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Uli Stein hat die Raute noch immer im Herzen.
Uli Stein hat die Raute noch immer im Herzen.(Foto: picture alliance / dpa)
Samstag, 06. Mai 2017

Schicksalstage eines Urgesteins: "HSV droht der direkte Abstieg"

Der 32. Spieltag hat es in sich: Im Abstiegskampf treffen vier Teams direkt aufeinander. Unter besonderem Druck steht der HSV. "Der muss seinen dritten Elfmeter verwandeln", fordert HSV-Ikone Uli Stein im Interview mit n-tv.de. Stein sagt, worauf es jetzt für den "Bundesliga-Dino" ankommt, was falsch gelaufen ist und vor welchem Problem der Verein in einer etwaigen Relegation steht.

n-tv.de: Herr Stein, drei Spieltage vor Saisonende steht der Hamburger Sportverein wieder auf dem Relegationsplatz. Wie ist die Stimmung in der Hansestadt?

Uli Stein

Uli Stein, 1954 in Hamburg geboren, spielte 512 Mal in der Bundesliga. Neben Arminia Bielefeld (1976-80, 1995-1997) und Eintracht Frankfurt (1987-94) stand er auch im Tor des Hamburger SV (1980-87, 1994/95). Mit dem HSV gewann er den Europapokal der Landesmeister 1983 und wurde zweimal Deutscher Meister (1982, 1983). Sechs Mal stand er im Tor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Bei der WM 1986 in Mexiko bezeichnete er Teamchef Franz Beckenbauer als "Suppenkasper" und flog aus dem Team. Steins Autobiografie "Halbzeit" (1993) war ein Bestseller. Heute ist er unter anderem RTL-Fußballexperte.

Uli Stein: (lacht) Kann man sich sicherlich vorstellen, dass die nicht gut ist. Das zeigen auch die ergriffenen Maßnahmen der vergangenen Tage. Es wurde noch einmal hart durchgegriffen, mehrere Spieler wurden aus dem Kader gestrichen. Ein Kurztrainingslager noch dazu. Man merkt, dass die Stimmung angespannt ist.

Aber dabei war der Verein zwischenzeitlich doch schon alle Abstiegssorgen los ...

Ja, das stimmt. So habe ich das auch gesehen. Es schien so, als ob der HSV die Kurve gekriegt hat. Aber unerklärlicherweise ist die Mannschaft wieder abgerutscht und nun mitten hinein in den Abstiegsstrudel.

Wo liegen die Gründe dafür?

Schwer zu sagen. Die Mannschaft hat Qualität. Wenn man die Spielernamen durchgeht, ist das ein Kader mit so viel individueller Klasse, der nie und nimmer gegen den Abstieg spielen dürfte. Zudem: Der Start in die Rückrunde verlief super. Aber momentan scheint die Stimmung in der Mannschaft nicht gut zu sein, wofür auch die Suspendierungen sprechen. Man ist sich untereinander nicht grün - und das ist keine gute Atmosphäre, um erfolgreich zu arbeiten.

Eines scheint dennoch relativ sicher: Am Trainer Markus Gisdol liegt es nicht, zumindest wackelt sein Stuhl nicht. Noch nicht?

Markus Gisdol steht beim HSV noch nicht in der Diskussion.
Markus Gisdol steht beim HSV noch nicht in der Diskussion.(Foto: picture alliance / Axel Heimken/)

Es hat für mich den Anschein, als wenn der Trainer fest im Sattel sitzt. Meiner Meinung nach hat die Mannschaft unter Gisdol einen Schritt nach vorn gemacht. Man erkennt inzwischen auch seine Handschrift, sein System. Das Team kämpft, ist bereit, 100 Prozent zu geben.

Abgesehen von den letzten drei Spielen. Vor allem im Derby in Bremen hat der Kampf gefehlt.

Das stimmt. Beim Derby ist man in alte Muster verfallen: Es gab schlichtweg kein Aufbäumen - und das im Nordderby! Eigentlich undenkbar. Das war schon zu meiner Zeit das Spiel des Jahres. Die Partie, egal ob auswärts oder zu Hause, wollte man auf gar keinen Fall verlieren. Da hat die Gegenwehr gefehlt und das hat mich an die alten, schlimmen Zeiten erinnert.

Und in den Spielen danach, was war da los?

Gegen Darmstadt und Augsburg, unmittelbare Abstiegskonkurrenten, hat der HSV es einfach versäumt, den Sack zuzumachen und sich endgültig aller Abstiegssorgen zu entledigen. Diese Chancen hat man nicht genutzt. Jetzt hat man am Wochenende gegen Mainz noch eine weitere gegen einen unmittelbaren Konkurrenzen. Wenn der HSV da wieder verliert, wird es ganz, ganz eng.

Erst Mainz, dann zum Saisonabschluss gegen den VfL Wolfsburg und damit einen Verein, der ebenfalls mittendrin im Abstiegskampf steckt. So gesehen hat der HSV die Ligazugehörigkeit doch in der eigenen Hand, oder nicht?

Der HSV hat es seit Wochen schon selbst in der Hand! Zwei Elfmeter hat der Verein bereits liegen gelassen, zu Hause gegen Darmstadt und in Augsburg. Es wird jetzt höchste Zeit, dass der HSV den dritten verwandelt!

Was denken Sie, steht der HSV wie schon 2014 und 2015 am Ende auf dem Relegationsplatz?

Uli Stein im Trikot des HSV: Das waren noch bessere und erfolgreichere Zeiten.
Uli Stein im Trikot des HSV: Das waren noch bessere und erfolgreichere Zeiten.(Foto: imago sportfotodienst)

Ehrlich? Das ist schwer zu sagen. Die Bundesliga war lange nicht mehr so spannend, was den Abstieg, aber auch die Europa-League-Plätze angeht. Fünf Teams spielen meiner Meinung nach noch gegen den Abstieg. Vier Mannschaften treffen an diesem Wochenende zudem in direkten Duellen aufeinander: Ingolstadt empfängt Leverkusen und der HSV Mainz. Gewinnt Ingolstadt und der HSV verliert, dann ist der FCI dran und es könnte sogar der direkte Abstieg für die Hamburger drohen.

Der 32. Spieltag könnte also für eine Vorentscheidung im Abstiegskampf sorgen?

Absolut! Gewinnt Ingolstadt, ist auch Bayer Leverkusen noch in der Verlosung. Andererseits: Wolfsburg muss zur Eintracht nach Frankfurt. Die hat ihre Schwächephase hinter sich gelassen. Da wird es für den VfL auch schwer, zu punkten. Gewinnt der HSV gegen Mainz, ist ein direkter Abstieg für mich vom Tisch.

Sollte es wieder in die Relegation gehen für den HSV, wie sind denn die möglichen Gegner einzuschätzen? In der Verlosung sind mit dem VfB Stuttgart, Braunschweig, Hannover und Union Berlin ja noch vier Teams.

30. April 2017: Bobby Wood vom HSV kann es nicht fassen. Augsburg gewinnt mit 4:0.
30. April 2017: Bobby Wood vom HSV kann es nicht fassen. Augsburg gewinnt mit 4:0.(Foto: picture alliance / Stefan Puchne)

Wenn ich diese Mannschaften mit denen der vorherigen HSV-Relegationsspiele vergleiche, Greuther Fürth und Karlsruhe, wird es dieses Jahr für den HSV oder allgemein den Erstligisten auf alle Fälle schwerer werden als 2014 und 2015. Union, Braunschweig, Hannover und Stuttgart: allesamt schwere, ganz schwere Brocken!

Wer steigt denn direkt auf aus der 2. Liga?

Ich denke, auf alle Fälle der VfB Stuttgart. Die Mannschaft hat das größte spielerische Potenzial. Den zweiten Tabellenplatz machen dann Hannover und Braunschweig unter sich aus. Ich glaube, dass Union nur der vierte Rang am Ende bleiben wird.

Zurück zum HSV: Irgendwie hat man das Gefühl, der Verein steckt jede Saison im Abstiegskampf. Wie kann das eigentlich sein?

Wenn man den Etat der Hamburger hernimmt, ist das eigentlich ein Unding. Meiner Meinung nach hakt es im Team. Und da hat man sicherlich in den vergangenen Jahren eine falsche Personalpolitik betrieben, die falschen Spieler gekauft. Das Team oder einzelne Teile passen einfach nicht zusammen. Von daher: Es muss so oder so einiges aufgearbeitet werden. Ich denke, ein Umbruch muss her.

Bei der schwächsten Abwehr der Liga mit bisher 59 Gegentoren ist das eine logischer Schlussfolgerung. Ist Heribert Bruchhagen, der neue starke Mann an der Spitze des HSV, dafür der Richtige?

Heribert Bruchhagen beendete sein Fußball-Rentendasein für den HSV.
Heribert Bruchhagen beendete sein Fußball-Rentendasein für den HSV.(Foto: picture alliance / Axel Heimken/)

Ja, ich denke schon. Heribert Bruchhagen hat schon jetzt für mehr Ruhe im Verein gesorgt und das Erscheinungsbild des HSV in der Öffentlichkeit wieder geradegerückt. Er ist mit seiner Arbeit auf einem guten Weg. Ich hoffe, er kann ihn in der 1. Liga fortsetzen, mit dem bereits angesprochenen Umbruch im Team. Bruchhagen ist der richtige Mann dafür.

Was unterscheidet den eigentlich HSV in dieser Saison von dem von 2014 und 2015?

Ich glaube, dass die Mannschaft qualitativ besser ist als die früheren. Die individuelle Klasse ist höher. Es gilt halt jetzt, daraus wieder schnellstmöglich ein Team zu formen, eine Truppe auf den Platz zu bringen, die weiß, wofür sie kämpft, die den Ernst der Lage wirklich erkannt hat. Das ist ein schwieriges Unterfangen, das gebe ich zu, aber kein aussichtsloses.

Okay, Butter bei die Fische: Wer wird am Ende der Saison absteigen?

Zum jetzigen Zeitpunkt eine Prognose zu wagen, ist zu früh. Nach dem 32. Spieltag kann man mehr dazu sagen. Allerdings: Darmstadt, so leid es mir auch tut, ist nicht mehr zu retten. Das steht schon fest. Auch wenn sie die letzten Spiele aufopferungsvoll gekämpft und auch guten Fußball gespielt haben. Ich finde es einfach klasse, wie sie sich derzeit verkaufen. Torsten Frings und sein Trainerteam machen eine wirklich tolle Arbeit. Aber der Durchbruch ist leider zu spät gekommen. Von Ingolstadt bis Leverkusen ist dann alles drin.

Anders: Wo spielt der HSV in der kommenden Saison?

(lacht) Ich hoffe in der ersten Liga.

Mit Uli Stein sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

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