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In Feierlaune: Die Profis des BVB reüssieren auch an der White Hart Lane.
In Feierlaune: Die Profis des BVB reüssieren auch an der White Hart Lane.(Foto: imago/Eibner)

Dortmund deklassiert Tottenham: Hungriger BVB klebt auf hohem Level

Von Felix Meininghaus, London

Die Dortmunder Borussia erlebt auch deshalb eine erfolgreiche Spielzeit, weil das Team von Thomas Tuchel einen Zusammenhalt demonstriert, der es ermöglicht, jede Aufgabe mit größtmöglicher Seriosität zu erledigen.

Wer vor dem alt-ehrwürdigen Stadion an der White Hart Lane aus dem roten Doppeldecker-Bus aussteigt, befindet sich mitten auf einer Baustelle. Die 1899 erbaute Spielstätte der Tottenham Hotspurs entspricht nicht mehr den heutigen Anforderungen und wird durch eine topmoderne Arena ersetzt, mit dem der Traditionsklub aus London im Milliarden-Business der Premier League mit den Global Playern aus Chelsea, Arsenal und den beiden Klubs aus Manchester mitspielen will. Bislang war die White Hart Lane für deutsche Teams eine uneinnehmbare Festung: Der 1. FC Köln, Lokomotive Leipzig, Eintracht Frankfurt, der 1. FC Kaiserslautern, Werder Bremen und zweimal Bayern München - sie alle versuchten bei ihren Europapokal-Gastspielen vergeblich, in Tottenham einen Sieg zu landen.

"Du brauchst diesen Hunger"; Thomas Tuchel.
"Du brauchst diesen Hunger"; Thomas Tuchel.(Foto: REUTERS)

Doch bislang gab es bei sieben deutschen Gastspielen sechs Niederlagen und nur ein Tor. Lediglich der FC Bayern ertrotzte sich im Londoner Norden mal ein Unentschieden. Das war in einem anderen Jahrtausend, der Torschütze beim 1:1 hieß Paul Breitner. Nun gibt es also rechtzeitig, bevor die in die Jahre gekommene Spielstätte im Norden der englischen Hauptstadt dem Erdboden gleichgemacht wird, also doch noch einen deutschen Verein, der bei den Spurs gewonnen hat. Ein Umstand, der den Dortmunder Linksverteidiger Marcel Schmelzer "unheimlich stolz macht", ein Gefühl, das er mit seinem Trainer teilt: "Wir wussten das und haben es vor dem Spiel auch thematisiert", berichtete Thomas Tuchel auf Nachfrage, "wir wollten das unbedingt schaffen, hier einen Sieg zu landen".

Es ist gelungen, wie so vieles, was Tuchel und seine Mannschaft in dieser Spielzeit anpacken, die in drei Wettbewerben bislang so bemerkenswert erfolgreich auftritt. Das 2:1 an diesem Donnerstagabend, das Pierre-Emerick Aubameyang mit seinen Saisontreffern 34 und 35 sicherstellte, war ein erneuter Beleg dafür, wie seriös und fokussiert der BVB die vielen Aufgaben abarbeitet, die ihm der üppig gefüllte Spielplan stellt. Um so zu marschieren, "benötigst du eine besondere Haltung", sagt Tuchel, "du brauchst diesen Hunger".

"Und das auf einem extrem hohen Level"

Und den haben alle Spieler im Dortmunder Kader. Wen auch immer Tuchel auf den Rasen schickt, er gibt immer und überall Vollgas. Die beiden Begegnungen der Tabellenzweiten der deutschen und englischen Topligen summieren sich auf ein Gesamtergebnis von 5:1, mit dem Tottenham noch bestens bedient ist. Bei konsequenter Chancenverwertung hätte einseitige Vergleich durchaus auch zweistellig ausfallen können. Es ist erstaunlich, wie weit das Niveau auseinanderklafft, dabei ist es doch die Premier League, die beim Geld und bei der Vermarktung weltweit Maßstäbe setzt. Dabei klaffen allerdings Anspruch und Wirklichkeit meilenweit auseinander. Die Topklubs von der Insel werden mit hunderten Millionen hochgepäppelt, doch das, was dabei herauskommt, reicht nicht aus, um einen finanziell bei weitem nicht so gut ausgestatteten Verein wie Borussia Dortmund ernsthaft zu fordern.

Wie gänzlich anders ist das Erscheinungsbild, mit dem der BVB seit Wochen glänzt. Und das, obwohl der Champions-League-Gewinner von 1997 ein mörderisches Programm abspulen muss. Die Begegnung in London war bereits das 44. Saisonspiel für die Vielspieler aus dem Revier. 15 Spiele kommen bis zum Saisonkehraus im Idealfall in drei Wettbewerben noch hinzu, am Ende einer kräftezehrenden Runde hätten die Profis also 59 Begegnungen in den Knochen. Eine Ochsentour, die bislang noch keine Spuren hinterlassen hat. "Wir sind noch überraschend frisch. Das stimmt einen zuversichtlich", sagt Kapitän Mats Hummels, dem Tuchel in London eine Freischicht gönnte. Dortmunds permanentes Hoch führt Mittelfeldspieler Nuri Sahin auch auf den ausgeglichen besetzten Kader zurück: "Jeder Spieler ist sofort da, wenn er aufgestellt wird, und bringt seine Leistung. Es macht einfach Spaß, egal wie wir aufgestellt sind."

Drei Akteure aus dem Dortmunder Kader sind dabei besonders gefordert: Henrich Mchitaryan (42 Saisonspiele), Julian Weigl (42) und Mats Hummels (40) profitieren kaum von Tuchels Rotation, weil sie sich den Status "unersetzbar" erarbeitet haben. Der Rest wird durchgewechselt und fügt sich nahtlos ein. In zehn von 14 Rückrundenspielen blieb die Borussia ohne Gegentor, was einer Demonstration von Stärke und Konzentration entspricht. So etwas funktioniert nur, wenn das Betriebsklima so harmonisch ist, dass daraus etwas Besonderes wachsen kann. Tuchel findet es "absolut bemerkenswert, welchen Willen die Mannschaft jeden Tag im Training und alle drei Tage beim Spiel zeigt. Die Spieler bringen diesen Klebstoff ein, der alles zusammenhält. Und das auf einem extrem hohen Level." Offenbar haben die Dortmunder derzeit einen Kader, den mehr verbindet als das im Profigeschäft übliche Miteinander von Ich-AG, deren Bestreben nicht in erster Linie dem gemeinsamen Fußballspiel, sondern der Gewinnmaximierung gilt. Manndecker Neven Subotic betont, "dass der Kern der Mannschaft mittlerweile seit sieben Jahren zusammenspielt. Da bildet sich ein unheimlicher Zusammenhalt."

Quelle: n-tv.de

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