Sport
Endlich angekommen in München: Arturo Vidal.
Endlich angekommen in München: Arturo Vidal.(Foto: imago/ActionPictures)

CL-Gipfel gegen Juve: "Feldherr" Vidal führt Bayern in die Schlacht

Von Tobias Nordmann

Eventuell ein bisschen zu dick, möglicherweise ein bisschen zu viel Alkohol und sicher ein bisschen zu wenig Leistung: Bis zum Beginn der Rückrunde ist Arturo Vidal das Sorgenkind des FC Bayern. Dann passiert etwas Bemerkenswertes.

Juventus Turin kommt nach München, die Fußballwelt hofft auf einen Champions-League-Kracher im Achtelfinal-Rückspiel gegen den FC Bayern (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de). Nur Josep Guardiola leidet. Allerdings nicht, weil seine kurze Ära in München bei einem durchaus möglichen Aus mit dem Makel des Unvollendeten behaftet wäre. Den Katalanen quält, dass er auch gegen einen Klassegegner wie Vorjahresfinalist Juventus nur elf Spieler in die Anfangsformation stellen darf - was bei einem Luxuskader wie dem der Münchner zwangsläufig Härtefälle bedeutet, Mario Götze lässt grüßen. Auf den Umstand angesprochen, dass er vier Topstars auf die Bank setzen muss, klagte Guardiola: "Ich liebe meinen Beruf, aber ich hasse diese Situation."

Video

Einer, der sich vor dem Duell gegen Juventus keine Sorgen um seinen Platz in der Anfangsformation machen muss, lief in der vergangenen Saison noch für die Italiener auf - und würde heute womöglich immer noch dort spielen, wenn es nach Guardiola gegangen wäre. Denn so richtig glücklich war der Bayern-Trainer im Sommer 2015 nicht mit der Verpflichtung von Arturo Vidal. Er wollte lieber einen Rechtsverteidiger, um den spielstarken und intelligenten Philipp Lahm weiter im zentralen Mittelfeld aufstellen zu können. Doch der FC Bayern München investierte in Mittelfeldmann Vidal, einen "Krieger", einen Zerstörer. Keiner, der den Ball mit den Füßen umscheichelt, wie es Guardiola so sehr liebt, sondern das genaue Gegenteil.

Destruktives für die Kreativlinge

Der Plan der Bayern-Bosse hinter dem 37-Millonen-Euro-Transfer: Vidal sollte das so kreative und verspielte Bayern-Ensemble um die Komponente "destruktiv" erweitern. Das klappte auch auf Anhieb, allerdings zunächst anders als in München erwünscht. Denn destruktiv wurde es nicht auf dem Rasen, sondern destruktiv waren die Leistungen und die Schlagzeilen, die der dauerumstrittene Chilene produziert. Von der Copa America kommt er mit der Empfehlung des Titelgewinns, aber auch mit einem im Suff zu Schrott gefahrenen Ferrari.

Zu Beginn der Rückrunde gab es dann Medienberichte, die sich ausgiebig mit der Standfestigkeit des 28-Jährigen an den hiesigen Tresen beschäftigten. Und dann sollte Vidal auch noch ein bisschen zu mopsig aus dem Winterurlaub zurückgekehrt sein. Die Bilanz des teuersten Sommer-Neuzugangs in München, sie liest sich bis Ende Januar ziemlich vernichtend. Trotzdem stellte sich Sportdirektor Matthias Sammer demonstrativ vor den Spieler, grätschte die Medien in bester Vidal-Manier um - und darf sich sechs Wochen später bestätigt fühlen.

Ein Feldherr für die Feingeister

Der "Krieger" wird plötzlich als jener Feldherr gepriesen, der er bei Münchens Champions-League-Gegner Turin war, als torgefährlicher Antreiber und kompromissloser Abräumer. Als Mann zwischen den Linien, der Löcher stopft, austeilt, grätscht und sich bei den Gegenspielern unbeliebt macht. Als perfekte Ergänzung für die fußballerischen Feingeister um ihn herum, um in hitzigen Europacup-Duellen zu bestehen. Und auch Guardiola ist mittlerweile froh, den wiedererstarkten Vidal im Kader zu haben. "Er ist ein Spieler mit großer Erfahrung. Arturo hat keine Angst", lobte Guardiola während der Pressekonferenz vor dem Königsklassen-Gipfel. "Er war die letzten Spiele top."

Video

Nun ist ja bekannt, dass der spanische Trainer seine Spieler gerne überdurchschnittlich überschwänglich lobt. Und je überdurchschnittlich überschwänglicher er lobt, desto größer ist die Gefahr, sich am Spieltag lange, sehr lange warmlaufen zu dürfen. Doch bei den Worten über Vidal schwingt offenkundig auch eine große Erleichterung des Katalanen mit. Denn seit seinem Amtsantritt in München im Sommer 2013 hat dem FCB ein "Aggressiv-Leader" mit dem Format eines Mark van Bommel gefehlt. Xabi Alonso mag der Meister des taktischen Fouls sein. Einer, der einfach mal dazwischenhaut, der eine gelbe Karte provoziert um sich Respekt zu verschaffen, um die Mitspieler aufzuwecken, ist er nicht.

Vidal - und wer noch?

Vidal schon. Der Chilene hatte den spanischen Altstar im Hinspiel in Turin (2:2) aus der Anfangsformation verdrängt und gab den Abräumer vor der Abwehr überzeugender und dynamischer. In der Liga gegen Bremen durfte Alonso am Samstag nur ran, weil Vidal für Juventus geschont wurde. Dennoch bleibt es für Guardiola eine Option, Vidal und Alonso gemeinsam auf die Doppelsechs zu stellen. Im Bundesliga-Gipfel in Dortmund hatte diese Taktik dem BVB in der zweiten Halbzeit jede offensive Durchschlagskraft genommen, zudem zeigte Vidal dort immer wieder eine andere Qualität aus seiner Zeit in Italien: Torgefahr.

Die würde allerdings auch Guardiolas Lieblingsschüler Thiago als virtuoser Dirigent der Münchner Luxusoffensive garantieren, die sich rechtzeitig zu den Topspielwochen wieder kollektiv einsatzbereit gemeldet hat. Nur Arjen Robben kränkelt und droht auszufallen, der Niederländer wäre neben Robert Lewandowski und Thomas Müller sicher gesetzt. Für den verbleibenden Platz im Mittelfeld stehen neben Götze noch die als Top-Transfers gefeierten Douglas Costa und Kingsley Coman sowie Franck Ribéry bereit. Ein knallharter Konkurrenzkampf. Vidal ist außen vor. Das ist wirklich bemerkenswert.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen