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Montag, 25. September 2017

Zocker, Vorbehalte und Millionen: Der zähe Triumphzug des E-Fußballs

Von Christoph Rieke

BVB-Chef Watzke findet E-Sport "komplett scheiße". Erzrivale Schalke sieht das anders. Der Fußballklub gehört zu den deutschen Pionieren auf einem zukunftsträchtigen Markt. Schon jetzt kann ordentlich Geld verdienen, wer Spiele an der Konsole zockt.

Der FC Schalke 04 erringt in Dortmund die Meisterschaft - für jeden BVB-Fan klingt das wie der totale Alptraum. In der virtuellen Fußballwelt ist das im Frühjahr wahr geworden. Ganz offiziell. Da krönte sich Cihan Yasarlar vom königsblauen Erzrivalen im Finale der Bundesliga im Dortmunder Fußballmuseum zum Deutschen Meister - an der Playstation. Im realen Fußball hätte dieser Titelgewinn die vergangenen 60 Jahre auf den Kopf gestellt und tagelang die sportlichen Schlagzeilen beherrscht. Doch bislang wissen wohl nur E-Sport-Kenner, wer sich hinter dem Pseudonym "Cihan" verbirgt. E-Sportler wie "Cihan" sind keine klassischen Sportler wie Thomas Müller. Sie rennen nicht über Rasenplätze, sondern treiben ihren Sport im Sitzen.

Die Disziplinen im E-Sport
  • Im E-Sport gibt es drei Disziplinen: Strategiespiele wie "League of Legends", Ballerspiele wie "Counterstrike" und Sportsimulationen wie die Fußballspiele "Pro Evolution Soccer" ("PES") von Konami und "Fifa" von EA Sports.
  • In den USA und in Asien ist E-Sport besonders populär und bereits ein florierender Markt.
  • Bei den Asienspielen 2022 gehört E-Sport zum offiziellen Programm.

Im "Fifa"-Zocken ist "Cihan" nicht nur national, sondern auch in Europa das Maß aller Dinge. Im Februar gewann der 24-Jährige an der Playstation das "FUT Championship" und sackte ein Preisgeld von 20.000 US-Dollar (etwa 16.830 Euro) ein. Der deutsche Meistertitel zweieinhalb Monate später spülte 15.000 Euro in die Kasse des damaligen Schalkers, der nun für RB Leipzig daddelt. Beispiele wie die Finals in Paris und Dortmund verdeutlichen, dass E-Sport längst nicht mehr nur in Wohnzimmern und Shisha-Bars, sondern auch in Messehallen und Arenen betrieben wird - und ein zukunftsträchtiger Markt mit großen Gewinnaussichten ist.

"Ich finde das komplett scheiße"

Aktuell gibt es mit Schalke, dem VfL Wolfsburg dem VfB Stuttgart, RB Leipzig sowie neuerdings dem VfL Bochum nur fünf Profiklubs mit E-Sport-Abteilung. "E-Sports ist in Deutschland noch nicht so richtig angekommen", sagt Ex-Bundesligatrainer Robin Dutt im Gespräch mit n-tv.de. Der 52-Jährige berät unter anderem die Agentur eSportsReputation, die E-Sportler vermarktet und betreut. Für Dutt ist es "nur noch eine Frage der Zeit, dass auch die deutschen Vereine nachziehen". Allerdings sind die Vorbehalte in der Bundesliga groß.

Auf der Jahreshauptversammlung von Borussia Dortmund Ende November machte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke deutlich, wie viel er von E-Sport hält: "Das ist vielleicht modern. Ich finde das komplett scheiße." Gegen den Rivalen aus Gelsenkirchen ätzte er: "Es hat sich in der Vergangenheit bewährt, dass wir nicht alles das machen, was der FC Schalke 04 macht." Diese Aussagen mögen wenig souverän klingen - und sie verdeutlichen ein Akzeptanzproblem. Über die Frage, ob E-Sport als Sport bezeichnet werden kann, lässt sich trefflich streiten. Mitunter nimmt sie philosophische Dimensionen an.

Vielschichtiger Glaubenskampf

Fußballklubs mit "Fifa"-Abteilung

Diese nationalen und internationalen Klubs haben eine "Fifa"-Abteilung: Ajax Amsterdam, AS Monaco, AS Rom, Atletico River Plate (Argentinien), Bröndby Kopenhagen, Dynamo Kiew, FC St. Gallen, FC Nantes, FC Schalke 04, FC United Zürich, FC Valencia, Fenerbahçe Istanbul, Feyenoord Rotterdam, Heracles Almelo (Niederlande), Legia Warschau, Manchester City, New York City FC, Olympique Lyon, Panathinaikos Athen, RB Leipzig, Sampdoria Genua, Sporting Lissabon, VfB Stuttgart, VfL Wolfsburg, VfL Bochum, West Ham United.

Einer aktuellen Umfrage des Digitalverbands Bitkom zufolge müssen viele Menschen noch davon überzeugt werden, dass E-Sportler genauso viel Anerkennung wie klassische Sportler verdienen. Demnach sagte mehr als jeder fünfte Deutsche, dass E-Sport ebenso eine Sportart sei wie Fußball, Handball oder Schwimmen. Unter E-Gamern selbst war jeder Dritte dieser Meinung. Auch Dutt sieht das so. "Jeder, der mal eine ganze Woche lang eine Konsole sechs bis acht Stunden in der Hand hatte und 300 Anschläge pro Minute machen musste, wird einsehen, dass E-Sports eine Sportart ist", sagt er.

Argumentative Unterstützung erhält Dutt aus der Wissenschaft. Christopher Grieben von der Deutschen Sporthochschule Köln sagt im Gespräch mit n-tv.de: "Bei vergleichbaren Sportarten wie beispielsweise Bogenschießen oder Schach ist die körperlich-motorische Aktivität geringer als beim E-Sport." Grieben ist Teil eines Teams, das interaktiv zum Thema forscht. Nach dessen Erkenntnissen muss ein E-Sportler nicht nur Ausdauer und ausreichend Konzentrationsvermögen haben, sondern auch "in der Lage sein, im richtigen Spielmoment die mentale Stärke mitzubringen". In China, Russland, Finnland und Südkorea bedarf es keiner Überzeugungsarbeit mehr - dort ist E-Sport längst als Sportart anerkannt.

Zuschauermagnet im Internet

Um den Anschluss in der virtuellen Fußballwelt nicht zu verpassen, müssen sich die Bundesligisten beeilen. Das Rennen um die Gamerzunft hat längst begonnen. Internationale Klubs wie Manchester City, Ajax Amsterdam oder Legia Warschau mischen bereits im E-Sport-Geschäft mit. Dabei geht es wie beim realen Pendant nicht nur um Kohle. Der Einstieg in den E-Sport bietet den Klubs die Chance, junge Menschen für sich zu gewinnen. Schon jetzt haben virtuelle Fußballspiele ein Millionenpublikum. Die Videoübertragungen auf Portalen wie Twitch oder Youtube sind kostengünstige Werbung für die Vereine.

Der Deutsche Fußball-Bund tut sich wie die Klubs noch schwer damit, den E-Sport in seine Strukturen einzubinden. Zwar hat der Verband mit "Fifa"-Produzent EA Sports einen umfangreichen Deal. Dieser beinhaltet nicht nur die Lizenzrechte für die Bundesliga, sondern ab "Fifa18" auch für den DFB-Pokal und die 3. Liga - und das, obwohl der DFB-Chef offenbar genauso wenig von E-Sport hält wie Watzke: "Ich sage immer: Kabinenschweiß riechst du nicht auf Facebook", sagte Reinhard Grindel. "Fifa"-Superstar "Cihan" dürften solche Aussagen wenig stören. Branchenkennern zufolge soll er ein sechsstelliges Gehalt beziehen - nun bei einem Arbeitgeber, der auch den realen Fußball auf den Kopf stellt.

Hier gelangen Sie zum n-tv Extra zum Thema E-Sport.

(Foto: Christoph Wolf / n-tv.de)

Quelle: n-tv.de

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