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(Foto: dpa)

Niersbach droht Ämterverlust: Fifa-Ethiker untersuchen WM-Vergabe 2006

Wie die deutschen Bewerber um Franz Beckenbauer die Fußball-WM 2006 akquiriert haben, beschäftigt nun auch die Fifa-Ethikkommission. Sie ermittelt unter anderem gegen Ex-DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Der könnte Fifa- und Uefa-Posten verlieren.

Wolfgang Niersbach droht das endgültige Aus, Franz Beckenbauer und Co. müssen auch noch einmal zittern: Die Macher des Sommermärchens sind endgültig ins Visier der Fifa-Ermittler geraten. Der Fußball-Weltverband wird den Skandal um die Vergabe der WM 2006 noch einmal aufrollen. Während Beckenbauer und Kollegen "nur" einen weiteren Imageschaden befürchten müssen, geht es für Niersbach im schlimmsten Fall einer Sperre um den Verlust seiner lukrativen Posten im Weltfußball.

"Selbstverständlich werde ich in diesem Verfahren in jeder Hinsicht kooperieren und die Untersuchungen der Ethik-Kommission, in deren Arbeit ich uneingeschränktes Vertrauen habe, unterstützen", sagte Niersbach und bemühte sich, das Verfahren kleinzureden: "Dabei geht es, was meine Person betrifft, ausschließlich um einen möglichen Verstoß aus dem Jahr 2015 gegen die Meldepflicht." Allerdings hatte er wegen dieses Verstoßes sein Amt als DFB-Präsident niederlegen müssen.

Nun leitete deshalb auch die Fifa-Ethikkommission ein formelles Verfahren gegen ihn ein. Die Ermittler um den Schweizer Cornel Borbély werfen Niersbach und auch Ex-DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock vor, der Fifa mögliche Verstöße gegen den Ethikcode des Verbands nicht gemeldet zu haben.

Zwanziger: Fifa ist befangen

Der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger will sich in der WM-Affäre gegen die Ermittlungen der Fifa-Ethikkommission zur Wehr setzen. "Ich bin sehr verwundert und weise die Anschuldigungen in aller Deutlichkeit zurück", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. "Im Freshfields-Report findet sich keine einzige Stelle, die ein solches Verfahren gegen mich trägt." Als Konsequenz will Zwanziger nun den Leiter der Ethikkommission, Cornel Borbély, "wegen des Verdachts der Befangenheit ablehnen". Außerdem empört er sich darüber, dass die Fifa bei ihren Untersuchungen gravierende Unterscheidungen vornimmt und erneuerte seine Vorwürfe gegen seinen Nachfolger beim DFB, Wolfgang Niersbach. "Jeder, der den Freshfields-Report gelesen hat, weiß, dass ich in dieser Affäre seit 2012 aufklären wollte", sagte Zwanziger. "Wolfgang Niersbach war von Anfang an dabei, hat keinerlei Aufklärungsschritte vorgenommen und über mehrere Monate im Sommer 2015 sein eigenes Präsidium getäuscht. Und jetzt soll er offenbar mit Samthandschuhen angefasst werden? Da stimmt doch etwas nicht."

Verdächtige Zahlungen geprüft

Zudem ermitteln die Ethiker gegen OK-Chef Franz Beckenbauer, Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger, den früheren Generalsekretär Horst R. Schmidt und den einstigen stellvertretenden Generalsekretär Stefan Hans. Grund ist neben Verletzung der Meldepflichten der Verdacht auf Schmiergeld- und Korruptionsdelikte rund um die WM-Vergabe, mit denen im Bewerbungsprozess mögliche Vorteile erlangt werden sollten. Dabei geht es um das Verschwinden von Millionen Richtung Katar über ein Beckenbauer-Konto, aber auch um einen von der aktuellen DFB-Spitze als "Bestechungsversuch" gewerteten Vertrag mit Ex-Fifa-Funktionär Jack Warner. Diesen hatte Beckenbauer unterzeichnet. Das eingeleitete Verfahren ist das Ergebnis einer "eingehenden Begutachtung" des Freshfields-Reports, der am 4. März veröffentlicht worden war.

Die Fifa teilte zudem mit, dass durchaus weitere Verstöße hinzukommen können, sobald neue Informationen zu Tage treten sollten. Dazu könnten auch neue Fakten zum brisanten Vertragsentwurf mit Warner (Trinidad und Tobago) gehören.

Hoch dotierte Funktionärsposten

Chef-Ermittler Borbély, so die Mitteilung der Fifa, werde "sämtlichen Hinweisen" auf verdächtige Handlungen nachgehen und zu gegebener Zeit seine Erkenntnisse der rechtsprechenden Kammer übermitteln. Bis zur Verkündung eines endgültigen Urteils gelte die Unschuldsvermutung. Auch für Niersbach, der seine Ämter im neu geschaffenen Rat des Weltverbandes und im Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union (Uefa) behalten will und als einziger der Beschuldigten noch Posten verlieren könnte, sehr gut dotierte. Der 65-Jährige kassierte allein im vergangenen Jahr für seinen Job bei der Fifa 270.000 Euro.

Nun könnte er über Artikel 18 des Ethik-Codes der Fifa stolpern. "Diesem Reglement unterstellte Personen", heißt es darin, "müssen ein mögliches Vergehen gegen dieses Reglement umgehend dem Sekretariat der Untersuchungskammer der Ethikkommission melden". Und genau das hatte Niersbach im Sommer 2015 bewusst unterlassen, als er laut eigener Aussage erstmals von den Unregelmäßigkeiten rund um die 6,7 Millionen Euro erfahren hatte. Gegen den Rat seiner Vertrauten unterrichtete er damals weder die Fifa noch seine Präsidiumskollegen im DFB.

Fakt ist: Im Endeffekt bezahlte der DFB diesen Betrag im Jahr 2005 an den früheren adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus, weil exakt diese Summe über den Umweg der Vorleistungen des WM-Chefs Franz Beckenbauer und Louis-Dreyfus im Jahr 2002 nach Katar überwiesen wurde. Auf die Frage nach dem Grund für den Geldfluss wird derzeit über drei mögliche Antworten spekuliert:

  1. Das Geld wurde zum Kauf einer oder mehrerer Stimmen aus Asien benutzt, damit Deutschland den Zuschlag für die WM-Endrunde erhält. Der oder die Empfänger hätten dann allerdings lange auf ihre Gegenleistung warten müssen, da über das Austragungsland schon zwei Jahre zuvor im Exekutivkomitee des Weltverbandes Fifa (12:11 gegen Südafrika) abgestimmt wurde.
     
  2. Mit den Millionen wurde der Wahlkampf des damaligen Fifa-Präsidenten Joseph S. Blatter finanziert. Doch auch das wäre rückwirkend gewesen, da Blatter schon kurz vor der Überweisung im Jahr 2002 wiedergewählt wurde.
     
  3. Das Geld war eine Art Provision für den früheren Fifa-Skandalfunktionär Mohamed bin Hammam, der mittlerweile lebenslang gesperrt ist. Damit sollte sichergestellt werden, dass das damalige Mitglied der Fifa-Finanzkommission für eine Aufstockung des WM-Zuschusses auf die am Ende gezahlten 170 Euro Millionen sorgt.

Quelle: n-tv.de

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