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"In der heutigen Zeit kommt man leider auf diese Summen." Was für ein schlichter wie teuflisch wahrer Satz.
"In der heutigen Zeit kommt man leider auf diese Summen." Was für ein schlichter wie teuflisch wahrer Satz.(Foto: imago sportfotodienst)
Mittwoch, 04. Februar 2015

Redelings über Wolfsburgs Millionen: "Im Fußball geht's nur noch um Kohle"

Von Ben Redelings

Geld schießt keine Tore? Spätestens seit Hoffenheim, Wolfsburg und RB Leipzig ist das ein Satz aus der Vergangenheit. Die Kohle regiert den Fußball. Wie geht es weiter? Über Fifa, Udo Latteks Neid-These und einen verzweifelten Ennatz Dietz.

Klaus Allofs hat die 30 Millionen Euro plus x für den Transfer von André Schürrle vom FC Chelsea nach Wolfsburg so kommentiert: "In der heutigen Zeit kommt man leider auf diese Summen." Was für ein schlichter wie teuflisch wahrer Satz. Es gab tatsächlich einmal eine Zeit, da galt im Fußball: "Geld schießt keine Tore!"

"Die Platzhirsche machen das Spiel unter sich aus": Ben Redelings.
"Die Platzhirsche machen das Spiel unter sich aus": Ben Redelings.(Foto: Sascha Kreklau)

Doch dieser Satz ist mittlerweile falsch. Neulich, in einer Talkshow, fragte ein junger Schnösel in die Runde, was denn so schlimm daran sei, dass da mit dem VfL Wolfsburg und RB Leipzig zwei weitere Vereine so richtig ernst machen würden? Ja, nun, da kann man ganz nüchtern antworten: Natürlich ist da überhaupt nix schlimm dran - wenn man akzeptiert hat, in einer Welt zu leben, in der es nur noch, komplett und ausschließlich um Kohle geht. Doch der Fußball kann im Grunde gar nichts dafür. Er ist und war immer ein Spiegelbild der Gesellschaft.

Das Problem ist, dass genau dies die allermeisten Fans seit Jahren immer kränker werden lässt. Wir wissen genau, was diese Fifa für eine spezielle Bande ist - und doch können wir nichts tun. Man hat sogar Sorge, wenn man den Haufen beim Namen nennt, dass man mit Klagen überzogen wird, nur weil man ausspricht, was ohnehin jeder weiß. Oder warum finden die beiden nächsten Weltmeisterschaften in Russland und Katar statt?

"Fußball ist nicht das Wichtigste"

Ben Redelings, Jahrgang 1975, sagt: "Ich lese eigentlich alles, was es zur Bundesliga gibt." Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und kümmert sich seit 15 Jahren hauptberuflich um alles, was mit Fußball zu tun hat. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er alle zwei Wochen mittwochs die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Ganz nach dem Motto eines seiner zahlreichen Bücher: "Fußball ist nicht das Wichtigste im Leben - es ist das Einzige."

Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander - in unserer Gesellschaft wie im Fußball. Der Wettbewerb ist vielerorts außer Kraft gesetzt. Die Platzhirsche machen das Spiel unter sich aus. Unseren Kindern versuchen wir etwas anderes mit auf den Weg zu geben, aber im Grunde weiß mittlerweile auch schon ein Dreijähriger: "Mit Geld kannst du dir in dieser Welt alles kaufen!"

Es gab einmal einen Fußballer, der auch schon zu seiner Zeit immer etwas anders war. Er verkörperte etwas, das auch damals nicht die Regel war und heute die Ausnahme darstellt: Ehrlichkeit. Der wunderbare Ennatz Dietz hat einmal auf die Frage, warum er denn nicht länger als Profi-Trainer arbeiten wolle, gesagt: "Wenn ein 16-Jähriger, der mit Ach und Krach unfallfrei den Ball stoppen kann, mit drei Beratern erscheint, um einen Millionenvertrag auszuhandeln, ertrage ich das einfach nicht."

Geld und Erfolg sind nicht alles

Wolfsburgs Manager Klaus Allofs kennt diese Summen. Er muss und kann sie zahlen. Und dennoch fügt selbst er seinem Satz ein "leider" hinzu. Es ist dieser letzte Rest an Unbehagen, an moralischem Gewissen, dem Allofs mit diesem kleinen Wort ein wenig Raum gibt. Er weiß als ehemaliger Sportdirektor des SV Werder Bremen nur zu gut, dass es schon lange keinen fairen, keinen ehrlichen Wettbewerb mehr in der Bundesliga gibt.

Doch das eigentliche Dilemma der vergangenen Monate und Jahre ist ein anderes. Immer mehr Fußballfans akzeptieren diese neue Welt. Sie wissen um die Verhältnisse und wollen nicht länger auf der Seite der Verlierer sein. Ihr Verein soll mitmachen beim unehrlichen Spiel, soll nicht länger der ehrliche Dumme sein - koste es, was es wolle! "Geld schießt Tore", das haben mittlerweile alle verstanden. Und so wird schon recht bald der vermeintliche Erfolg alle Mittel heiligen. Die schon lange in der Praxis ausgehebelte "50plus1"-Regel wird fallen, die Investoren werden kommen, Geld wird fließen - und am Ende wird in der Tabelle alles sein wie zuvor. Die mit der meisten Kohle werden vorne stehen.

Udo Lattek würde wohl sagen, dass dies die Probleme eines typischen VfL Bochum-Anhängers sind, der von "Neid und Missgunst" zerfressen ist. Und tatsächlich gibt es wahrscheinlich auch in Bochum nicht wenige, die für den Erfolg ihre eigene Großmutter verkaufen würden. Doch es gibt Gott sei Dank auch noch die anderen. Vor ein paar Tagen erzählte mir ein Freund, sein Sohn hätte geklagt, der VfL habe so viele Verletzte, kein Geld für neue Spieler und würde deshalb ab jetzt alle Partien verlieren. Da hat mein Kollege sein Kind auf den Schoß genommen, ihm liebevoll über den Kopf gestrichen und gesagt: "Mein Sohn, du wirst leider noch früh genug merken, dass man nicht immer gewinnen kann. Aber eins lass dir gesagt sein: Geld und Erfolg sind nicht alles. Sonst wäre dein kluger Papa Bayern-Fan geworden!"

Noch so ein schlichter wie teuflisch-wahrer Satz. Vielleicht ist unsere Welt ja noch nicht ganz verloren. Ennatz Dietz würde es sicherlich freuen.

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Quelle: n-tv.de

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