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Paul Gascoigne ist nicht nur in England eine lebende Legende.
Paul Gascoigne ist nicht nur in England eine lebende Legende.

Der Fußballwahnsinnige: Gascoigne, Englands letzter echter Superstar

Von Christoph Rieke

Paul Gascoigne zählt noch immer zu den genialsten Fußballern überhaupt, einen wie ihn vermisst Englands Team. Doch vom brillanten Mittelfeldspieler ist nicht mehr viel übrig. Sein Genie hat der Kindskopf "Gazza" an den Wahnsinn verloren.

Ein Nationalspieler hat eine Vorbildfunktion. Wilde Partys gehören sich nicht, sich dabei auch noch ablichten zu lassen, ist verboten. So sieht das zumindest Bundestrainer Joachim Löw - und schmiss Wolfsburgs Max Kruse vor dem Spiel gegen England aus dem Kader. Beim Gegner von der Insel kann man über solch eine Aktion nur müde lächeln. In den 1990er Jahren hatten die "Three Lions" einen Partylöwen in ihren Reihen, gegen den Max Kruse wie ein braver Schuljunge daherkommt: Paul Gascoigne.

Auf der Insel wird man mit Wehmut an ihn denken, wenn es ab 20.45 Uhr im Berliner Olympiastadion zur Neuauflage des Fußballklassikers Deutschland gegen England kommt. Zwar macht man sich im Mutterland des Fußballs vor der EM in Frankreich so große Titelhoffnungen wie schon lange nicht mehr. Doch dem Team mangelt es an einem echten Typen, einem Schuss Genialität, einem wie Gascoigne. Bis heute zählt "Gazza" trotz seiner Eskapaden und seines Hangs zum Wahnsinn zu den genialsten Fußballern aller Zeiten. Auch hierzulande, wo vor kurzem der bewegende Dokumentarfilm "Gascoigne" seine Deutschlandpremiere feierte.

Mit einem Tennisball fängt alles an

Zur Person: Paul "Gazza" Gascoigne

Paul Gascoigne wurde am 27. Mai 1967 im nordostenglischen Gateshead geboren.

Als Aktiver trat er für folgende Vereine vor den Ball:

1984-1988 Newcastle United
1988-1992 Tottenham Hotspur
1992-1995 Lazio Rom
1995-1998 Glasgow Rangers
1998-2000 FC Middlesbrough
2000-2002 FC Everton
2002   FC Burnley
2003   Gansu Tianma
2004   Boston United

Als Trainer heuerte er bei folgenden Klubs an:

2004   Boston United
2005   Kettering Town

Für die Englische Nationalmannschaft stand er von 1988 bis 1998 in insgesamt 57 Spielen auf dem Platz.

Schon als kleines Kind ist der 1967 geborene Gascoigne besessen vom Fußballspielen. In seiner Heimatstadt Gateshead trainiert der aus einfachen Verhältnissen stammende Paul zunächst stundenlang mit einem Tennisball, ehe er mit sieben Jahren seinen ersten Fußball geschenkt bekommt. Es dauert nicht lange, bis die ersten Vereine auf ihn aufmerksam werden und er schließlich ins Jugendteam seines Lieblingsklubs Newcastle United aufgenommen wird. Im Alter von nur 17 Jahren steht Gascoigne 1985 erstmals für die "Magpies" als Profi auf dem Platz. Mit seinen körperbetonten Dribblings und genialen Spielideen begeistert er nicht nur die Fans im St. James' Park, sondern macht mehrere Konkurrenten auf sich aufmerksam.

1988 wechselt "Gazza" zu Tottenham Hotspur - zum Ärger von Sir Alex Ferguson: Gascoigne hatte der Trainerlegende bereits versprochen, zu Manchester United zu wechseln. Weil die Spurs jedoch zusätzlich zur damaligen britischen Rekordsumme von 2,2 Millionen Pfund ein Haus sowie ein Auto für seine Eltern bezahlen, gibt "Gazza" dem Klub aus Manchester einen Korb.

Kuss für Lady Di, Kot für Gattuso

Spätestens mit seinen Tränen beim WM-Halbfinale 1990 gegen Deutschland eroberte Gascoigne die Sympathien der englischen Fans.
Spätestens mit seinen Tränen beim WM-Halbfinale 1990 gegen Deutschland eroberte Gascoigne die Sympathien der englischen Fans.

Es folgt die Berufung in die Nationalelf - und die WM 1990 in Italien. Dort rechnet man sich zunächst geringe Chancen aus. Doch dann sorgt Gascoigne dafür, dass England plötzlich ernsthaft vom Titel träumt. Er führt die "Three Lions" völlig unerwartet bis ins Halbfinale - wo man sich dem späteren Weltmeister Deutschland erst im Elfmeterschießen geschlagen geben muss. Als die Nationalmannschaft nach dem traumatischen Aus gegen Völler und Co. nach England zurückkehrt, tobt dort die "Gazzamania". Dabei ist es nicht nur seine Spielweise, mit denen er die Sympathien einer ganzen Nation erobert. "Gazza" ist ein Mann der Emotionen. Seine Tränen beim WM-Halbfinale gegen Deutschland sind ebenso legendär wie seine Streiche auf und neben dem Platz.

Gascoigne wird als "one of us" gefeiert und ist sich für keine Aktion zu schade. Hier einige Beispiele: Im Vorfeld des FA-Cup-Finals 1991 zwischen Tottenham und Arsenal fragt er Prinzessin Diana, ob er sie küssen darf - er darf, allerdings nur auf die Hand. 1996 hebt Gascoigne bei einem Spiel für die Glasgow Rangers die heruntergefallene Gelbe Karte auf und zeigt diese Schiedsrichter Smith - der Unparteiische verwarnt Gascoigne daraufhin wenig humorvoll. Noch weniger begeistert dürfte Gennaro Gattuso gewesen sein, als er 1997 zum Trainingsauftakt bei den Rangers in seiner Kleidung einen Haufen Kot findet - der italienische Weltmeister kann jedoch schnell über das "Begrüßungsgeschenk" von "Gazza" lachen.

In den Medien merkt man früh, dass "Gazza" immer für eine Schlagzeile gut ist. Nordirlands legendäres Mittelfeldgenie George Best hatte einst behauptet, dass Gascoignes IQ "niedriger ist, als seine Trikotnummer". Dass ausgerechnet George Best ein solch spöttisches Urteil über Gascoigne fällt, ist bezeichnend für "Gazzas" Karriere. "Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben, den Rest habe ich einfach verprasst", hatte Best einmal gesagt. Gascoigne weist erstaunliche Ähnlichkeiten zu Best auf. Der hochtalentierte Kindskopf Gascoigne ist stets für jeden Spaß zu haben - jedoch auch immer wieder für hochprozentige Drinks. Nach der WM in Italien findet er immer Gründe, zur Flasche zu greifen: mal sind es sportliche Erfolge, mal Verletzungen, mal ist es Einsamkeit. Immer häufiger betont er, dass er "nur auf dem Platz wirklich er selbst" sei. Nur wenige erkennen den sensiblen Paul hinter der Fassade des wahnsinnig-genialen Clowns "Gazza".

Klubikone bei Lazio und den Rangers

Im Trikot der Glasgow Rangers erlebte "Gazza" seine erfolgreichste Zeit als Klubfußballer.
Im Trikot der Glasgow Rangers erlebte "Gazza" seine erfolgreichste Zeit als Klubfußballer.(Foto: imago sportfotodienst)

Weil er sich im FA-Cup-Finale 1991 eine schwere Knieverletzung zuzieht - und diese kurz vor der Verheilung nach einer Suff-Nacht wieder aufbricht - verzögert sich Gascoignes geplanter Wechsel zu Lazio Rom um über ein Jahr. Die über fünf Millionen Pfund Ablöse stellen sich für die Italiener als keine allzu gute Investition heraus, denn aufgrund mehrerer Verletzungen bleibt "Gazza" in seinen drei Jahren in Rom hinter den Erwartungen zurück. Für die Lazio-Tifosi ist er wegen seines Tores im Derby gegen AS Rom dennoch bis heute eine Klubikone.

Auch bei den Glasgow Rangers ist "Gazza" eine Legende. "God I loved playing for them", sagt er rückblickend auf seine drei Jahre beim schottischen Rekordmeister. Es ist seine erfolgreichste Zeit als Klubfußballer. In seiner ersten Saison schießt er die Rangers 1996 zur Meisterschaft, es folgen unter anderem der Pokalsieg, die Wahl zu Schottlands Fußballer des Jahres sowie ein weiterer Meistertitel.

Dank der starken Leistungen kehrt Gascoigne 1996 rechtzeitig zur Heim-EM in den Kader der englischen Nationalelf zurück. Erneut avanciert er dabei zum Schlüsselspieler. Sein Traumtor im Gruppenspiel gegen Schottland ist ebenso legendär wie der "Zahnarztstuhl-Jubel" danach - eine selbstironische Bezugnahme auf seine Alkoholexzesse. Im Halbfinale gegen Deutschland verstolpert Gascoigne in der Verlängerung das "Golden Goal", verwandelt dann aber im Elfmeterschießen seinen Versuch. Dennoch müssen sich die "Three Lions" abermals kurz vor dem Finale dem späteren Titelträger geschlagen geben.

Lebensgefährlicher Wahnsinn

Nach der EM kommt es nur noch selten vor, dass Gascoigne für sportliche Schlagzeilen sorgt. Erst geht seine Ehe wegen häuslicher Gewalt zu Bruch, dann wird der Wahnsinn für ihn erstmals lebensgefährlich: Als er 1998 nach einem Tor im Old Firm gegen Celtic eine sektiererische Geste macht, droht ihm ein IRA-Mitglied mit dem Tod. Bei den Rangers ist man "Gazzas" Eskapaden überdrüssig und verkauft ihn schließlich an Middlesbrough. Es folgen wenig erfolgreiche Gastspiele in Everton, Burnley, auch bei Gansu Tianma in China.

Auf dem Spielfeld ist von Gascoignes einstiger Genialität nur noch wenig zu sehen, immer häufiger hat er mit Alkohol- und Drogenproblemen zu kämpfen. 1998 wird er aus dem WM-Kader gestrichen und zertrümmert vor Wut das Hotelzimmer von Nationaltrainer Hoddle. Gewaltausbrüche, gescheiterte Entzugskuren, Notoperationen - für die Medien ist der von der Sucht gezeichnete "Gazza" ein gefundenes Fressen. In den britischen Abhörskandalen um die Boulevardblätter "News of the World" sowie "Daily Mirror" zählt auch er zu den Opfern. Laut Gascoigne sind die Hacker-Angriffe mitverantwortlich für seine Alkoholsucht.

So erschreckend Gascoignes Absturz auch ist, so sehr ist dessen Genialität auf dem Spielfeld anzuerkennen. Im englischen Nationalteam hinterlässt er eine Lücke, die bis heute weder von David Beckham oder Wayne Rooney gefüllt werden konnte. Der Mythos "Gazza" lebt trotz aller Eskapaden stetig weiter, auch kulturell.

Vor kurzem hatte in Berlin im Rahmen des "Internationalen Fußballfilmfestivals 11mm" die englischsprachige Dokumentation "Gascoigne" Deutschlandpremiere gefeiert, ein intensives Porträt vom Aufstieg und Fall einer lebenden Fußballlegende. Neben Gascoigne kommen darin dessen Wegbegleiter Gary Lineker, Wayne Rooney und José Mourinho zu Wort. Für den portugiesischen Startrainer steht außer Frage: "Paul Gascoigne is the Special One."

Quelle: n-tv.de

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