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Er war der erfolgreichste Trainer in Deutschland, jetzt ist Udo Lattek im Alter von 80 Jahren gestorben.
Er war der erfolgreichste Trainer in Deutschland, jetzt ist Udo Lattek im Alter von 80 Jahren gestorben.(Foto: imago sportfotodienst)
Mittwoch, 04. Februar 2015

Vom "Bauernsohn" zum Startrainer: Lattek hat den Fußball revolutioniert

Ein Nachruf von Tobias Nordmann

Der Fußball hat ihm viel zu verdanken, doch Zeit seines Lebens bedankte sich Udo Lattek lieber beim Fußball. Der legendäre Trainer, Stratege und Kommunikator ist im Alter von 80 Jahren in Köln gestorben.

Noch einmal war er im Stadion, vor gut anderthalb Jahren. Ein letztes Mal. Sein letztes Mal. Es war das Duell seiner ehemaligen Mannschaften Bayern München und Borussia Dortmund, das Champions-League-Finale in Wembley. Zwei deutsche Mannschaften im Kampf um die europäische Krone - beobachtet vom König des deutschen Fußballs. "Das war meine letzte Fußball-Reise, meine letztes großes Spiel", sagte Lattek damals. Er hatte Recht. Am vergangenen Wochenende ist die schwer an Parkinson erkrankte Trainerlegende in einem Kölner Pflegeheim gestorben.

Udo Lattek - der erfolgreichste deutsche Trainer

Internationale Erfolge

1966 - Vize-Weltmeister als Co-Trainer der Deutschen Nationalmannschaft

1974 - Europapokal der Landesmeister mit dem FC Bayern München

1979 - UEFA-Pokal mit Borussia Mönchengladbach

1982 - Europapokal der Pokalsieger mit dem FC Barcelona

Erfolge in der Bundesliga

Achtmaliger Deutscher Meister

FC Bayern München - 1972, 1973, 1974

Borussia Mönchengladbach - 1976, 1977

FC Bayern München - 1985, 1986, 1987

Dreimaliger Pokalsieger

FC Bayern München - 1971, 1984, 1986

Lattek war ein streitbarer Charakter. Angetrieben von der Lust am Erfolg stellte er sich immer neuen Herausforderungen. Egal ob Titel lockten oder Abstiege drohten - Lattek half, wenn er überzeugt war. Dabei war er ehrlich. Missstände sprach er offen aus. Das brachte ihm nicht nur Freunde. Unvergessen ist sein Auftritt in der Fußball-Talkshow "Doppelpass", als er sich lautstark mit Bayern-Legende Uli Hoeneß über die Disziplin des Torwarts Oliver Kahn stritt.

Im ostpreußischen Bosemb geboren, prägte er den Fußball als Trainer und Kommunikationstalent wie nur ganz wenige vor ihm. Bis ins hohe Alter, als er bei seiner letzten Trainerstation im Jahr 2000 Borussia Dortmund vor dem Abstieg rettete, arbeitete er mit unerschöpflichem Eifer und glühender Leidenschaft. Doch trotz seiner Erfolge verlor Lattek nie die Bodenhaftung und zeigte sich stets demütig dem Fußball gegenüber: "Ich bin ein Bauernsohn, aus dem Nichts gekommen. Ich habe dem Fußball alles zu verdanken", sagte er noch vor fünf Jahren anlässlich seines 75. Geburtstags.

"Der Trainer muss immer das letzte Wort haben"

Lattek hat Titel gewonnen wie kein zweiter deutscher Trainer. Acht Meisterschalen, drei Europa- und drei DFB-Pokale standen am Ende seiner rund 30-jährigen Trainertätigkeit auf dem Erfolgskonto. Diese umfangreiche Trophäensammlung hatte Lattek vier prägenden Charaktereigenschaften zu verdanken: Leidenschaft, Ehrgeiz, Willensstärke und Mut. Mut, sich Respekt zu erarbeiten und nicht vom eigenen Weg abbringen zu lassen. "Der Trainer muss immer das letzte Wort haben. Ich habe mir nie reinreden lassen. Wer es dennoch versucht hat, den habe ich aus der Kabine geworfen", sagte er einmal.

Er trainierte unter anderem Franz Beckenbauer, Jupp Heynckes, Uli Hoeneß, Dänemarks Superstar Allan Simonsen oder den argentinischen Exzentriker Diego Maradona.
Er trainierte unter anderem Franz Beckenbauer, Jupp Heynckes, Uli Hoeneß, Dänemarks Superstar Allan Simonsen oder den argentinischen Exzentriker Diego Maradona.(Foto: imago sportfotodienst)

Lattek hatte ein Talent, wie es nur wenige haben. Er konnte Mannschaften formen. Mannschaften aus extrovertierten Stars, ambitionierten Talenten und ehrlichen Arbeitern. Lattek konnte sich auf fast jeden Charakter einstellen und mit ihm arbeiten. Egal ob Lichtgestalten wie Franz Beckenbauer, emotionale Typen wie Jupp Heynckes, Uli Hoeneß, oder Dänemarks Superstar Allan Simonsen: Sie alle hörten zu, was Lattek sagte. Sie alle setzten um, was Lattek von ihnen forderte. Nur einer, der konnte oder wollte mit dem Erfolgscoach nichts anfangen: Diego Armando Maradona.

Rund anderthalb Jahre trainierte er den FC Barcelona und merkte erstmals, dass sein Kommunikationstalent auch Grenzen hat - ausgerechnet beim argentinischen Superstar. Der Ballzauberer nahm sich gerne mal ein paar Auszeiten, ließ vereinbarte Termine platzen oder machte auf dem Platz, was er wollte. Lattek nahm den Machtkampf auf und stellte den Argentinier bloß: "Hintergrund war die Abfahrt zu einem Abschlusstraining. Alle waren da, nur Diego nicht. Ich bin abgefahren, habe ihn stehen lassen." Lattek ließ sich nicht verbiegen. Den Machtkampf verlor er trotzdem und so keilte er später noch einmal nach: "Diego ist fast jeden Tag mit einem neuen Auto zum Training gekommen. In Deutschland würden sie sagen: Der Fettsack soll erst mal treffen. Aber Diego hat das Leben genossen in vollen Zügen - und oft darüber hinaus."

Ihr Verhältnis war gestört: Lattek und Maradona.
Ihr Verhältnis war gestört: Lattek und Maradona.(Foto: imago/WEREK)

Trotz dieser Niederlage ist Lattek seinen Weg unbeirrt weitergegangen. Er revolutionierte den Umgang mit Spielern und Medien. Journalisten gewährte er tiefe Einblicke in das spektakuläre Innenleben der Bundesliga und blieb später in Kontakt mit ihnen. Er hob die Sport Bild mit aus der Taufe und erlangte in 786 "DSF- und Sport1-Doppelpässen" als kritischer und oft zynischer Beobachter Kultstatus. "Du musst Spaß daran haben, mit Menschen umzugehen", sagte Lattek einmal: "Die Mischung aus einem gesicherten Wissen und dem richtigen Gefühl hat es bei mir ausgemacht." Nicht selten ging er in Mannschaftssitzungen vor großen Spielen, ohne zu wissen, wen er in die Startelf beordern würde. Die Auswahl traf er aus dem Bauch heraus. Ein Blick in die Gesichter der Spieler genügte und er wusste, wer ihm auf dem Platz weiterhelfen würde. Kritiker wie Otto Rehhagel hielten ihm immer mal wieder vor, stets vom Glück profitiert zu haben, zum richtigen Moment am richtigen Ort Trainer sein zu dürfen.

Saufen und hart arbeiten

Wie beispielsweise beim FC Bayern München. Dort fand er in seinen zwei Amtszeiten (1970 bis 1975 und 1983 bis 1987) jeweils Ansammlungen von Weltstars vor - unter anderem Beckenbauer und Gerd Müller oder später Karl-Heinz Rummenigge und Lothar Matthäus. Oder in Mönchengladbach, wo er Stars wie Jupp Heynckes, Berti Vogts oder Rainer Bonhof trainieren konnte.

Am stärksten jedoch prägte ihn wohl seine Zeit in Spanien, beziehungsweise die Monate davor, die ihn und seine Frau ganz tief runtergezogen hatten. Sein Sohn Dirk erkrankte an Leukämie und starb 1981 im Alter von 15 Jahren. Zusammen mit seiner Frau Hildegard floh Lattek, zu dieser Zeit Trainer bei Borussia Dortmund, nach Katalonien, vor allem, um den Schmerz zu lindern. Danach war er besser als je zuvor in der Lage, den Fußball und seine Nebengeräusche nicht allzu ernst zu nehmen.

Lattek kehrte schließlich noch einmal zum FC Bayern zurück und feierte wieder große Erfolge. Sein zu hoher Alkoholgenuss tat der Erfolgsstory keinen Abbruch. Er verglich sich irgendwann einmal mit Schauspieler-Legende Hans Albers, "weil der, wie ich, saufen konnte und hart arbeiten". Einen würdigen Abschied aus dem innersten Zirkel des Bundesliga-Zirkus erhielt er dennoch. Im Jahr 2000 führte er Borussia Dortmund mit einem spektakulären Fünf-Spieltage-Trainer-Comeback zum Klassenerhalt. Einen besseren Abschied von seinem Fußball hätte er sich wohl kaum wünschen können.

Quelle: n-tv.de

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