

Von Christian Bartlau

Die Niederlande trauern um ihren größten Fußballer: Johan Cruyff stirbt mit 68 Jahren an Krebs. Als Aktiver einer der komplettesten Spieler überhaupt und Europas Fußballer des Jahrhunderts, leitet er als Trainer die moderne Ära ein.

Franz Beckenbauer mag erfolgreicher gewesen sein. Aber Johan Cruyff war besser. Das war schon so, als sich die beiden herausragenden Fußballer ihrer Generation auf dem Platz duellierten - wie bei der WM 1974. Mit atemberaubendem Fußball waren die Niederlande ins Finale gerauscht, sie galten als klarer Favorit und so begannen sie auch.

Gleich mit seinen ersten Ballkontakten zog Cruyff unwiderstehlich an Berti Vogts vorbei, Uli Hoeneß konnte ihn nur mit einem Foul stoppen. Elfmeter, Johan Neeskens verwandelte. Doch dann tauchte nicht nur Bernd Hölzenbein im Strafraum der Elftal ab, sondern auch Johan Cruyff für den Rest des Spiels. Deutschland gewann 2:1, der "Kaiser" krönte sich endgültig, "König Johan" blieb die allerhöchste Weihe verwehrt. Trotzdem kürten ihn die Sportjournalisten nach dem Turnier zu Europas Fußballer des Jahres, noch vor Franz Beckenbauer. Der besaß die Größe, Cruyff auf seine Art zu adeln: "Er war der bessere Spieler, aber ich bin Weltmeister geworden."

Dieser Befund gilt erst recht für die Trainerkarrieren. Beckenbauer führte die deutsche Nationalmannschaft 1990 zum dritten Stern – ein Erfolg, der nicht auf taktischer Finesse beruhte, sondern auf einer individuell starken Mannschaften und fünf legendären Worten: "Geht's raus und spielt's Fußball." Cruyff wurde nie Bondscoach, dafür hievte er das Spiel als Vereinstrainer bei Ajax Amsterdam und beim FC Barcelona auf ein neues Level: Ohne ihn kein Tiki-Taka, ohne ihn kein Guardiola. Der Bayern-Coach führt alle seine Ideen auf seinen einstigen Mentor Cruyff zurück: "Er hat uns die Kathedrale erbaut. Wir erhalten sie nur." Nun ist einer der größten Fußballer aller Zeiten und einer der geistigen Väter des modernen Fußballs im Alter von 68 Jahren "nach einem harten Kampf mit dem Krebs" verstorben, wie seine Familie mitteilte.

"Wir alle haben ihn imitiert"

"Er war der bessere Spieler, aber ich bin Weltmeister geworden", sagte Franz Beckenbauer über Johan Cruyff. Hier beide in Aktion beim WM-Finale 1974, Deutschland gegen die Niederlande in München.
"Er war der bessere Spieler, aber ich bin Weltmeister geworden", sagte Franz Beckenbauer über Johan Cruyff. Hier beide in Aktion beim WM-Finale 1974, Deutschland gegen die Niederlande in München.(Foto: dpa)

Als die Diagnose im Oktober 2015 öffentlich wurde, nahm die Fußballwelt großen Anteil. Guardiola traf sich mit Cruyff zum Essen, die Spieler des FC Barcelona kamen in Oranje-T-Shirts aufs Feld und in der holländischen Eredivisie standen die Zuschauer in Minute 14 auf und applaudierten.

Es war die Nummer 14, mit der Cruyff bei Ajax Amsterdam und in der Elftal berühmt wurde. Geboren wurde er als Hendrik Johannes Cruijff am 25. April 1947 in Amsterdam, er wuchs in der Nähe des Stadions von Ajax auf, in dem seine Mutter als Putzfrau arbeitete. Sein Vater starb, als er gerade 12 Jahre alt war, schon ein Jahr später schmiss Johan zum Entsetzen seiner Mutter die Schule, um sich auf den Fußball zu konzentrieren.

Das Talent erkannten seine Trainer schon früh, wie Jahrzehnte später einem gewissen Lionel Messi fehlte es dem Jungen aber an Größe und Muskeln. Zwar debütierte der schmale Cruyff schon mit 17 Jahren in der Profimannschaft, doch als der Disziplinfanatiker Rinus Michels 1965 das Team übernahm, befahl er seinem Juwel erst einmal Kraft- und Konditionstraining. Das war nötig, ließ Michels doch einen neuen, kraftraubenden Stil spielen, den "Total Voetbal": Jeder Spieler sollte verteidigen und angreifen. Es war eine taktische Innovation, die Cruyff ideal verkörperte. Er konnte ganz vorn in der Sturmspitze agieren, sich auf die Spielmacherposition fallen lassen und dirigieren oder auf den Flügeln das Spiel schnell machen. "Cruyff führte eine Fußball-Revolution an. Wir alle haben ihn imitiert", sagte Osvaldo Ardiles, mit Argentinien 1978 Weltmeister und einer der besten Mittelfeldspieler seiner Zeit.

Die größten Erfolge von Johan Cruyff

Erfolge als Spieler:
9 x Niederländischer Meister: Mit Ajax Amsterdam acht Mal und einmal mit Feyenoord Rotterdam
6 x Niederländischer Pokalsieger: Fünf Erfolge mit Ajax und einmal mit Feyenoord
Europapokal der Landesmeister: 1971, 1972, 1973 mit Amsterdam
Weltpokalsieger: 1972 mit Amsterdam
Spanischer Meister: 1973/74 mit dem FC Barcelona
Spanischer Pokalsieger: 1978 ebenfalls mit Barcelona
Vize-Weltmeister 1974 und EM-Dritter 1976
Europas Fußballer des Jahrhunderts: Ausgezeichnet im Jahr 1999

Erfolge als Trainer:
Niederländischer Pokalsieger: 1986 und 1987 mit Ajax Amsterdam
Europapokal der Pokalsieger: 1987 und 1989 mit Ajax Amsterdam
4 x Spanischer Meister: Mit dem FC Barcelona
Spanischer Pokalsieger: 1990 mit dem FC Barcelona
Europapokal der Landesmeister: 1992 mit dem FC Barcelona

Cruyff gewann sechs Meisterschaften mit Ajax und 1971 bis 1973 dreimal in Folge den Europapokal der Landesmeister. "König Johan" war der Anführer, und er wusste das auch. Auf dem Platz befehligte er seine Mannen mit arroganten Gesten. Die gedemütigten Kollegen wählten ihn vor der Saison 1973/74 nicht zum Kapitän, was Cruyff nicht auf sich sitzen lassen wollte. Er hatte 190 Tore in 240 Spielen für seinen Heimatverein erzielt, nun folgte er dem Lockruf von Rinus Michels, der mittlerweile den FC Barcelona trainierte.

Der Aufstieg zur Ikone

Cruyff kam nicht einfach nach Katalonien, er erschien. Gleich in seinem ersten Clásico fegte das jahrelang unterlegene Barca mit 5:0 über den verhassten Erzrivalen Real Madrid hinweg. Barcelona feierte gleich in seiner Debütsaison die erste Meisterschaft seit 14 Jahren - und irgendwie auch einen Sieg über das Franco-Regime, das in seinen letzten Zügen lag. Mit dem aufrührerischen Pathos der Katalanen identifizierte sich Cruyff total. Seinen 1974 geborenen Sohn nannte er Jordi, nach einem katalanischen Heiligen. Eigentlich, so erzählt es Cruyff selber, hätten er und seine Frau den Namen einfach nur aufgeschnappt. Aber als ihm spanische Beamte klarmachen wollten, dass ein katalanischer Name verboten sei, schaltete er auf stur: "Wenn Leute mir sagen, dass ich etwas nicht tun kann, bin ich umso überzeugter, es zu tun." Auch wenn Cruyff keinen weiteren Meistertitel mit Barcelona gewinnen sollte, sein Platz im Herzen der Barca-Fans war für immer gewiss.

Die Weltmeisterschaft 1974 erlebte einen Cruyff im Zenit seines Könnens - aber eben auch die Charakterzüge, die ihm den Ruf als schlampiges Genie einbrachten: Er rauchte auch schonmal in der Halbzeit und feierte nach den Spielen ausgiebig mit seinen Teamkollegen. Die "Bild"-Zeitung berichtete von Orgien im Oranje-Hotel, und bis heute gibt es für viele Fußballfans nur eine Erklärung, warum die hochveranlagte Elftal das Finale verlor: Weil Johan Cruyff in der Nacht davor stundenlang mit seiner aufgebrachten Frau telefonierte. Leichenblass erschien er zum Anstoß. Die Kraft reichte offenbar nur für diesen einen Sprint vorbei an Berti Vogts, danach sah er gegen den "Terrier" kein Licht mehr.

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Besonders lange knabbern musste "König Johan" nicht an der Niederlage, behauptete er. "Wir haben der Welt gezeigt, dass man Spaß daran haben konnte, Fußballer zu sein", sagte er einmal rückblickend über seine titellose Zeit in der Elftal. "Wir konnten lachen und hatten eine großartige Zeit." Auf die WM 1978 verzichtete Cruyff. Erst 2008 sprach er über den Grund, einen Entführungsversuch in Barcelona. "Man hielt mir ein Gewehr an den Kopf, meine Frau war gefesselt, und unsere Kinder mussten all das miterleben", sagte er. Monatelang bewachten Polizisten sein Haus, Leibwächter begleiteten die Kinder zur Schule. ""In solchen Momenten zählen andere Werte im Leben."

Auch als Trainer ein Revolutionär

Die Abschiedstour als lebende Legende führte ihn in die USA, zurück zu Ajax und sogar zum Erzrivalen Feyenoord Rotterdam, wo er 1984 mit seiner neunten holländischen Meisterschaft seine aktive Karriere beendete. Schon ein Jahr später übernahm er die Geschicke von Ajax als Technischer Direktor. Einen Trainerlehrgang lehnte Cruyff stets ab, der Verband verlieh ihm die Lizenz kurzerhand ehrenhalber. Er wirkte nicht nur als Coach, sondern auch als Manager und stellte vor allem die Nachwuchsarbeit neu auf. Die Ajax-Akademie brachte seither wieder verlässlich junge Talente zu den Profis wie Denis Bergkamp, Rob Witschge und Aron Winter.

Als Spieler und Trainer gleichermaßen erfolgreich: Die legendäre Nummer 14, Johan Cruyff.
Als Spieler und Trainer gleichermaßen erfolgreich: Die legendäre Nummer 14, Johan Cruyff.(Foto: dpa)

Die Erfolge stellten sich sofort ein, in seiner zweiten Saison gewann Ajax den Europapokal der Pokalsieger. Doch wieder eckte Cruyff mit seiner zuweilen herrischen Art an, wieder zerstritt er sich mit seinem Herzensklub, wieder flüchtete er zum FC Barcelona.

Bei Barca belebte er das Jugendinternat La Masia nach dem Vorbild von Ajax. Er setzte auf Technik und Spielintelligenz und zog sich einen Spielertypus heran, der seinen Ballbesitz-Fußball perfekt umsetzen konnte. Wie er selbst in jungen Jahren waren einige Talente eher schmächtig geraten, so auch Josep Guardiola, der zunächst Rechtsverteidiger spielte. Cruyff höchstselbst wies die Jugendtrainer an, Guardiola ins zentrale Mittelfeld zu versetzen. Dort bildete er ab 1990 das Rückgrat der Mannschaft, die als "El Dream Team" in die Geschichte eingehen sollte und dabei einen risikoreichen Stil prägte, der als eine Weiterentwicklung des "Total Voetbal" und Vorstufe des Tiki-Taka gilt. Viermal hintereinander gewann es von 1991 bis 1994 die spanische Meisterschaft. 1992 triumphierte Barca zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte im Europapokal der Landesmeister.

Beliebt war Cruyff allerdings höchstens bei den Fans, wie sein Mentor Rinus Michels gefiel er sich in der Rolle des Patriarchen."Er misshandelt die Spieler, die Funktionäre und die Reporter", schrieb die Zeitung "El Pais". "Aber er verwöhnt das Publikum." Als der Erfolg ausblieb, hatte der Niederländer schnell keinen Rückhalt mehr. Im Mai 1996 entließ ihn der Verein, es war ein abruptes Ende einer erfolgreichen Karriere als Trainer.

Streitlustig bis zum Schluss

Cruyff hatte viele Angebote, doch ein altes Laster, das er längst aufgegeben hatte, holte ihn ein. Ende 1997 kämpfte er erneut mit Herzproblemen, an ein neues Traineramt war nicht zu denken. Schon 1991 hatte er sich einer Bypass-Operation unterziehen müssen und die geliebten Camel-Zigaretten durch Lutscher ersetzt. "Fußball hat mir so viel gegeben", sagte er damals, "und Tabak hat es mir fast alles wieder genommen." Fortan machte er Werbung für Anti-Rauch-Kampagnen.

Auf Zigaretten konnte "König Johan" komplett verzichten, auf den Fußball nicht. Ajax half er als Berater und Aufsichtsrat, wenn er sich nicht gerade mal wieder leidenschaftlich mit der Vereinsführung stritt - so wie 2011, als Aufsichtsratskollegen an ihm vorbei seinen Intimfeind Louis van Gaal als Generaldirektor des Klubs installierten. Zu van Gaal hatte Cruyff stets wenig zu sagen, und wenn, klang es so: "Er hat nicht die geringste Ahnung von Fußball."

Die Opposition unter Edgar Davis engagierte van Gaal in einer Sitzung, an der Cruyff nicht teilnehmen konnte, weil er zum Geburtstag seiner Tochter gereist war. Ein Putsch, den Cruyff eiskalt konterte: Er zog vor Gericht, das ihm recht gab. Die Berufung van Gaals musste zurückgenommen werden.

Auch seine Krebserkrankung machte Cruyff nicht milde – wenige Wochen nach der Diagnose brach er mal wieder mit seiner "großen Liebe", wie er Ajax so oft nannte. Der Grund: Der Rauswurf des Leiters der Akademie, der die Schule nach den Ideen des großen Meisters leitete. "Seit Jahren stelle ich fest, dass der Kern meiner Vision bei Ajax nicht ausgeführt wird", beschwerte er sich öffentlich. Sein fußballerisches Vermächtnis aber, das wird bewahrt, überall dort, wo Cruyffistas trainieren. "Wir sind nur seinem Modell gefolgt", sagte ihr bekanntester Vertreter Pep Guardiola einmal. "Es wäre eine Sünde, wenn wir dies nicht weiterhin machen würden."

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Quelle: n-tv.de

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