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Eher gereizt: Arjen Robben und Robert Lewandowski.
Eher gereizt: Arjen Robben und Robert Lewandowski.(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 14. September 2017

Brandherde beim FC Bayern: Die gefährliche Mia-san-Egoisten-Mentalität

Von Tobias Nordmann

Vorbei ist die Geschlossenheit beim FC Bayern. Die Stars fahren ungewohnte Ego-Trips. Die Führung weiß damit nicht umzugehen und der Trainer verliert seine große Stärke. Immerhin gibt es einen Plan B, der dem Klub extern angetragen wird.

Julian Nagelsmann hat ein offenbar sehr feines Gespür. So griff der Trainer der TSG Hoffenheim am Mittwoch zu seinem Handy, suchte den Kontakt Carlo Ancelotti heraus und schrieb eine SMS: "Das hat eine größere Rolle gespielt, als von mir gewollt. Tut mir leid, dass diese Aussagen von mir so große Wellen geschlagen haben." Später äußerte sich der 30-Jährige noch einmal auf der Pressekonferenz vor dem Europaliga-Debüt seines Klubs gegen Sporting Braga (ab 19 Uhr im Liveticker bei n-tv.de). Er wolle eine Fehlinterpretation vermeiden, seiner Aussage, dass "der FC Bayern mich vielleicht noch ein Stück glücklicher machen würde." Dieser Satz, sagte Nagelsmann, habe gar keinen aktuellen Bezug.

Hoch die Tassen: Carlo Ancelotti im Kreise seiner Liebsten.
Hoch die Tassen: Carlo Ancelotti im Kreise seiner Liebsten.(Foto: imago/kolbert-press)

Man kann das diesem Trainer schon glauben, der in seiner Person und seinen Sprüchen ein ganz anderer Typ ist als seine Alles-okay- oder Wir-schaffen-das-Kollegen. Blöd für den gehypten Coach ist allerdings das Timing seiner Sätze. Der FC Bayern, den er umschmeichelt und der ihm gerne auch mal zurückschmeichelt, eiert derzeit durch die schwerste Klub-Krise seit vielen Jahren. Vielleicht seit 2009, als Philipp Lahm mit einem kritischen Weckruf-Interview in der "Süddeutschen Zeitung" den erfolgreichen Weg des Rekordmeisters subtil, aber erfolgreich ebnete. Thomas Müller ist unzufrieden, Robert Lewandowski eigensinnig, Arjen Robben dünnhäutig, Franck Ribéry wieder einmal wütend und - das ist richtig gefährlich für eine Fehlinterpretation der Aussagen Nagelsmanns - Coach Ancelotti wegen Planlosigkeit angezählt.

Jedes einzelne Problemchen ist in normalen Zeiten mit überschaubarem Aufwand wegzumoderieren. Die Dichte aber - keine drei Wochen liegen sie auseinander - setzt dem Verein zu. Und er tut sich sehr schwer damit, eine Lösung zu finden. Nicht nur der Kader driftet gerade auseinander. Auch die Führungsspitze verliert ihren Zusammenhalt. Das ehemals quasi-monarchische Ober-Alphatier Uli Hoeneß gibt sich gelassen, Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge tobt und der öffentlich hinterfragte, von den Granden aber als Ideallösung präsentierte Sportchef Hasan Salihamidizic stolpert ungelenk durch das Spannungsfeld zwischen Klartext und Harmonie.

Der FC Bayern ist bequem geworden

Der FC Bayern droht sich selbst zu entgleiten. Und er findet den Schuldigen ganz bei sich. Im Verlust der eigenen Identität. Denn vieles, was da aktuell kritisiert wird, gleicht fatal den Verhältnissen im Jahr 2009. Mindestens zwei der verdichteten Sätze des jungen Philipp Lahm - (1) Der FC Bayern hat keine Spielphilosophie und (2) Hinter den Spieler-Verpflichtungen ist kein System zu erkennen - klingen wie eine aktuelle Situationsbeschreibung. Auch wenn seinerzeit, als der Außenverteidiger zum Führungsspieler wuchs, die Saison schon deutlich weiter fortgeschritten war. Und sportlich ist die Situation in München nach zwei Siegen und einer Niederlage in der Liga, einem erfolgreichem Auftakt in DFB-Pokal und Champions League auch alles andere als bedrohlich. Was aber wirkt wie ein Knockout, der bleibende Schäden verursachen könnte, ist die scheinbar vom "Mia-san-mia" zur, wie die "Süddeutsche Zeitung" schreibt, "Mia-san-ich" transformierte Haltung im Klub.

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Die gefährliche Wandlung offenbart sich nun in aller Härte. Und angesichts der öffentlich vermuteten Hilflosigkeit der Verantwortlichen, wirkt sie wie ein plötzlich heftiges Erdbeben in einer doch eigentlich erdbebenimmunen Region. In Wahrheit allerdings hat sich die Wucht über Jahre hinweg aufgestaut. Berauscht vom Triple unter Jupp Heynckes und dem Genussfußball unter Josep Guardiola wurden viele Spieler besser, der Kader aber immer älter und der Klub immer bequemer. Nachfolger für die alternden Stars um Arjen Robben, Franck Ribéry, Xabi Alonso und Lahm wurden zwar verpflichtet, erwiesen sich aber entweder als untauglich oder wurden auf die post-glorreiche Zeit der Giganten vertröstet.

Nagelsmann jedenfalls steht bereit

So trifft nun in München etwas aufeinander, was eigentlich nicht aufeinander treffen sollte. Eine Mannschaft, die nach den schwer zu verkraftenden Abgängen von Alonso und Lahm dringend eine neue Struktur, eine klare Spielidee nötig hat. Junge Spieler, die Anleitung und Zeit für ihre neuen Rollen brauchen. Stars, alternd und brutal versessen auf Erfolg wie Ribéry und Robben, aggressiv-hungrig auf ihren letzten großen Titel oder süchtig nach ihrem ersten überhaupt wie Lewandowski. Das ganze angeleitet von einem Trainer, der großartige und allgemein anerkannte Kompetenzen hat, der funktionierende Ensembles wie Real Madrid oder den AC Mailand zu den wichtigsten Trophäen des internationalen Vereinsfußballs moderierte, der aber nie den Nachweis erbringen konnte, Umbrüche zu gestalten. Dass er mit Müller auch noch den Vorzeigen-Buben des Klubs als eher überflüssig ausmacht, dürfte wenig hilfreich sein.

Der "Kicker" berichtet nun, dass Ancelotti zudem noch seine Lieblingsspieler protegiert, ungeachtet ihrer Form. So deutet sich an, dass der von Madrid im Sommer geholte James Rodriguez trotz mehr oder weniger spielfreien Jahren bei Real im Mittelfeld endgültig Thomas Müller als Stammkraft verdrängt. Weil der Kolumbianer fast ausschließlich zentral-offensiv eingesetzt werden kann, rückt der ebenfalls sehr geschätzte Feingeist Thiago zurück, auf die Position, die das defensive Stabilitätsmonster Arturo Vidal in den vergangenen Jahren erfolgreich beackerte. Weil auch Javi Martinez den Trainer überzeugt, droht in der Innenverteidigung mit den Weltmeister Jérôme Boateng und Mats Hummels der nächste Konflikt.

Wie wenig sich das Stimmungstief der Leistungsträger mit der Formschwäche der Trainerlieblinge verträgt, das zeigte die Mannschaft beim Champions-League-Auftakt gegen den RSC Anderlecht (3:0), als sie zwar stark begann, dann aber ebenso radikal abbaute, ohne Teamgeist, Elan und Spaß spielte - wie in der Liga bei der Niederlage (0:2) gegen taktisch clevere, freudvolle, laufbereite und leidenschaftliche Hoffenheimer. Da wartet, um es so neutral wie möglich zu formulieren, viel Arbeit auf Trainer Ancelotti, der bisher jegliche Kritik an sich abperlen lässt, sich aber schon über die Heftigkeit der öffentlichen Attacken beklagt. Eines aber steht fest: Was auch immer nun in München geschieht; und was auch immer Nagelsmann zu seinen Aussagen bewogen haben mag - beim FC Bayern wissen sie spätestens jetzt: Er steht bereit.

Quelle: n-tv.de

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