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Nur drei Punkte vom Kollegen: Robert Lewandowski und Manuel Neuer.
Nur drei Punkte vom Kollegen: Robert Lewandowski und Manuel Neuer.(Foto: imago/Forum)
Dienstag, 13. Januar 2015

6 Dinge, gelernt beim Ballon d'Or: Lewandowski verschmäht Kollege Neuer

Von Christoph Wolf und Stefan Giannakoulis

Ronaldo ist Weltfußballer, Messi Zweiter, Neuer Dritter. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Hinter den Zahlen der Abstimmung verbirgt sich Interessantes und Kurioses. Wer hat wie abgestimmt? Zum Beispiel Lewandowski.

Manuel Neuer trug es mit Fassung. Der Torhüter des FC Bayern hatte Platz drei belegt bei der Wahl zum Weltfußballer des Jahres - hinter dem Sieger Cristiano Ronaldo und Lionel Messi. "Für mich ist es ein voller Erfolg", verkündete Neuer am Montagabend nach der Fifa-Gala im Züricher Kongresshaus. Und wirkte alles andere als zerknirscht. Warum auch? War er doch als Außenseiter in ein Rennen gegangen, das seit jeher die gewinnen, die Tore schießen. Und nicht die, die Tore verhindern. Für ihn gilt: "Ich habe ein fantastisches Jahr 2014 erlebt!"

Tja, Leute: Der Sieger bin ich.
Tja, Leute: Der Sieger bin ich.(Foto: AP)

Dabei hatte er nur knapp den zweiten Platz verpasst. Bitter, oder? Ach was! "Das ist egal. Es ist ja kein Unbekannter, der Nummer zwei ist." Inzwischen ist Neuer schon wieder auf den Weg nach Katar ins Trainingslager seiner Münchner. Dort kann er sich dann in aller Ruhe mit seinem Kollegen Robert Lewandowski unterhalten.

Der Angreifer spielt nämlich nicht nur wie Neuer für den FC Bayern, sondern ist auch Kapitän der polnischen Nationalmannschaft. Als solcher durfte auch er den Weltfußballer wählen. Wie jeder Spielführer und jeder Trainer der 209 Verbände der Fifa durfte er drei Stimmen abgeben: Fünf Punkte gab es für Platz eins, drei für Platz zwei und einen Punkt für Platz drei. Und was machte Lewandowski? Bedachte Ronaldo von Real Madrid mit der Maximalpunktzahl, erst dann folgten die Teamgefährten Neuer und Schweinsteiger. Na, das ruft doch nach einer Aussprache.

Daten-Special zum Ballon d'Or

Das Ergebnis zur Wahl des Weltfußballers ist bekannt: Cristiano Ronaldo macht das Rennen, Manuel Neuer bleibt Platz drei - noch hinter Lionel Messi. Doch wer wählte wen? Welche Liga schneidet am besten ab? Das alles und mehr finden sie im Daten-Special zum Ballon d'Or.

Und wenn Neuer einmal dabei ist, kann er in Doha gleich zu den Schalkern rübergehen, die sich ebenfalls in Katar auf die Rückrunde der Bundesliga vorbereiten. Schließlich ist Neuer bei den Gelsenkirchenern groß geworden. Und er trifft dort auf Christian Fuchs. Der ist Kapitän der österreichischen Nationalmannschaft und hatte die volle Punktzahl ebenfalls an Ronaldo vergeben. Für Neuer aber hatte er nur einen Zähler übrig. Was ein klein wenig zugespitzt nichts anderes heißt, als dass Fuchs und Lewandowski verhindert haben, dass der Schlussmann des FC Bayern bei der Abstimmung zum Ballon d'Or nicht zumindest vor dem Argentinier Messi landete. Skandal, oder? Zumindest Anlass genug, sich die Ergebnisse genauer anzusehen. Sechs Dinge, die wir bei der Wahl zum Weltfußballer gelernt haben:

1. Alle lieben Ronaldo

Der Portugiese hat ja in diesem Jahr seinen Titel als bester Fußballer des Planeten erfolgreich verteidigt. Aber nicht nur das: Im Vergleich zum sehr ausgeglichenen Vorjahr steht dieses Mal ein erstaunlich deutlicher Sieg für Ronaldo zu Buche. Er hat mehr Punkte als der Argentinier Messi und Neuer zusammen und liegt auf allen Kontinenten dieser Erde bei allen Wählergruppen - Trainern, Spielführern, Journalisten - vorne; sogar in Südamerika. Das ist einigermaßen erstaunlich angesichts der Tatsache, dass Ronaldo bei der Weltmeisterschaft in Brasilien nicht gerade eine Sternstunde hatte und mit Portugal in der Vorrunde scheiterte. Doch es gibt eine einzige kleine Ausnahme: In Australien und Ozeanien bekam Neuer von den Trainern immerhin genauso viele Stimmen wie Ronaldo.

2. Deutsche Trainer stimmen für Neuer

Die Sache mit Neuers Teamkollege Lewandowski und dem Schalker Fuchs hatten wir besprochen. Aber was ist eigentlich mit den deutschen Trainern? Wenn es nur nach ihnen gegangen wäre, hätte sich Neuer als Weltfußballer feiern lassen können. Jürgen Klinsmann (USA), Winfried Schäfer (Jamaika) und Bernd Stange (Singapur) haben allesamt den Torwart des Weltmeister mit fünf Punkten auf Platz eins gewählt. Bei Ulli Stielike, der Südkoreas Auswahl trainiert, landete Neuer allerdings hinter Ronaldo auf Platz zwei. Und Volker Finke, in Kamerun beschäftigt, hatte keine Punkte für seinen Landsmann übrig. Für Finke war Arjen Robben vom FC Bayern München der beste Spieler des vergangenen Jahres.

3. Fußballer meiden Torverhinderer

Neuer bekam vor allem von den Spielern unterdurchschnittlich wenige Stimmen, es waren nur 10,74 Prozent. Darüber kann er sich mit seinem Münchner Mitspieler Franck Ribéry unterhalten, den die Kollegen im vergangen Jahr ebenfalls mieden. Allerdings war der Franzose immerhin noch auf 17 Prozent gekommen. Gegen Neuer sprach letztlich, dass auch Fußballer selbst offenbar Toreschießen für wichtiger halten als Toreverhindern - siehe Lewandowski. Weitere Beispiele sind der norwegische Bundesligaprofi Per Ciljan Skjelbred von Hertha BSC und der ehemalige Bayernspieler Roque Santa Cruz aus Paraguay, die Neuer gar nicht auf dem Zettel hatten. Immerhin konnte er sich auf Teamkollege Claudio Pizarro verlassen, der ihn auf Rang eins setzte. Letztlich aber hat Neuer seine Unbeliebtheit bei den Kollegen Platz zwei gekostet. Denn bei den Trainern lag der Torwart mit 17,07 Prozent fast gleichauf mit Messi (17,31) und von den Medien bekam er gemessen am Gesamtschnitt überdurchschnittlich viele Stimmen, nämlich 19,34 Prozent.

4. Neuers Name zieht in Europa nicht

Kleines Kuriosum: In Südamerika schnitt Neuer bei den Spielern prozentual besser ab als in Europa. Eine Vermutung ist, dass dies mit seinen grandiosen Leistungen bei der WM zusammenhängt. Der relative Erfolg in diesen Kontinenten widerspricht ein wenig der These, Neuer sei chancenlos, weil er anders als Ronaldo und Messi keine globale Marke darstelle. Oder andersherum: In Europa zieht sein Name nicht, obwohl er dort mit dem FC Bayern in der Champions League spielt. Aber vielleicht hat ja das 0:4 im Rückspiel des Halbfinales gegen Real Madrid eine nachhaltige Wirkung hinterlassen. Allerdings erhielt Neuer in Asien, Australien/Ozeanien UND Europa mehr Punkte als Messi. Verstehe einer das Wahlvolk.

5. Mit Zahlen lässt sich prima spielen

Südamerikas Spieler sind dem deutschen Torhüter einigermaßen zugeneigt, andererseits holte Neuer dort seine schwächsten Ergebnisse: Von den Trainern bekam er gerade einmal drei Punkte, das sind 2,78 Prozent der Stimmen, von den Medien acht Zähler, also 6,84 Prozent. Und die Spieler aus dem Norden Amerikas gaben ihm nur 14 Punkte - 5,02 Prozent. Seine besten Ergebnisse verbuchte Neuer bei den Medien in Europa, den Trainern in Australien und Ozeanien sowie bei den asiatischen Spielern. Was sagt uns das? Ach, lassen wir das. Jedenfalls erhielt Neuer insgesamt 85 Mal die Höchstpunktzahl - Messi nur 55 Mal. Klarer Spitzenreiter ist Ronaldo, der 303 Mal die maximale Ausbeute verzeichnete.

6. Der FC Bayern ist nur Zweiter

Der Klub mit den meisten Spielern in den Top 23 ist Real Madrid mit sieben Akteuren: Cristiano Ronaldo, klar, der Kolumbianer James Rodriguez, der Deutsche Toni Kroos, der Waliser Gareth Bale, der Franzose Karim Benzema, der Spanier Sergio Ramos und der Argentinier Angel di Maria, der allerdings mittlerweile für Manchester United spielt. Also sind's eigentlich doch nur sechs. Auf Platz zwei -oder je nachdem gleichauf - folgt dann der FC Bayern mit insgesamt sechs Spielern: Manuel Neuer, auch klar, der Niederländer Arjen Robben sowie Thomas Müller, Philipp Lahm, Mario Götze und Bastian Schweinsteiger. Insgesamt dominiert die spanische Primera Division, die Bundesliga hält aber dank des WM-Titels gut mit.

Und sonst so? Ist die Weltfußballerwahl die Wahl des besten Offensivspielers, die Dominanz der im Angriff beschäftigten Spieler ist erdrückend. Neben Neuer steht nur noch ein weiterer Torwart auf der Liste: der Belgier Thibaut Courtois vom FC Chelsea, der es im vergangenen Jahr als Leihspieler mit Atlético Madrid bis ins Finale der Champions League schaffte. Er bekam immerhin viermal die Höchstpunktzahl - aber nicht vom belgischen Medienvertreter. Der setzte Neuer auf eins und gab Courtois keinen Punkt - während zum Beispiel Karlheinz Wild vom "Kicker" alle Punkte an deutsche Spieler vergeben hat. Apropos kurios: Aus Algerien hat Neuer vom Kapitän der Nationalelf, Bougherra Madjid, keinen Punkt bekommen, auch nicht von Trainer Christian Gourcuff - obwohl das Achtelfinale der WM Neuers spektakulärstes Spiel im vergangenen Jahr war. Aber: Vom Medienvertreter gab es immerhin zwei Punkte. Manuel Neuer wird es mit Fassung tragen.

 

Quelle: n-tv.de

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