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6. September 2003: Rudi Völler rastet aus - und Fußball-Deutschland ist live dabei.
6. September 2003: Rudi Völler rastet aus - und Fußball-Deutschland ist live dabei.(Foto: dpa)

Mist, Käse, Scheißdreck in Zeiten des Rumpelfußballs: Als Völler in Rage Weißbier-Waldi erschuf

Von Stefan Giannakoulis

Es geht nur um ein schlechtes Fußballspiel, heute vor genau zehn Jahren. Doch als Teamchef Rudi Völler das Wort Tiefpunkt hört, rastet er aus. Er beschimpft Moderator Waldemar Hartmann und überhaupt alle, die immer nur meckern. Im Fernsehen, live, in Farbe und vor Millionenpublikum.

Deutschland - Österreich, 20.45 Uhr
Die voraussichtlichen Aufstellungen
Neuer - Lahm, Boateng, Hummels, Schmelzer - Khedira, Kroos - Müller, Özil, Reus - Klose
Almer - Garics, Dragovic, Pogatetz, Fuchs - Kavlak, Alaba - Harnik, Junuzovic, Arnautovic - Weimann
Schiedsrichter: Mazic (Serbien)

Miroslav Klose ist so etwas wie der Methusalem des deutschen Fußballs, der Mann verdient mit Fug und Recht sein Geld in der ewigen Stadt. Heute spielt er mit der Nationalmannschaft in München gegen Österreich, es geht um die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2014, an der er selbstverständlich auch teilnehmen wird. Und weil er gefühlt schon seit der Gründung des DFB vor 113 Jahren für die deutsche Auswahl spielt, war er auch zu Zeiten dabei, als es mitunter kräftig rumpelte. Wie am 6. September 2003, einem Samstag, als sich die DFB-Elf auf ihrem Weg zur Europameisterschaft in Portugal beim Qualifikationsspiel in Reykjavik mit einem 0:0 gegen Gastgeber Island begnügte.

Selbst Klose, so wissen die Chronisten zu berichten, hatte vor den 7065 Zuschauern im Laugardalsvöllur einen gebrauchten Abend in einer Mannschaft, in der Spieler wie Christian Wörns, Christian Rahn und Carsten Ramelow standen. Wie üblich hätten alle Beteiligten die Sache schnell vergessen, wenn nicht Rudi Völler in seinem dritten von vier Jahren als Teamchef im Fernsehen einen Auftritt hingelegt hätte, der als Weißbier-Rede in die Geschichte eingehen sollte. Handgestoppte sieben Minuten für die Ewigkeit. So etwas hatte bis dahin selbst Miroslav Klose noch nicht erlebt. Auf den Tag genau vor zehn Jahren.

"Ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören"

Als Rudi Völler im Trainingsanzug zum Interview mit Waldemar Hartmann im Fernsehstudio der ARD aufschlägt, wenige Meter von der Kabine entfernt, ist er ohnehin nicht amüsiert. "Das Spiel war sicher alles andere als gut," sagte er dem Magazin "Rund" drei Jahre danach. "Aber wir brauchten diesen Punkt, um Gruppensieger zu werden. Und dann musst du auch mal mit einem 0:0 in Island zufrieden sein." Als er dann mitbekommt, dass Experte Günter Netzer und Moderator Gerhard Delling von einem Tiefpunkt sprechen und mit ironischem Unterton eine Krise der Fernsehunterhaltung am heiligen Samstagabend ausrufen, verliert Rudi Völler die Fassung und die Druckreife.

Die erste Frage beantwortet er noch einigermaßen ruhig, doch dann legt er los: "Immer diese Geschichte mit dem Tiefpunkt und noch 'nem Tiefpunkt, dann gibt's noch mal 'nen niedrigeren Tiefpunkt. Ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören." Hartmann versucht zu erklären: "Was er sagen wollte ..." Aber Rudi Völler ist nicht mehr aufzuhalten. "So ein Käse, ich lass mir das nicht mehr bieten. Solche Sachen wie die vom Delling." Hartmann verweist darauf, dass das Spiel nun wirklich nicht gut war. Vergeblich. Nun geht es Schlag auf Schlag. "Käse. So einen Käse will ich nicht mehr hören. So'n Scheiß! Das ist das Allerletzte."

Hartmann will beschwichtigen: "Für die Kritik ist doch ihre Mannschaft der eigentliche Ansprechpartner." Völler räumt ein, dass sein Team zu wenig geboten hat. "Aber der Scheiß, der da immer gelabert wird. Da sollten sich wirklich alle mal Gedanken machen, ob wir in Zukunft so weitermachen können. Immer diese Geschichte. Alles in den Dreck ziehen, alles runterziehen. Ich halte das nicht mehr aus. Ihr müsst doch mal endlich vom hohen Ross runterkommen, was ihr euch immer alle einbildet, was wir für einen Fußball in Deutschland spielen müssen. Was hat denn der Günter früher für einen Scheiß gespielt? Standfußball war das doch früher. Alles in den Dreck zu ziehen ist für mich unterste Schublade."

Doch Hartmann sehnt sich nach Harmonie : "Aber Rudi, ich kann jetzt nicht verstehen, warum du diese Schärfe reinbringst." Völler kontert: "Die Schärfe bringt ihr doch rein, müssen wir uns denn alles gefallen lassen?" Als Hartmann fast entschuldigend beteuert, er habe das doch gar nicht getan, sagt Rudi Völler den Satz, über den sich Waldemar Hartmann bis heute freut: "Ja, du nicht. Du sitzt hier bequem auf deinem Stuhl, hast drei Weizen getrunken und bist schön locker." Sekunden später merkt er, dass er es überzogen hat. "Entschuldige, die Geschichte mit dem Weizenbier hab' ich nicht so gemeint." Aber alles andere schon. Und der Spruch ist in der Welt.

"Rudi hat mir meine Altersvorsorge gesichert"

Sein Ausbruch hat ihm nicht geschadet, Zuschauer, Fans und große Teile der veröffentlichten Meinung waren auf seiner Seite. Obwohl er nicht gerade sachlich auf eine im Kern sachliche und vor allem berechtigte Kritik reagiert hatte. Aber schließlich gibt's nur einen Rudi Völler. Dem Magazin "11 Freunde" hat er erklärt, wie sehr er damals unter Druck stand. Ihn plagte der Gedanke, was wäre, "wenn ich der erste Trainer wäre, unter dem die Nationalelf erstmals eine WM-Quali verpasst".

Mehrmals hat er betont, dass sein Ausbruch nicht kalkuliert war. "Ich war schneller im Fernsehstudio als sonst, sodass ich die Analyse von Netzer und Delling mitbekommen habe. Und beim Zuhören kochten bei mir die Emotionen hoch. Das war halt so." Am Ende blieb er konsequent. Bei der EM 2004 schied die deutsche Mannschaft in der Vorrunde aus. Völler gab sein Amt ab. "Ich hielt es für meine Pflicht, zurückzutreten. Es musste ein neuer, unverbrauchter Kopf her, einer, mit dem die Zuschauer und Spieler kein Negativerlebnis in Verbindung brachten. Schließlich ging es um die WM im eigenen Land."

Hartmann brüstet sich noch heute mit diesem legendären Interview, das eigentlich keins war, sondern zu großen Teilen aus Völler'schen Monologen bestand. Hartmanns Leistung war es, als Stichwortgeber gefasst und besonnen reagiert zu haben. Natürlich war ihm sofort klar, worum es geht, wie er nun der "Welt" erzählte: "Ich habe mir gesagt: Bleib schön ruhig, Waldi. Das war geil, was da abging. Ich habe sofort gemerkt, das schreibt jetzt Fernsehgeschichte. Ein rasender Bundestrainer. Ich war glücklich, durfte es aber nicht zeigen."

Aus seiner Sicht hat er alles richtig gemacht. "Rudi hat mir mit einem einzigen Fernsehinterview meine Altersvorsorge gesichert." Eine große Brauerei hatte die Gunst der Stunde genutzt und den Moderator mit einem Werbevertrag ausgestattet, Hartmann geht seitdem freiwillig als Weißbier-Waldi durchs Leben. Wie in jedem Jahr am 6. September wird er auch heute Rudi Völler eine SMS schreiben: "Herzlichen Dank. Eine Provision bekommst du immer noch nicht. Aber beim nächsten Treffen geht die Rechnung wieder auf mich."

Quelle: n-tv.de

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