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Sperre für korrupte Funktionäre: Fifa lässt Milde walten

von Christoph Wolf

Der Fußball-Weltverband Fifa verhängt im Korruptionsskandal um die WM-Vergabe 2018 und 2022 mehrjährige Sperren gegen sechs Funktionäre, allerdings nur auf Zeit. Die Bewerber werden nicht belangt, die WM-Vergabe am 2. Dezember findet statt. Härter als mit den korrupten Funktionären geht die Fifa mit den Aufdeckern des Skandals ins Gericht.

Claudio Sulser, Chef der Fifa-Ethikkommission.
Claudio Sulser, Chef der Fifa-Ethikkommission.(Foto: dpa)

Ein Umfeld, das Franz Beckenbauer inzwischen peinlich sein muss, hat der Journalist und Fifa-Kenner Thomas Kistner das Exekutivkomitee des Fußball-Weltverbandes Fifa kürzlich genannt. Grund waren die von der "Sunday Times" aufgedeckten korruptiven Machenschaften, denen einige Mitglieder neben ihrer gutbezahlten Funktionärstätigkeit bei aktuellen und vergangenen WM-Vergaben nachzugehen pflegen und die einer Lichtgestalt doch unwürdig sind. Zwar wurden auch zu Beckenbauers Fifa-Vita und seiner Rolle im deutschen Bewerberkomitee für die Endrunde 2006 kritische Nachfragen laut. Doch anders als im Fall Amos Adamu (Nigeria) und Reynald Temarii (Tahiti) wurden keine Verfehlungen in Wort, konkreten Summen und Videos dokumentiert und unmittelbar vor einer WM-Vergabe öffentlich diskutiert.

Während Beckenbauer kürzlich seinen freiwilligen Abschied aus dem Exekutivkomitee angekündigt hat, werden Adamu und Temarii gegangen, zumindest auf Zeit. Die Fifa-Ethikkommission wertete die Bereitschaft der Funktionäre, ihre Stimmvergabe bei der Abstimmung über die WM-Austragungsorte 2018 und 2022 von finanziellen Zuwendungen abhängig zu machen, als Verstoß gegen mehrere Artikel der Fifa-Ethik-Regeln. Temarii wurde für ein Jahr, Adamu für drei Jahre gesperrt. Für immer verbannt aus dem Schoß der Fifa-Familie wurden sie nicht.

Für eine bessere Welt

Korrupt: Amos Adamu, suspendiertes Fifa-Exekutivmitglied.
Korrupt: Amos Adamu, suspendiertes Fifa-Exekutivmitglied.(Foto: dpa)

Neben den beiden korrupten Exekutivmitgliedern wurden wurden die korrupten Funktionäre Slim Aloulou, Ahongalu Fusimalohi, Amadou Diakite und Ismael Bhamjee für jeweils zwei bis vier Jahre suspendiert. Zudem müssen alle sechs Betroffenen eine Geldstrafe von 5000 bis 10.000 Schweizer Franken zahlen. Gegen die WM-Bewerber wird es keine Sanktionen geben. Die gemeinsame Kandidatur von Spanien und Portugal sowie die Bewerbung Katars wurden von Vorwürfen der Absprache freigesprochen, weil keine ausreichenden Beweise vorlägen.

"Diese Entscheidungen mussten getroffen werden, und ich glaube, dass unsere Entscheidungen Wirkung zeigen", sagte der Fifa-Chefethiker Claudio Sulser auf einer Pressekonferenz in Zürich. Man könne die Welt nicht von einen Tag auf den anderen verbessern, "aber wir können damit anfangen". Tag und Nacht habe die Kommission gearbeitet, seit die sechs Funktionäre am 20. Oktober vorläufig suspendiert worden waren.

Die nun verhängten Strafen sollen laut Sulser der erste Schritt sein zu einer besseren Welt, der Fifa-Slogan lautet ja auch ganz unprätentiös "For the Game, for the World". Am 2. Dezember werden nun also nur 22 statt 24 Exekutiv-Mitglieder in Zürich über die Vergabe der WM-Endrunden 2018 und 2022 entscheiden. Für die WM 2018 haben sich Belgien/Niederlande, Spanien/Portugal sowie England und Russland beworben. Die WM vier Jahre später wollen Australien, Japan, Südkorea, Katar und die USA austragen. Nach der Abstimmung sollen die vakanten Exko-Posten besetzt werden. Temporär, weil eine Rückkehr von Adamu und Temarii in den Kreis der Fifa-Familie keineswegs ausgeschlossen ist. Ermittlungen von externen Strafbehörden muss die Fußball-Weltverband nicht fürchten, die Bestechung von Fifa-Funktionären ist in der Schweiz erlaubt.

Schelte für die kritischen Medien

So wohlwollend Sulsers Äußerungen zu den Fifa-Funktionären ausfielen, so kritisch war seine persönliche Ansprache an die anwesenden Journalisten, die die "Neue Zürcher Zeitung" in Auszügen dokumentierte. Er respektiere deren Arbeit zwar, sagte Sulser, weil Medien "für die Demokratie in einem Land" wichtig seien. Im Fußball, davon ist Sulser aber überzeugt, wollten die Menschen "Freude erfahren" und nicht mit pikanten Enthüllungen behelligt werden. Auch Fifa-Präsident Sepp Blatter hatte zuvor schon beklagt, dass die Funktionäre von der "Sunday Times" hereingelegt worden seien.

Geradezu brüskiert war Sulser davon, "wie oftmals Tatsachen verdreht werden". Geradezu brüskiert hätten die anwesenden Journalisten darauf reagieren müssen. Schließlich geht die Fifa seit Bekanntwerden der neuerlichen Affäre mit der Behauptung hausieren, Amadu und Temarii seien bedauerliche Einzelfälle. Tatsächlich ist ihr Verhalten nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Verfehlungen von Fifa-Funktionären - manipulierte Wahlen, Bestechungen, Vetternwirtschaft und Korruption - sind überaus gut dokumentiert. Etwa im Buch "Foul!" des englischen Journalisten Andrew Jennings oder im Blog seines deutschen Kollegen Jens Weinreich. Der stellte jüngst aus aktuellem Anlass eine Übersicht aller Exekutivmitglieder mitsamt ihrer Verfehlungen zusammen. Bei keinem der 24 Fifa-Granden blieb die Weste weiß.

Krude Fifa-Logik

Wie künftigen Korruptionsfällen in der Fifa vorgebaut werden könnte, ob der Weltverband künftig mehr Transparenz wagen wird, diese Themen sparten Sulser und Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke aus. Aus Trinidad und Tobago verlautete derweil, dass der britische Premierminister David Cameron den Fifa-Vizepräsidenten Jack Warner am kommenden Donnerstag zu einem Mittagessen in Zürich eingeladen hat. Warner ist gleichzeitig Präsident des Kontinentalverbandes Concacaf, der bei der Abstimmung am 2. Dezember drei Wahlmänner stellt - und die Skandalnudel schlechthin im Exekutivkomitee.

1998, als Blatter zum Fifa-Präsidenten gewählt wurde, ersetzte Warner einfach den verhinderten Jean-Marie Kyss aus Haiti mit seinem Vertrauten Neville Ferguson, der brav für Blatter stimmte. 2006 bereicherte sich Warner mit illegalen Ticket-Verkäufen in Millionenhöhe und durfte dennoch Exko-Mitglied bleiben. Zudem unterschlug er den für die "Soca Warriors", die Fußball-Nationalmannschaft von Trinidad und Tobago, bestimmten Anteil an den Sponsoreneinnahmen für die WM-Teilnahme in Deutschland.

Die im Zuge der Fifa-internen Ermittlungen ebenfalls überprüfte Frage, ob Doppelbewerbungen noch zeitgemäß seien, wurde übrigens mit Ja beantwortet. Der Weltverband verfolgt damit weiterhin seine eigene krude Logik. "Das Spiel ist schon eröffnet und man kann eigentlich nicht während eines Spiels die Regeln ändern", wurde das Festhalten an der Doppelvergabe begründet. Dass sich die Mitspieler nicht an die Regeln halten, stört den Weltverband nicht.

Quelle: n-tv.de

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