Sport
"Meine Sorge ist nicht das Papier. Meine Sorge gilt dem Einstellungswandel": Mark Pieth.
"Meine Sorge ist nicht das Papier. Meine Sorge gilt dem Einstellungswandel": Mark Pieth.(Foto: imago/Zink)

Interview mit Mark Pieth: Fifa? "Alte Männer, die Geld verteilen"

Fünf Kandidaten treten an diesem Freitag in Zürich an, um sich auf dem außerordentlichen Kongress der Fifa zum Präsidenten der Fifa wählen zu lassen und somit dem gesperrten Joseph Blatter als Chef des Fußball-Weltverbandes zu folgen. Die Delegierten der 209 Mitgliedsländer haben "lediglich die Wahl zwischen Leuten, die alle nicht ernsthaft für den Aufbruch stehen", sagt Mark Pieth, Strafrechtler und Experte für Korruptionsbekämpfung.

n-tv.de: Der Weltfußballverband Fifa wählt am Freitag in Zürich einen neuen Präsidenten. Für welchen der fünf Kandidaten würden Sie sich entscheiden?

Mark Pieth: Das ist eine ganz schwierige Frage, weil aus meiner Perspektive alle fünf nicht besonders attraktiv sind. Deshalb hatte ich auch für einen Übergangskandidaten optiert. Wenn ich denn müsste, wäre wahrscheinlich Jérôme Champagne mein Kandidat.

Mark Pieth

Mark Pieth, geboren 1953, ist Professor für Strafrecht an der Universität in Basel. In seiner Karriere beschäftigte er sich u.a. für die Schweizer Regierung und die OECD mit Korruption, Geldwäsche und Organisierter Kriminalität. Von November 2011 bis Ende 2013 saß er der IGC vor, der unabhängigen Governance-Kommission der Fifa. Sie sollte Vorschläge zur Verbesserung der Führung und der Transparenz in der Fifa erarbeiten. Für ihre Arbeit wurden die Mitglieder von der Fifa bezahlt. "Ich habe mich mit dem IGC immer in einer Geburtshelferrolle gesehen. Es sind jetzt in die Fifa unabhängige Governance-Strukturen gepflanzt worden, die können", sagte er nach seinem Rücktritt.

Warum?

Er ist, was die Reformen betrifft, noch am klarsten und glaubwürdigsten. Diejenigen, die die größten Aussichten haben, sind leider auch diejenigen, die mir am wenigsten entsprechen. Ich kann das kurz begründen und beginne mit Scheich Salman aus Bahrein: Er hat tatsächlich ein Problem, weil er das Thema Menschenrechte nicht los wird - und selber auch nichts unternommen hat, um sie loszuwerden. Er hätte sich für eine Untersuchung zur Verfügung stellen und sagen können: Ich habe nichts zu befürchten. Das tut er nicht. Er distanziert sich auch nicht von den Geschehnissen 2011, als die Machthaber in seinem Land den Arabischen Frühling niedergeknüppelt und niedergeschossen haben.

Und Gianni Infantino, der zweite Kandidat mit ernsthaften Erfolgsaussichten?

Er ist der brave Europäer - und steht für mich für "more of the same". Er ist praktisch das System Blatter, er verspricht einfach noch mehr Geld für alle. Und hat in der Vergangenheit nicht als großer Reformer brilliert. Vielmehr hat er Michel Platini geholfen, dem inzwischen gesperrten Präsidenten der Uefa, die Reformen im entscheidenden Moment zu torpedieren.

Es wird der Nachfolger des ebenfalls gesperrten Joseph Blatter gesucht und mutmaßlich auch gefunden. Sie haben 2013 im Interview mit uns gesagt, ohne Blatter tue sich in der Fifa zehn Jahre lang nichts. Jetzt ist er weg - wie geht es weiter?

Damals war nicht abzusehen, dass die staatlichen Strafverfolger aus den USA und der Schweiz sich derart einmischen würden. Inzwischen haben wir eine völlig andere Situation. Mit diesem Damoklesschwert, das über dem Verband schwebt, wird sich in der Fifa etwas tun müssen. Ich glaube, dass die Reformen - in der Papierfassung jedenfalls - durchgehen werden. Meine Sorge ist nicht das Papier. Meine Sorge gilt dem Einstellungswandel.

Er ist weg, sein System bleibt: Joseph Blatter.
Er ist weg, sein System bleibt: Joseph Blatter.(Foto: imago/EQ Images)

Sind die Reformen wichtiger als die Wahl der Person, die dann Präsident sein wird?

Das gehört zusammen. Man muss die Reformen vollziehen. Ganz wichtig ist die Trennung zwischen einem dann eher strategischen, politischen Präsidenten auf der einen Seite und auf der anderen Seite einem Generalsekretär, der sich um das Tagesgeschäft kümmert. Das ist eine Grundvoraussetzung für gute Governance, für gute Unternehmensführung. Aber: Man kann auch als Aufsichtsratsvorsitzender, wenn sie diese Analogie nehmen, sehr stark sein und sich sehr stark ins Tagesgeschäft einmischen. Ich hatte gehofft, dass wir jemanden haben, der als Person ernsthaft für Demokratie, Transparenz und Verantwortlichkeit stehen würde. Doch die Person sehe ich nicht unter den Kandidaten.

War diese Hoffnung realistisch, wenn die Kandidaten aus dem System Fifa kommen?

Was heißt das, aus dem System heraus kommen? Wenn man ein Adlatus von Blatter war, sein großer Freund, dann ist das Risiko groß, dass man nach seinem System weitermacht. Aber es gibt auch Repräsentanten des Fußballs - ich denke an Michael van Praag und Greg Dyke, den niederländischen und den englischen Verbandschef -, die sich durchaus zur Verfügung hätten stellen können und nicht vom System Blatter vereinnahmt waren.

Sie haben Blatter kürzlich "Sonnenkönig" genannt - hat er sie in ihrer Zeit als Vorsitzender der Governance-Kommission der Fifa mehr getäuscht oder enttäuscht?

Es war damals schon klar, dass er als Autokrat aufgetreten ist. Den Sonnenkönig habe ich bezogen auf seine Bemerkung, dass er über dem Recht stehe und vom Ethikkomitee nicht angreifbar sei. Also die Vorstellung: Ich bin nur dem Korngress etwas schuldig - das hat mich erinnert an Ludwig XIV., der gesagt hat: Der Staat bin ich. Was wollt ihr eigentlich?

Sie sträuben sich gegen den Begriff Mafia für die Fifa. Wann haben sie während ihrer Reformarbeit gemerkt, dass es sich um eine kriminelle Vereinigung handelt?

Ich habe die Fifa immer als Patronage-Netzwerk bezeichnet - das halte ich für viel präziser. Mafia hat die Konnotation von "Leute notfalls umbringen". Das verfehlt die Realität. Es gibt keine physische Gefahr für die Personen. Das Problem ist, dass alte Männer systematisch Geld verteilt haben, als ob es ihnen persönlich gehören würde.

Ist die Fifa denn überhaupt reformierbar?

Die Radikalphantasien, die Fifa abzuschaffen und neu zu gründen, sind nicht sonderlich realistisch. Die Fifa wird sich reformieren müssen. Das wird halt schlecht und recht und über längere Zeit hin geschehen.

Also haben die Delegierten die Wahl zwischen schlecht und nicht ganz so schlecht?

Die Wahl ist relativ unattraktiv. Man hat lediglich die Wahl zwischen Leuten, die alle nicht ernsthaft für den Aufbruch stehen. Das ist enorm schade. Man hätte es tatsächlich in der Hand gehabt, nun einen Strich zu ziehen und neu zu beginnen. Leider sieht es nicht danach aus.

Mit Mark Pieth sprach Stefan Giannakoulis

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen