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Die Teams von Joachim Löw und Louis van Gaal taten sich gegenseitig nicht weh.
Die Teams von Joachim Löw und Louis van Gaal taten sich gegenseitig nicht weh.(Foto: dpa)

DFB-Team in Amsterdam: Kein Zaubertrank im Hexenkessel

Von Stefan Giannakoulis, Amsterdam

Wenn es etwas Positives aus Amsterdam zu berichten gibt, dann ist es die Tatsache, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ohne acht wichtige Spieler vier Tore weniger kassiert als jüngst gegen Schweden. Ansonsten aber fehlt die Inspiration. Auch wenn Bundestrainer Joachim Löw das in diesem Fall egal ist.

Löws Truppe fängt diesmal kein Gegentor. Das kommt nicht oft vor.
Löws Truppe fängt diesmal kein Gegentor. Das kommt nicht oft vor.(Foto: REUTERS)

Joachim Löw war noch im Vorher-Modus, da war das Spiel längst vorbei. , das klingt nicht schlecht, von wegen immerhin nicht verloren, war aber langweilig. So langweilig, dass sich die 51.000 Zuschauer im ausverkauften Stadion über weite Strecken ähnlich uninspiriert verhielten wie die alles in allem 32 Akteure auf dem Rasen, und für eine wenig stimmungsvolle Atmosphäre sorgten. Nur bevor sie nach Hause gingen, pfiffen sie kurz. Der Bundestrainer aber war zufrieden, schließlich hatte seine Elf, wie das bei einem 0:0 so ist, keinen Treffer kassiert - "hier in diesem Hexenkessel".

Das aber war vorher. Vorher haben alle von der tollen Stimmung in der Arena mit den vielen lustigen, orangefarben gekleideten Fans geschwärmt. Vorher hieß es auch, die Begegnung sei ein Klassiker, ein Prestigeduell, auch wenn auf beiden Seiten viele wichtige Spieler abgesagt hatten und der Termin zwischen zwei Spieltagen in der Champions League für wenig Freude bei den Vereinen gesorgt hatte. Hinterher bleibt: Auch Niederländer finden es doof, wenn überall die Null steht. Ein Fußballspiel ohne Leidenschaft und Mut zum Risiko ist fad. Und ohne Hexenkessel kein Zaubertrank. Der hätte an diesem Abend vielleicht geholfen.

Der zweite Anzug passt besser als je zuvor

Niederlande - Deutschland 0:0

Tore: Fehlanzeige

Niederlande: Vermeer -  van Rhijn (46. Janmaat), Heitinga (46. de Vrij), Vlaar, Bruno Martins  Indi - Nigel de Jong,  van der Vaart (72. Emanuelson) - Schaken, Afellay (59. van Ginkel), Robben (46. Elia) - Kuijt
Deutschland: Neuer - Höwedes, Mertesacker, Hummels, Lahm - Lars Bender (82. Sven Bender), Gündogan - Müller (84. Schürrle), Holtby (87. Neustädter), Reus (90.+2 Julian Draxler) - Götze (72. Podolski)

Schiedsrichter: Proença (Portugal)
Zuschauer: 51.000 (av.)

Wie aber ist dieses Jahresabschlussspiel der DFB-Elf zu bewerten? Die gute Nachricht ist, dass die Mannschaft in 92 Minuten vier Tore weniger hinnehmen musste als jüngst beim seltsamen Unentschieden im Qualifikationsspiel gegen die Schweden in einer halben Stunde. Die schlechte, dass sie auch vier Treffer weniger erzielt hat. Der Bundestrainer jedenfalls war sichtlich gewillt, das Gute im Öden zu sehen. "Wir haben sehr positionstreu gespielt, sehr diszipliniert." Er sagte nicht gemächlich, betonte aber, dass seine Spieler über die gesamte Partie die Ruhe bewahrt hätten. "Hätten wir das gegen Schweden so gemacht, wären wir nicht in Verlegenheit gekommen." Ach ja, die Schweden. Joachim Löw mag ja recht haben, ein wenig mehr Übersicht hätte seinerzeit in Berlin nicht geschadet. Nur: Das Testspiel in Amsterdam und das WM-Qualifikationsspiel lassen sich nicht ernsthaft vergleichen.

Eines aber hat der Bundestrainer erreicht: Vor der Winterpause, die am 6. Februar mit einem Freundschaftsspiel in Paris gegen Frankreich endet, dürfte er erst einmal Ruhe haben. Schließlich fehlten mit Mesut Özil, Sami Khedira, Miroslav Klose, Jérome Boateng, Bastian Schweinsteiger, Holger Badstuber, Toni Kroos und Marcel Schmelzer acht nicht ganz unwichtige Spieler. Seine Mannschaft, eine verstärkte U-21-Auswahl, hat sich redlich bemüht, wenigstens keinen weiteren Schaden angerichtet und weitaus mehr Potenzial angedeutet als der von Trainer Louis van Gaal ungewöhnlich defensiv eingestellte Gegner aus den Niederlanden. Von einem eklatanten Leistungsabfall kann nicht die Rede sein, der zweite Anzug passt besser als je zuvor. Das lässt hoffen. Wenn es nur nicht so furchtbar langweilig gewesen wäre. Die deutschen Spieler in der Einzelkritik:

Manuel Neuer: Der 26 Jahre alte Torhüter des FC Bayern dürfte sich gefreut haben, in seinem 36. Länderspiel einmal kein Tor kassiert zu haben. Und lobte seine Abwehr: "Wir standen in der Defensive sehr gut." Hatte seine beste Szene eine Viertelstunde vor dem Ende, als er einen Schuss des niederländischen Außenverteidigers Daryl Janmaat mit den Fingerspitzen um den Pfosten lenkte. War ansonsten einer der wenigen, der wenigstens hinterher an die Zuschauer dachte: "Für das Publikum war das sicher nicht so attraktiv. Beide Mannschaften wollten nicht verlieren, deshalb sah es etwas zäh aus." Der Mann hat recht.

Benedikt Höwedes (hier gegen Eljero Elia) fremdelt auf der Außenposition.
Benedikt Höwedes (hier gegen Eljero Elia) fremdelt auf der Außenposition.(Foto: dapd)

Benedikt Höwedes: Der Kapitän des FC Schalke, 24 Jahre alt, verteidigt ja lieber innen. Warum, das war nach einer Viertelstunde zu sehen, als er munter nach vorne stürmte, dann aber zeigte: Er ist kein Flankengott. Hilft aber trotzdem gerne am rechten Ende der Viererkette aus, kam er doch so in Amsterdam zu seinem zehnten Länderspiel. Und verteidigen kann er, Münchens Arjen Robben jedenfalls sah gegen ihn kein Land. Mehr zu tun hatte er mit dem Bremer Eljero Elia, der nach der Pause für Robben ins Spiel kam. Ob der denn ernsthaft verletzt sei, wurde der niederländische Trainer hinterher gefragt. "Nein", sagte Louis van Gaal. "Ich wollte dem FC Bayern helfen."

Per Mertesacker: War der DFB-Spieler mit den meisten Ballkontakten. 132. Das lag auch daran, dass sich der 28 Jahre alte Innenverteidiger von Arsenal London in seiner 85. Partie für sein Land sehr oft den Ball gemütlich mit Mats Hummels hin- und herspielen konnte, ohne dass sie jemand, schon gar nicht ein Niederländer, dabei großartig störte. Abgesehen davon kann er gut Kopfball. War, wie es so schön heißt, da, wenn er gebraucht wurde.

Mats Hummels: Dass sich Mertesacker und er nicht ausschließlich den Ball zugespielt haben, ist daran abzulesen, dass der 23 Jahre alte Dortmunder in seinem 23. Länderspiel zehn Ballkontakte weniger hatte als sein Innenverteidigerkollege. Auch er kann Kopfball, defensiv sowieso, hätte aber beinahe auch nach einer Flanke von Lewis Holtby ein Tor erzielt. Sagte hinterher: "Man kann sich in so einem Spiel die Sicherheit wieder holen. Ein absolut gerechtes 0:0." Und dachte wie sein Torwart an die Fans: "Weil man gesehen hat, dass es nicht viele Tore geben wird, wollte man nicht den ersten Fehler machen. Dann ergibt sich so ein Spiel, das für die Zuschauer nicht so spektakulär ist." Insgesamt habe "auf beiden Seiten das allerletzte Risiko gefehlt". Der Mann untertreibt.

Philipp Lahm kommt seinem 100. Länderspiel immer näher.
Philipp Lahm kommt seinem 100. Länderspiel immer näher.(Foto: dapd)

Philipp Lahm: Ihm ist es egal, wo er spielt, solange es um Fußball geht. In seinem 95. Länderspiel war mal wieder die linke Abwehrseite dran, eine Aufgabe, die der 29 Jahre alte Münchner vornehmlich gegen Ruben Schaken routiniert erledigte. Und als Kapitän sagte er anschließend das, was der Bundestrainer auch sagte: "Beide Mannschaften haben ordentlich gespielt, viel Ballbesitz auf beiden Seiten. Insgesamt ist das Unentschieden verdient. Wir haben nicht viele Chancen zugelassen und kein Gegentor bekommen, das ist positiv."

Lars Bender: Nach dem mirakulösen Spiel gegen Schweden hieß es, dass zumindest ein Bender spielen müsse, damit das nicht noch einmal passiert. Diesmal spielte Lars, das ist der aus Leverkusen. Der 23 Jahre alte, defensive Mittelfeldspieler tat das in seinem elften Länderspiel sehr unauffällig und im Schatten seines Nebenspielers Ilkay Gündogan. Kann sich aber auf die Fahnen schreiben, Hamburgs Rafael van der Vaart neutralisiert zu haben. Acht Minuten vor dem Ende der Partie nahm Joachim Löw ihn raus und brachte Benders Zwillingsbruder Sven. Das ist der aus Dortmund - und überraschenderweise auch 23 Jahre alt. Hat aber erst drei Einsätze im Trikot des DFB auf dem Konto.

Ilkay Gündogan überzeugt in Amsterdam.
Ilkay Gündogan überzeugt in Amsterdam.(Foto: AP)

Ilkay Gündogan: Läuft wie ein kleiner Prinz, spielt aber auch so, nämlich richtig gut. In seinem vierten Länderspiel zeigte der 22 Jahre alte Dortmunder keinerlei Nervosität, reüssierte als Spielgestalter und war vor allem in der ersten Halbzeit der beste Spieler seines Teams. In Abwesenheit Bastian Schweinsteigers quasi der Juniorchef. Hätte kurz vor der Pause beinahe ein Tor geschossen, doch der Niederländer John Heitinga rettete auf der Linie.

Thomas Müller: Hatte vorher mit feiner Ironie darauf hingewiesen, dass der Termin für dieses Länderspiel doch etwas unglücklich gewählt ist. In Amsterdam ließ der 23 Jahre alte Münchner in seinem 38. Länderspiel dann konsequenterweise die anderen Offensivspieler mal machen, die meisten Angriffe liefen über die Kollegen Holtby, Reus oder Götze, mit denen er allerdings ständig die Positionen tauschte. Vielleicht hat er darüber nachgedacht, dass er beim 3:0-Sieg gegen die Niederländer vor einem Jahr zum bisher letzten Mal für die Nationalmannschaft ein Tor erzielt hat. Nach 84 Minuten kam für ihn der 22 Jahre alte Leverkusener André Schürrle zu seinem 20. Länderspiel.

Lewis Holtby: Der 22 Jahre alte Chef des U-21-Nationalteams begann seine dritte Partie bei den Großen etwas nervös, kein Wunder, als Ersatz-Özil auf der zentralen Mittelfeldposition. Dann aber steigerte sich der Schalker zunehmend. Sein Kommentar: "Kompliment an die Mannschaft, dass sie heute zu null gespielt hat. Ich bin dankbar dafür, dass ich ein Länderspiel gemacht habe." Drei Minuten vor Toresschluss wurde er ausgewechselt. Und sein Vereinskollege Roman Neustädter, 24 Jahre alte, feierte sein Debüt in der Nationalelf. Na ja, feierte. Er durfte halt auf den Rasen.

Marco Reus: Wer gedacht hatte, der 23 Jahre alte Dortmunder würde, weil Miroslav Klose nicht dabei war, als verkappter Stürmer auflaufen, hatte sich getäuscht. Reus spielte wie zuletzt auch in seinem 14. Länderspiel auf der linken Außenbahn, wenn er nicht gerade mit Müller, Holtby oder Mario Götze den Platz tauschte. Hätte kurz vor dem Abpfiff ein Tor erzielen können, hat er aber nicht. Ansonsten sorgte er wenigstens für ein wenig Stimmung in der Arena, als der in der 39. Minute den Ball ans Außennetz schoss, was die deutschen Fans mit einem Torjubel quittieren. Woraufhin die Anhänger in Orange laut und herzhaft lachten. Der Schalker Julian Draxler, 19 Jahre alt, ersetzte Reus in der zweiten Minute der Nachspielzeit, was aber trotzdem als sein drittes Länderspiel gewertet wird.

Bilderserie

Mario Götze: Der 20 Jahre alte Dortmunder Filigrantechniker lief in seinem 20 Länderspiele als Mittelstürmer auf, weil er, wie der Bundestrainer hinterher sagte, am besten von allen Kandidaten den Ball mit dem Rücken zum Tor gegen die "etwas langsamen Innenverteidiger" der Niederländer verarbeiten könne. Fühlte sich aber sichtlich wohler, wenn er auf die Flügel ausweichen durfte. Für ihn kam nach 72 Minuten der im Herzen Immer-noch-Kölner Lukas Podolski, 27 Jahre alt, zu seinem 106. Einsatz. Hatte die schwersten Minuten beim Warmspielen zu überstehen, als über die Stadionlautsprecher die niederländische Version von "Viva Colonia" erklang. Mehr war nicht.

Quelle: n-tv.de

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