Sport
Die Anzeigetafel im Berliner Olympiastadion ist gerüstet für den Anpfiff.
Die Anzeigetafel im Berliner Olympiastadion ist gerüstet für den Anpfiff.(Foto: picture alliance / dpa)

So läuft der Klassiker gegen England: Löw bittet zum verfluchten EM-Casting

Von Christoph Wolf

Im Fußball-Klassiker gegen England entscheidet sich noch nicht, wer einen Platz im deutschen EM-Kader erhält. Bundestrainer Löw erhofft sich in Berlin aber wichtige Erkenntnisse gegen Englands DFB-Kopie. Sicher scheint: Siegen wird seine DFB-Elf nicht.

Worum geht's?

Deutschland gegen England, das ist doch einer dieser Klassiker im Fußball. Denn damals, Sie wissen schon, gab es dieses Spiel. 30. Juli 1966, Wembley-Stadion, WM-Finale, Tofik Bakhramov, ein unvergesslicher Haiku von Kenneth Wolstenholme, die erste WM des Werner-Weih-Dutzends, das Wembley-Tor. England schlägt Deutschland mit 4:2 nach Verlängerung, wird Weltmeister - und wartet seitdem auf den nächsten großen Titel. Dass sich das Mutterland des Fußballs bereits 50 Jahre an dieser Sehnsucht verzehrt, daran ist die DFB-Elf nicht ganz unschuldig. Denn auch nach 1966 wurde es zwischen Engländern und Deutschen gern dramatisch, ungerecht, aufregend, hochspannend, philosophisch, martialisch, bisweilen alles auf einmal, meist mit dem besseren Ende für Deutschland. Stichwort: WM-Halbfinale 1990, EM-Halbfinale 1996, WM-Achtelfinale 2010.

Deutschland - England (Sa., 20.45 Uhr)

Voraussichtliche Aufstellung

Deutschland: Neuer - Ginter, Mustafi, Hummels, Hector - Khedira, Kroos - Müller, Özil, Reus - Gomez

Englische Startelf laut FA:

England: Butland - Clyne, Smalling, Cahill, Rose - Dier, Henderson - Alli, Lallana - Welbeck, Kane

Schiedsrichter: Rocchi (Italien)

Von der nun für 20.45 Uhr im Berliner Olympiastadion angesetzten 34.Aufführung des Fußballklassikers erhoffen sie sich in England vor allem Aufschlüsse darüber, wie es um die Titelreife des 2016er Jahrgangs von Nationalcoach Roy Hodgson steht. Also, ob sie so groß ist wie erträumt oder so klein wie befürchtet. Für Bundestrainer Joachim Löw ist das "Testspiel mit Wettkampfcharakter" der offizielle Start in sein großes EM-Casting bis zum 17. Mai, das mit Max Kruses Abwahl etwas verfrüht begonnen hatte. Wichtiger als das Ergebnis sind Löw Erkenntnisse. So spricht ein Weltmeister. Oder einer, der weiß: In bislang acht Spielen gegen England in Berlin gelang noch kein deutscher Sieg. Wenn das mal kein Fluch ist.

Wie ist die Ausgangslage?

Die Partie im Berliner Olympiastadion findet unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen statt.
Die Partie im Berliner Olympiastadion findet unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen statt.(Foto: picture alliance / dpa)

Abseits des Platzes angespannt. Nach den Anschlägen in Brüssel wurden die Sicherheitsvorkehrungen in Berlin massiv erhöht. Anzeichen für eine Absage des Spiels gibt es bislang nicht, die Lage kann sich laut Polizei aber stündlich ändern. Fans wird wegen verschärfter Kontrollen die frühzeitige Anreise empfohlen.

Auf dem Platz geht England als Favorit in die Partie beim Weltmeister, zumindest auf dem Papier: Die EM-Qualifikation war ein Spaziergang für die Hodgson-Truppe, zehn Spiele, zehn Siege, als erstes Team für das Turnier qualifiziert.  Ganz anders das DFB-Team, das bis zum letzten Spieltag um die direkte Qualifikation zittern musste. Erst im Endspiel gegen Fußballgigant Georgien buchten Löws Rumpel-Künstler ihr EM-Ticket, das allerdings wenig weltmeisterlich. Immerhin muss das Kartellamt nicht ermitteln.

Wie ist Deutschland drauf?

Schwer zu sagen. Seit dem Georgien-Krampf Mitte Oktober 2015 hat Deutschland kein Spiel mehr unter Normalbedingungen bestreiten können. Das Testspiel in Frankreich wurde von den Terroranschlägen in Paris überschattet, das Ergebnis von 0:2 war sportlich völlig wertlos. Die Partie gegen die Niederlande in Hannover wurde kurzfristig abgesagt. Jetzt also der Test gegen England, vor dem Joachim Löw den Konkurrenzkampf um die 23 EM-Plätze angeheizt hat. "Es ist eine tolle Bühne für die Spieler, sich bei uns nachhaltig zu empfehlen", kündigte er an, die Etablierten sollten sich ja nicht zu sicher zu fühlen. Im Sturm darf Wieder-Nationalspieler Mario Gomez ran, in der Abwehrzentrale wird die Premiere von Jonathan Tah erwartet. Der Leverkusener könnte zum 78. Debütanten der Ära Löw werden.

Ersetzen muss Löw allerdings seinen Kapitän und "emotionalen Leader" Bastian Schweinsteiger, dem nach seiner Innenbandverletzung sogar das EM-Aus droht. Davon will Löw zwar noch nix wissen. Einen Plan B für die Besetzung der Schweinsteiger-losen Mittelfeldzentrale wird er aber längst im Kopf haben, Schweinsteiger fehlt ja nicht zum ersten Mal. Gegen England werden Sami Khedira und Toni Kroos als Doppelsechs erwartet hinter der Offensivreihe Marco Reus, Mesut Özil und Thomas Müller.

Wie sind die Engländer drauf?

Exzellent, legt man die Qualifikation zugrunde. Auch Bundestrainer Löw ist ganz angetan: "Sie spielen aus einer sehr guten Defensive, haben wenig Gegentore kassiert. Sie haben Spieler, die schnell im Konter sind." Kurzum: England 2016 spiele wie Deutschland 2010, findet Löw, also in seinen Augen wohl ziemlich gut. In ihrer Heimat werden die "Three Lions" trotzdem schon als Papiertiger abgestempelt, die bei der EM am ersten guten Gegner scheitern werden. Die Furcht vor dem Scheitern gegen Deutschland hält sich beim englischen Verband FA freilich in Grenzen. Nationaltrainer Roy Hodgson gab schon am Samstagmorgen seine Startelf bekannt. Mit Joe Hart, Raheem Sterling und Kapitän Wayne Rooney fehlen drei Stars verletzt, dafür gibt Tottenhams Danny Rose sein Debüt. Shooting-Star Jamie Vardy, der Leicester in England gerade in Olaf-Marschall-Manier zum Sensationstitel schießt, sitzt erstmal auf der Bank. Genau wie Arsenal-Star Theo Walcott, über den Ex-Nationalspieler Robbie Fowler vor dem Spiel in der Zeitung "New Day" ätzte: "Er trifft nicht für Arsenal, also wurde er für das nominiert, was er in der Vergangenheit getan hat." Joachim Löw freilich hätte für diese Nominierungspraxis Verständnis.

Was gibt es sonst noch?

Die Vorstellung des neuen DFB-Auswärtstrikots, selbstredend in einem Heimspiel. Nach den schwarzen Leibchen der WM 2010, den sattgrünen n-tv.de Alltime-Favorites der EM 2012 und der Flamengo-Kopie zur WM 2014 wird es diesmal dezent. Der DFB schwärmt auf seiner Homepage in bester PR-Poesie von "leicht melierten grauen Jerseys mit feinen, schwarzen Streifen im Vorderteil sowie cremefarbenen Streifen an den Seiten und olivgrünen Ärmeln auf. Hosen und Stutzen sind in cremeweiß gehalten". Der einzige Trost ist: Die Trikots der Engländer sehen so aus, wie die Beschreibung der DFB-Trikots klingt. Wer hat nur dieses verwaschene Hellrot ausgesucht?

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen